Spenderlunge birgt Risiken

Überall lauert die Gefahr

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Claudia M. freut sich jeden Tag an ihrem neuen Leben. Um Gaffern ohne viele Worte den Wind aus den Segeln zu nehmen, trägt sich manchmal eines ihrer selbstgestalteten T-Shirts.

Für Claudia M. ist jeder Gang durch die Stadt ein Spießrutenlauf. Die Menschen gaffen, tuscheln, gehen ihr aus dem Weg, manche beschimpfen sie sogar. Erst kürzlich musste sie sich von einem alten Herrn angehen lassen: „Bleiben Sie doch mit Ihrem AIDS zuhause!“

Claudia M.s Handicap: Sie muss in Menschenansammlungen einen Mundschutz tragen. Doch nicht sie ist gefährlich für Ihre Umwelt, sondern ihre Mitmenschen können lebensbedrohlich für die 52-Jährige sein. Denn in ihrer Brust atmet seit 15 Monaten eine Spenderlunge. 

Der Tag von Claudia M.s Geburt hat sich kürzlich zum 52. Mal gejährt. Der Tag, an dem ihr ein zweites Leben geschenkt wurde, war der 22. August 2013. Kurz nach Mitternacht kam der ängstlich herbeigesehnte und doch nie erwartete Anruf des Klinikums Großhadern, Transplantationszentrum: „Wir haben eine Lunge für Sie. Nehmen Sie sie an?“ 

„Kranksein gab es bei mir früher nicht“, erinnert sich Claudia M. an ihr früheres Leben. Wegen einer Erkältung nicht zu arbeiten, womöglich das Bett zu hüten? Niemals! Und ja, sie habe geraucht, seit sie volljährig war. Dann, 2001, nach einer nicht auskurierten Grippe mit 40 Grad Fieber, wegen der sie „natürlich nicht zum Arzt“ gegangen war, blieb der gebürtigen Kemptenerin eines Tages buchstäblich die Luft weg. „Ich hatte ständig Husten und plötzlich Atemnot beim Laufen.“ Die Diagnose des konsultierten Arztes lautete COPD mit Lungenemphysem. 

Claudia M. erklärt die Krankheit, die sie fast das Leben kostete, scheinbar emotionslos: Bei einem Lungenemphysem, einer sogenannten Blählunge, sind die Lungenbläschen überbläht und platzen auf. Dadurch werden aus zahllosen kleinen Bläschen mit insgesamt extrem großer Oberfläche, wenige gro-ße, träge Blasen, die deutlich weniger Oberfläche zur Aufnahme von Sauerstoff aufweisen. Zudem wird die Abgabe von Kohlendioxid erschwert. „Man erstickt quasi an der vollen Lunge“. Die Krankheit gilt als unheilbar. Bestenfalls ist eine Verlangsamung des Krankheitsverlaufs zu erreichen. 

Sechs Wochen 

Koma Sie selbst nahm „das bisschen Bronchitis“ nach wie vor nicht ernst, ging weiter ihrem Beruf als Bankkauffrau nach, half ihrem damaligen Mann in seiner Gastronomie und versorgte in ihrem Wohnort in der Nähe von Kempten ihre zwei kleinen Kinder. Bis es ihr immer schlechter und schlechter ging. 2008 musste sie sich widerwillig verrenten lassen. Ab 2010 konnte die damals 48-Jährige nur noch sitzen und liegen, das Haus kaum mehr ohne Rollator und Sauerstoffgerät verlassen. Ein schwerer Infekt brachte sie Anfang 2011 auf die Intensivstation. Es folgten sechs Wochen Koma, aus denen sie ohne Gehirnschäden, aber mit einem Körpergewicht von 43 Kilogramm erwachte. „Ich konnte keinen Stift mehr halten und nicht selbstständig schlucken“, erzählt sie und appelliert an Angehörige von Komapatienten: „Bitte redet mit den Leuten!“ Sie selbst habe einiges mitbekommen. „Aber seid auch vorsichtig. Jede zarte Berührung kann Höllenqualen verursachen!“ weiß sie aus eigener leidvoller Erfahrung. Im November 2011 wurde Claudia M., die ihren damaligen Zustand als „Dahinvegetieren“ beschreibt, nach den (hierfür verpflichtend vorgeschriebenen) eingehenden Untersuchungen in die europawei- te Liste von Transplantationsanwärtern aufgenommen. „Jeder auf dieser Liste muss ein Mal zu einer mehrwöchigen Vorbereitung in eine Klinik, um seinen bestmöglichen körperlichen Zustand zu erreichen – und danach eigenständig zu halten.“ Bei Claudia M. bedeutete dieser „bestmögliche Zustand“, innerhalb von sechs Minuten eine Wegstrecke von 39 Metern zurücklegen zu können. Sechs Wochen nach dem Klinikaufenthalt dann der Anruf: „Wir haben eine Lunge für sie. Nehmen Sie sie an?“ 

Nichts mitgenommen 

„Ich war vollkommen leer, fassungslos, habe automatisch mit ‘Ja‘ geantwortet“ schildert Claudia M. den Moment, in dem der Weg in ihr neues Leben begann. Eine Dreiviertelstunde später stand der Sanka vor der Tür, der sie nach Großhadern brachte, „obwohl ich in dem Moment am liebsten weggelaufen wäre.“ Mitgenommen habe sie nichts, „damit die Kinder, wenn ich nicht überlebe, nichts abholen müssen“. Die ganze Fahrt über habe sie an nichts anderes als an den Spender denken können, der gerade sein Leben verloren hatte. Und an seine Angehörigen. Am folgenden Vormittag kam das Spenderorgan in München an. Sechs Stunden später war die doppelseitige Lungentransplantation, bei der zugleich alle Herzklappen ausgetauscht wurden, komplikationslos beendet. 48 weitere Stunden später wachte Claudia M. auf, ihre damals 14-jährige Tochter saß am Bett. „Mir ging es gut, ich habe Luft bekommen.“ Nach rekordverdächtigen acht Tagen (andere müssen bis zu 100 Tage dort verbringen) wurde sie von der Intensiv- auf die Normalstation verlegt. Vier Wochen hiernach stützte sie sich unachtsam auf, „auf einmal machte es ping, ping, ping – und eine der beiden jeweils 20 Zentimeter langen inneren Operationsnähte platzte auf. Meine Lunge kam zwischen den Rippen heraus.“ Doch auch die zweite OP verlief erfolgreich. 

Durch die Krankheit und die OP sei sie ein „um 180 Grad anderer Mensch geworden“, sagt Claudia M. heute. „In gewisser Weise auch ein besserer Mensch. Nicht mehr der taffe Workaholic. Sondern ruhiger, geduldiger. Und voller Freude am Lachen und am Leben. „Seitdem ich wieder lebe“, sagt sie, habe sich auch ihr „einhundert Prozent neues, lebenswertes Leben“ extrem verändert. Um die Schattenseiten möchte Claudia M. kein großes Aufhebens machen. Erwähnt werden sollen sie trotzdem. 

Jeden Tag muss sie bis zu 22 Tabletten nehmen. Immunsuppressiva. Cortison. Antibiotika. Pilzmittel. Diese haben starke Nebenwirkungen, können zu Nierenversagen führen. Regelmäßig stehen umfangreiche Untersuchungen an. Anders als beispielsweise bei Herztransplantierten ist das neue Organ bei Lungentransplantierten durch die Atmung immer direkt mit der Außenwelt verbunden. Dieser Umstand birgt Risiken. Vorhänge, Teppiche, Topfpflanzen, Klimaanlagen, verschmutz- te Luft, Haustiere, Obst, ungeschältes, ungekochtes Gemüse, Rohmilchkäse, Luftgetrocknetes: potenziell lebensgefährlich. Salz und Pfeffer gibt es nur noch aus kleinen Portioniertütchen. Der Pilzgefahr wegen. Nüsse sind aus demselben Grund absolut tabu. In einem beliebigen Restaurant essen zu gehen? Nahezu unmöglich. Denn wenn die hygienischen Bedingungen lax gehandhabt werden, könnte dies bei Transplantierten schwerste gesundheitliche Probleme auslösen. Ihr Risiko, an hellem Hautkrebs, an Lymphdrüsen- oder Blutkrebs zu erkranken, sei extrem hoch, sagt Claudia M. Denn das Immunsystem muss dauerhaft auf ein Minimum heruntergefahren werden, damit der Körper das Organ nicht abstößt. Da kann schon ein kleiner Kratzer mit einer Infektion ausreichen. Oder die Ansteckung mit allgegenwärtigen, für einen gesunden Menschen harmlosen Keimen. 

Gute und schlechte Tage 

Womit wir wieder beim Mundschutz wären. An guten Tagen erklärt Claudia M. ihren irritierten Mitmenschen, dass sie eine Spenderlunge hat. An schlechten Tagen bringen die Blicke und Kommentare sie schnell zum Weinen. Trotz allem bleibt sie positiv. „Ich bin meinem Spender, über den ich absolut nichts wissen darf, unendlich dankbar, dass er oder sie mir das Leben gerettet hat Täglich sterben in Deutschland drei Menschen, weil sie kein Spenderorgan bekommen.“ Sie selbst trägt auch einen Organspenderausweis bei sich. „Ich kann alles spenden, außer der Lunge und den medikamentengeschädigten Nieren“, sagt sie und schließt: „Ich bin der lebende Beweis dafür, dass Organspende etwas bewirkt.“ Übrigens: Heute schafft Claudia M. 270 Meter in sechs Minuten. Tendenz steigend. Sabine Stodal

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