Groß, global und stark: Vortrag über das Reich der Mitte

Chinas Rolle in der Welt

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Gut gefüllt waren die Ränge in einem Hörsaal der Hochschule Kempten, als der ehemalige außenpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Dr. Rainer Stinner, zum Thema „Chinas Rolle in der Welt – groß, global, stark“ referierte.

Kempten – Das Reich der Mitte gibt manch politisch Interessierten immer wieder Rätsel auf. Welche Rolle möchte China zukünftig in einer globalisierten Welt spielen? Wird es gemäß seiner wirtschaftlichen Macht und seiner neuen militärischen Stärke zu einem kalkulierbaren Player auf der Weltbühne oder geht von der straff geführten Volksrepublik gar eine Gefahr aus? Mit diesen Themen beschäftigte sich der ehemalige Bundestagsabgeordnete Dr. Rainer Stinner in seinem Fachvortrag „Chinas Rolle in der Welt – groß, global, stark“, zu der die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung vergangene Woche in die Hochschule Kempten eingeladen hatte.

Neben Studenten erschienen auch viele Bürger, die mehr erfahren wollten über die gegenwärtige Rolle Chinas in der Welt. Zuerst widmete sich Dr. Rainer Stinner, der in den Jahren 2009 bis 2013 außenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion gewesen war und China persönlich häufig bereiste, mit der Mentalität des gemeinen Han-Chinesen. Die unterscheidet sich diametral von der des westlichen Menschen. Steht die Freiheit und die Entfaltung des Individuums im Zentrum westlicher Kultur, so ist die Befasstheit des Chinesen eher von kollektiven Denken und Unterordnung unter eine gemeinsame Sache geprägt. Der Chinese vermisst seine individuellen Rechte nicht, so lange er durch ein streng geführtes Kollektiv materiell profitiert. Nichts, so der Dozent, vermag den Chinesen mehr in Unruhe zu versetzen, als Unruhe selbst. „Die Perestroika in der ehemaligen Sowjetunion hat mehr Chaos und Armut erzeugt, als dass sie Nutzen für den Einzelnen gebracht hätte. Wir Chinesen werden einen solchen Weg niemals bestreiten“, so erklärte es dereinst ein weibliches Mitglied der chinesischen KP dem FDP-Politiker bei einem seiner zahlreichen Besuche im Reich der Mitte.

China gehört zu den Schwellenländern und ist zusammen mit Russland, Brasilien, Indien und Südafrika ein Mitglied der fünf BRICS-Staaten. Wirtschaftlich weist das Land mit seinen 1,37 Milliarden Menschen eine hohe Dynamik auf und hat bereits den ungeliebten Nachbarn Japan in punkto Wirtschaftskraft überholt. Das Land, das in etwa so groß ist wie die Vereinigten Staaten, ist in seinem dünn besiedelten westlichen Teil, der Provinz Xinjiang mit der muslimischen Minderheit der Uiguren, von Hochebenen geprägt, im Süden hat es mit dem 1950 annektierten Landesteil Tibet Anteil am Himalaya und im Norden befinden sich ausgedehnte Steppenlandschaften. Die höchste Bevölkerungsdichte findet sich in den Schwemmebenen des Ostens, wo China an die Küsten des ost- und südchinesischen Meeres grenzt und wo es sich wirtschaftlich, sozial und außenpolitisch am schnellsten entwickelt. „Chinas Rolle in der Welt unterlag bis in die jüngste Zeit eher einer Doktrin der Zurückhaltun“, referiert Stinner, „aber angesichts einer immer kleiner werdenden Welt, kommt diese Strategie der Nichteinmischung zu einem Ende“, so Stinner mit Blick in die Zukunft. „Chinas außenpolitische Zurückhaltung geht auf die Jahre 1820 bis 1949, dem Gründungsjahr der Volksrepublik China, zurück“, weiß er zu erklären. In diese Zeit fallen der 1. und 2. Opiumkrieg, Kriege, die die Landmacht China gegen die europäischen Überseemächte Großbritannien und Frankreich führte und verlor. Im darauffolgenden innerchinesischen Konflikt mit der Qing-Dynastie, dem Taiping-Aufstand, verloren rund 25 Millionen Menschen ihr Leben. Im Boxerkrieg um das Jahr 1900 führte China allein gegen acht imperialistische Mächte Krieg und verlor abermals. Die größte Demütigung aber widerfuhr dem Land während des zweiten Weltkriegs, als große nordöstliche Landesteile durch die ungeliebten Japaner besetzt wurden. Diese vielen negativen Erfahrungen führten dazu, dass sich China bis auf kleine kriegerische Grenzkonflikte mit seinen Nachbarn Indien und Vietnam aus der Weltpolitik zurückzog.

Zurück auf der Weltbühne 

Zu Beginn des neuen Jahrtausends wurde China Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO). In klugen Verträgen sicherte sich China ausländische Absatzmärkte, bei gleichzeitigen Investitionen ausländischer Unternehmen im eigenen Land und legte damit den Grundstein seiner aktuellen wirtschaftlichen Prosperität. Derzeit expandiert die chinesische Wirtschaft nicht nur im Inneren, sondern betätigt sich selbst, vornehmlich in Entwicklungsländern, als Investor. Dass die weiterhin straff und hierarchisch geführte Autokratie China dies nicht nur aus gutem Willen tut, sondern damit eigene handfeste wirtschaftliche wie politische Ziele verfolgt, findet Stinner in Ordnung. „China hat sich in früheren Jahren, wenn es international auftrat, immer als ein verhältnismäßig friedlicher Akteur gezeigt.“ „Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft“, zitiert er in diesem Zusammenhang den chinesischen General Sun Tsu. Mit dieser Strategie, die nicht auf dem Einsatz von B52-Bombern oder T55-Panzern fußt, möchte sich China auch in Zukunft Einfluss, Macht und Geltung in der Welt verschaffen. In diesem Zusammenhang spricht Stinner die enge Zusammenarbeit Deutschlands mit der Volksrepublik China an. Deutschland profitiert als einziges Land der Welt von einer exklusiven Partnerschaft mit China, in der es jährlich zu ressortübergreifenden Regierungskonsultationen kommt. Daraus ergeben sich enge Kooprationen und demnach hervorragende Möglichkeiten für deutsche Unternehmen, die teilweise schon vor Ort produzieren, immer aber mit eigenen Niederlassungen oder durch Handelsvertretungen am fernöstlichen Markt vertreten sind.

Neue Macht durch Modernisierung 

Probleme sieht der Fernost-Extperte eher im Bereich des mangelhaften Umweltschutzes. Wann immer China sich in den letzten 20 Jahren des ungebremsten Aufstiegs zwischen Wachstum und Umweltschutz hatte entscheiden müssen, hatte China Wachstum gewählt. Die internationale Forderung nach Reduktion der CO2-Ausstoßes wurde seitens der kommunistischen Partei mit dem Hinweis abgetan, die chinesische Bevölkerung habe ein Anrecht auf billige Energie. Nun aber wird der Protest aus der eigenen Bevölkerung immer lauter. Zunehmend ist nämlich deren eigene Gesundheit in Gefahr und das führt im besten Fall zum Umdenken seitens der Verantwortlichen. Auch mit Sicherheitsstandards bei Arbeitsplätzen und vielen Produkten wurde es in der Vergangenheit häufig nicht so genau genommen. Nach etlichen Skandalen mit verseuchter Babynahrung ist auch in diesem Bereich der Druck aus der Bevölkerung gewachsen. Außenpolitisch sieht der China-Kenner Stinner durch das reich der Mitte kein allzu großes Risiko auf den Rest der Welt zukommen. „China beteiligt sich nun auch an internationalen Einsätzen wie der Pirartenbekämpfung ‚Operation Atalanta‘ am Horn von Afrika und fungiert seit diesem Jahr u.a. als Vermittler zwischen den verfeindeten Kriegsparteien in Afghanistan“, so der FDP-Mann.

Etwas kritischer sieht Stinner die Entwicklung im südchinesischen Meer rund um die Spratly Islands. China hat seine Armee rekonstruiert – weg von einer Landarmee hin zu modernen See- und Luftstreitkräften. Zwar schrumpfte hierdurch die Armee zahlenmäßig, ihre Schlagkraft aber konnte gesteigert werden. Diese neuen militärischen Möglichkeiten des Reichs der Mitte bekommen nun die Nachbarn Malaysia, Vietnam, Burnei, die Philippinen, aber auch Japan beim Streit über die Hoheit über die Spratly Islands zu spüren. So mochte sich auch bei der abschließenden Diskussion nicht jeder Gast der Einschätzung des Referenten Stinners anschließen, China als dauerhaft friedlichen Player in der Region zu bewerten.

Jörg Spielberg

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