Ursula Beier aus Sulzberg engagiert sich seit 1979 für die Ärmsten in Sri Lanka – Jetzt wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt

Ein Leben im Dienst für die Ärmsten

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Es ist die Unschuld und die Freude der Kinder aus armen Familien, die Ursula Beier mit ihren 74 Jahren noch immer die Kraft zum Weitermachen mit ihren beiden Vereinen in Deutschland und Sri Lanka gibt.

Sulzberg – Anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande reiste die 73-jährige Ursula Beier aus Sulzberg-Moosbach zum 105. Mal von Sri Lanka nach Deutschland. Begonnen hat alles 1979.

Ursula Beier gründete 1981 den damaligen Verein Ceylon Direkthilfe e.V., der in Sri Lanka den Ärmsten der Armen unbürokratisch und auf breiter Ebene in den dringendsten Belangen Unterstützung und Hilfe zur Selbsthilfe gab. Heute steht sie der Ursula Beier - Sri Lanka Hilfe e.V. und der Association for Peace and Love vor, die das über Jahrzehnte aufgebaute Hilfsnetzwerk fortführt.

Zur Durchführung der vielseitigen Maßnahmen stützt sich die rüstige Mittsiebzigerin auf Vertrauenspersonen vor Ort, die ihr Land und die Mentalität der Menschen kennen. Ursula Beier bleibt dabei persönlich im Hintergrund. In Sri Lanka wird sie dennoch als Sudu Amma, die „weiße Mutter“ verehrt. 1998 ging ihr persönlicher Wunsch in Erfüllung. Südlich von Colombo eröffnete sie das Ayurveda-Ressort „Spring of Life“, dessen Reingewinn vollständig in die sozialen Hilfsprojekte fließt.

Am 4. März 2016 wurde Ursula Beier für ihr wohltätiges Werk von Bundespräsident Joachim Gauck das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen, das sie von Sozialministerin Emilia Müller bei einer Feierstunde in München entgegennahm. In ihrer Laudatio sagte die Ministerin „Neben dem Bau der nötigen Infrastruktur haben Sie auch besonderen Wert auf die Vermittlung von fachlicher Kompetenz gelegt. Damit haben Sie auf eine nachhaltige Entwicklungshilfe gesetzt und den Menschen vor Ort das Rüstzeug für Selbsthilfe in die Hand gelegt. Zudem haben Sie für die Finanzierung Ihres Projekts in den letzten zehn Jahren Spenden in Höhe von etwa 1,6 Mio. Euro akquiriert.“

Der Kreisbote traf Ursula Beier zu diesem Anlass in München.

Frau Beier, wir gratulieren. Sie haben soeben das Bundesverdienstkreuz am Bande für Ihre jahrzehntelange Wohltätigkeit für die Ärmsten der Armen in Sri Lanka erhalten. Und Sie haben gerade Ihren 105. Flug zwischen Sri Lanka und Deutschland hinter sich. Wann sind Sie das erste Mal nach Sri Lanka geflogen?

Beier: „Am 19. Juni 1979. Bei einem Zwischenstopp in Moskau begegneten wir einem Herrn aus Sri Lanka. Er war der beliebteste Filmschauspieler Sri Lankas und der Schwiegersohn der Präsidentin Bandaranaike – Vijaya Kumaratunga. Nach unserer Rundreise durften wir ihn besuchen. Beim Abschied hat er uns gebeten, recht bald wiederzukommen, doch nicht als Touristen sondern als seine Gäste und Freunde.“

Sind Sie der Einladung gefolgt? 

Beier:  „Ja, im April 1980 sind wir zum zweiten Mal nach Sri Lanka geflogen. Unser Gastgeber Vijaya hatte im Nachbarhaus eine schöne Wohnung für uns organisiert und fuhr mit uns durch das ganze Land. Es war eine unbeschreibliche, wunderschöne Tour. Er zeigte uns sein geliebtes Land mit seinem großen Herzen. Überall wurden wir willkommen geheißen und lernten die Menschen in ihrer Urform kennen.“

Wie darf man sich den Beginn Ihrer Hilfsorganisation in Sri Lanka vorstellen?

Beier: „Im November 1980 sind wir schon zum 3. Mal nach Sri Lanka gereist. Wir wurden von Vijaya in ein Kinderheim für unerwünschte Kinder geführt. Auch alte Menschen und geistig wie körperlich Behinderte waren hier untergebracht. Sie lagen auf dem Boden, kein Bett, keine persönliche Schublade, nichts. Die Heime leben von den Spenden, die von den Bewohnern des Landes gebracht werden. Unser erster Besuch war ein Riesenschock für uns. Die Menschen litten unter Hunger, ihre Haut war zum Teil blutig, ihre Augen traurig. Hier haben wir mit unserem ersten Projekt begonnen. Nahrung, Kleidung, Betten, Tische, Schränke, elektrischer Strom, Renovierung von Gebäuden und so weiter.“

Haben Sie mit erlebt, wie weit Ihre Hilfe das Leben dieser Menschen verändert hat?

Beier: „Ja, gerade diese Entwicklung hat uns so gestärkt und immer weiter planen lassen.“ Haben Sie heute noch Kontakt zu diesen Menschen? Beier: „Im ganzen Land ist der Kontakt erhalten geblieben. Die Menschen sehen mich überall voller Liebe als die „weiße Mutter“. Jeder umarmt und küsst mich. Und sie freuen sich von ganzem Herzen. Niemand bettelt um etwas. Sie sind so stolz und froh, wenn sie uns ihre Erfolge zeigen können.“

Mit der Zeit wurden es ja immer mehr Projekte und Sie hatten Ihre Geschäfte in Deutschland, Familie und die Projekte in Sri Lanka unter einen Hut zu bringen. Wie haben Sie das geschafft? 

Beier: „Wir haben Tag und Nacht gearbeitet. Kein Privatleben mehr. Wir waren nur glücklich, wie die Spender uns vertrauten und wir die vielen Projekte durchführen konnten. Es ist der Sinn unseres Lebens geworden.“ Hat Ihre Familie da immer mitgespielt? Beier: „Ja, sonst hätten wir es nicht so geschafft! Unser Sohn Christian, mein Mann und ich sind mit vollem Herzen gemeinsam und bedingungslos unserer Lebensaufgabe gefolgt. 1991 – nach 25 Jahren Ehe - hat sich mein Mann noch einmal verliebt, und ich bin ins Allgäu gezogen.“

Aktuell betreut Ihr neuer Verein „Ursula Beier – Sri Lanka Hilfe e.V.“ über 960 Patenschaften für Kinder und Studenten. Wie kam es dazu? 

Beier: „Wir erkannten immer mehr, wie schwierig es für manche Familien ist, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Die Schulkleidung, das feste Schuhwerk, Schullernmittel, und vor allen Dingen die „Tushion Classes“, die von den Lehrern erzwungenen Nachhilfestunden, können sich viele arme Familien nicht leisten. Da das staatliche Gehalt der Lehrer nicht genug ist, werden die Nachhilfestunden am Nachmittag gegen Bezahlung erzwungen. Auch die besten Schüler müssen daran teilnehmen. Oftmals werden die Kinder auf dem Weg zur Schule ohnmächtig, weil sie nicht genug zu essen bekommen. Unsere Koordinatoren im ganzen Land riefen uns um Hilfe. Und so entstanden die Patenschaften für die Kinder, deren Vater verstorben oder arbeitsunfähig krank ist. Den Müttern ist es alleine nahezu unmöglich mit Gelegenheitsarbeiten ihre Kinder und oft noch ihre Eltern durchs Leben zu bringen. Sie kommen direkt zu uns oder bitten durch die Koordinatoren um Hilfe, damit sie die Kinder weiter zur Schule schicken können. Ihre Anträge lassen wir auch vom Bürgermeister, den Schuldirektoren und den Priestern und Mönchen der Umgebung prüfen.“

Haben Paten die Möglichkeit, direkten Kontakt zu ihren Patenkindern aufzunehmen? 

Beier: „Ja, das organisieren wir gerne. Vielfach sind es die Gäste in unserem Ayurveda-Kurzentrum „Spring of Life“, die sich ein Patenkind wünschen. An den behandlungsfreien Sonntagen bieten wir Ausflüge an, oftmals auch in unsere Projekte im Lande. Ich bin immer die erste weiße Frau gewesen, der die Bevölkerung begegnet ist. So ist es jedes Mal ein besonderes Erlebnis, diese Einheimischen in ihrer Einfachheit zu besuchen. Und unsere Gäste sehen und fühlen, wie man hier in Armut lebt.“

Nach dem Tsunami haben Sie mehrere Monate in Sri Lanka verbracht und geholfen, wo auch immer schnelle Hilfe benötigt wurde. Was haben Sie damals erlebt und wie konnten Sie helfen? 

Beier: „Es ist ein Riesenschock gewesen, wie die Menschen von jetzt auf gleich plötzlich ohne ein Zuhause dastanden. Ich bin sofort am 14. Januar nach Sri Lanka geflogen und vom Flughafen bis zur Südküste gefahren. Das Elend kann man sich nicht vorstellen! Die Häuser zerstört, Familienmitglieder auf einmal verstorben, keinen Mut mehr, nur Angst und Verzweiflung war zu spüren und zu sehen.“

Nach dem Tsunami sind viele internationale Gelder an Hilfsorganisationen geflossen. Hat Ihre Organisation auch davon profitiert? 

Beier: „Von den internationalen Hilfsorganisationen sind wir nicht unterstützt worden.“

Sie haben ein ganzes Tsunami-Dorf gebaut. Haben Sie dafür auch mit ausländischen Organisationen zusammen gearbeitet? 

Beier: „Wir haben mit der einheimischen NGO ‚Kalutara Bodhi Trust‘ gemeinsam ein Dorf gebaut. Das Grundstück wurde von ihnen zur Verfügung gestellt, wir bauten 39 Häuser und die NGO 14 Häuser.“

Wie darf man sich ein solches Bauvorhaben vorstellen? Wovon bezahlen Sie die Grundstücke, das Baumaterial, die Facharbeiter? 

Beier:  „Die Grundstücke haben wir z. T. Vom Staat kostenlos bekommen, weil wir ja schon so lange im Lande arbeiten. Andere erhielten wir von Einheimischen, mit denen wir zusammen gebaut haben.“

Wie viele Häuser haben Sie mit Ihrer früheren Organisationen “Ceylon-Direkthilfe e.V.” und der heute noch aktiven Ursula Beier - Sri Lanka Hilfe e.V. inzwischen in Sri Lanka für die Armen gebaut? 

Beier:  „Es sind bisher circa eintausend Häuser entstanden.“

Sie legen viel Wert auf den Erhalt der alten Kultur Sri Lankas und engagieren hierfür sogar bezahlte Lehrer. Weshalb ist das so wichtig? 

Beier: „Bisher haben wir in Sri Lanka 48 Gemeindezentren in den armen Dörfern gebaut. Hier wird Unterricht für die Kinder und Jugendlichen erteilt in Musik, Gesang, Instrumente spielen, kulturellen Tänzen, Theater spielen. Die Mütter erhalten Unterricht im Nähen, Vorträge ‚Wie erziehe ich mein Kind?‘, ‚Wie ernähre ich mein Kind gesund?‘ Aufklärung über Familie und Umwelt und Hygiene. Unterricht in Lebenshaltung und Selbsthilfe durch das Anpflanzen von Gemüse, Früchten und Kräutern. Soziales Verhalten in der Gemeinschaft. Es ist wunderbar, wenn wir erleben können, wie talentiert die Kinder auf der Bühne sich zum Ausdruck bringen. Das fördert ihr Selbstbewusstsein und ihre Freude am Leben. Und die Dorfbewohner freuen sich über die Erfolge ihres gemeinsamen Wirkens.“

Arbeiten Ihre Helfer in Sri Lanka auch ehrenamtlich? 

Beier: „Wir zahlen Ihnen die entstehenden Kosten und einen kleinen Betrag für ihren ständigen Einsatz. Viele tun es nebenberuflich in ihrer Freizeit.“

Sie arbeiten in Sri Lanka auch mit anderen Hilfsorganisationen zusammen. Darunter sind auch deutsche Organisationen. Einer Ihrer bedeutendsten Kooperationspartner ist jedoch der buddhistische Mönch Podhi Hamuduruwo aus dem Gangarama Tempel in Colombo, der als der einflussreichste Tempel in Sri Lanka gilt. Wie kam es zu dieser seit Jahren bestehenden Zusammenarbeit und was ist daran das Besondere? 

Beier: „1982 bin ich diesem besonderen buddhistischen Mönch zum ersten Mal begegnet. Er ist sozial sehr aktiv. Zum Beispiel hatte er damals schon 30.000 Kinder von der Straße geholt und ihnen eine berufliche Ausbildung ermöglicht. Das hat mich sehr beeindruckt, und daraufhin haben wir gemeinsam ein Kinderheim für Behinderte erbaut. Er hat immer wieder kostbare Ideen und Möglichkeiten, wie die Probleme gelöst werden können.“

Was würden Sie als das Besondere an Ihrem Verein „Ursula Beier - Sri Lanka Hilfe e.V. beschreiben? 

Beier: „Seit 1981 sind uns alle Projekte wunderbar gelungen, denn wir sind immer ehrlichen und einsatzbereiten Menschen in Sri Lanka begegnet, die sofort begeistert mitgearbeitet haben. Und so ist im Laufe von vielen Jahren ein gutes Team entstanden. Dadurch haben wir einen großen Spender-Stamm, der uns vertraut und immer wieder unterstützt. Und viele Spender haben uns inzwischen in Sri Lanka besucht und unsere Projekte sehen können.“

Der Verein läuft nach deutschem Recht. Hat dieser Verein auch Rechte in Sri Lanka?

Beier: „Deshalb haben wir zwei Vereine gegründet. Der deutsche Verein “Ursula Beier - Sri Lanka Hilfe e.V.” wirkt nach deutschem Recht, und die “Universal Association for Peace and Love Ltd.” wird nach den Gesetzen Sri Lankas geführt.“

Wovon finanziert sich die “Ursula Beier-Sri Lanka Hilfe e.V.”?  

Beier: „Durch Spenden.“

Kann ein Spender seine Spende an ein bestimmtes Projekt binden? 

Beier: „Ja, selbstverständlich!“

Welches der vielen aktuellen Projekte benötigt derzeit die größte Unterstützung? 

Beier: „Das, was uns immer wieder sehr am Herzen liegt, sind die Schul- und Berufs-Ausbildungen der Kinder und Jugendlichen. Zurzeit beteiligen wir uns an einem neuen Ausbildungsprojekt verschiedener Berufe für rund 2.500 Jugendliche aus armen Verhältnissen, die keinen guten Schulabschluss absolvieren konnten. Ins Leben gerufen wurde es von dem besonderen Mönch Podhi Hamuduruwo im Gangarama Tempel in Colombo. Unser Anteil ist der Bau eines Auditoriums. Hier benötigen wir noch finanzielle Unterstützung.“

Frau Beier, wir danken für dieses Gespräch und wünschen Ihnen und Ihrer Hilfsorganisation weiterhin viel Erfolg.

Sollten auch Sie interessiert sein, die Ursula Beier - Sri Lanka Hilfe e.V. zu unterstützen, wenden Sie sich bitte direkt an Ursula Beier (www.ursula-beier.de). Die Patenschaft für ein Kind beträgt 25 Euro pro Monat. Dafür kann die Familie des Kindes Schulkleidung, festes Schuhwerk und den Bedarf an Busfahrscheinen, Schullernmitteln und Nahrung kaufen. Das Geld wird den Familien monatlich ausbezahlt, ein kleiner Anteil wird auf ein Sparkonto einbezahlt, damit die Kinder auch den Umgang mit Geld lernen.

Iris Hüttner

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