Von Deutscher Pünktlichkeit bis zum Luxusproblem "Magersucht"

"Deutschland verstehen"

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Sprachlich und kulturell schon verhältnismäßig firm ist der Afghane Abdul Rahman Niazi (li.), der bereits seit zwei Jahren in Dietmannsried lebt und „Deutschland verstehen“ mit Pertra Alban (re.) besucht.

Kempten – Sportsgeist mussten vor allem diejenigen schon mitbringen, denen deutsche Kultur und Sprache noch relativ fremd sind: die Hauptzielgruppe also. Die dritte Ausgabe der Reihe „Deutschland verstehen“ war nichts für blutige Anfänger, weder inhaltlich noch sprachlich, auch wenn bei letzterem der Hammer etwas tiefer hing.

Proppenvoll war das Klassenzimmer im Haus International (HI) dennoch mit Asylbewerbern unterschiedlicher Nationalität, zum Teil in Begleitung ihrer ehrenamtlichen Betreuer, aber auch einzelne Einheimische wollten wissen wie die Deutschen „ticken“ und auch „ein bisschen die Bayern“, so die kurze Inhaltsangabe des Dozenten und Leiters des HI, Lajos Fischer, zum Einstieg.

Dass nicht alle über ausreichende Sprachkenntnisse für die ausschließlich in Deutsch gehaltene Unterrichtsstunde verfügen, ist Fischer bewusst, schließlich soll es auch Anreiz zum Lernen schaffen. Zur Erleichterung wird in sehr einfacher Sprache vorgetragen, dazu gibt es per Beamer reichlich Bildmaterial an der Wand und als Ungar spricht Fischer gestenreich – oder ist das nur ein Klischee, das wir von Ungarn haben? Um den Wahrheitsgehalt von Klischees geht es an diesem Abend nämlich auch. Einige tauchen schon auf, als die Teilnehmer auf Kärtchen schreiben, was ihnen zu Deutschland einfällt: Pünktlichkeit, Sicherheit, Bürokratie, kein Krieg, gutes Leben, Wurst essen, Auto, Arbeit... Zum Thema Privatsphäre und Pünktlichkeit kann Fischer auch aus seinem eigenen Erlebnisschatz beitragen. Denn anders als in den meisten anderen Ländern, wo man einfach bei einem Freund vorbeigehe, wenn man ihn besuchen wolle, „muss man in Deutschland vorher anrufen“ oder vorab einen Termin ausmachen. Fischer erklärt, dass hier Privatsphäre groß geschrieben wird und man da nicht so einfach eindringen dürfe. „Nicht mehr streng“ sei es mit der schon sprichwörtlichen deutschen Pünktlichkeit. Ausnahme: Bei offiziellen Terminen, vor allem bei Behörden u.Ä. „ist es wichtig pünktlich zu kommen“.

An der Wand erscheint ein Bild mit einer Wertstoffinsel. „Die Deutschen sind Fanatiker bei der Mülltrennung“, erklärt Fischer die Sinnhaftigkeit dieses Systems, während man in seiner Heimat Ungarn zum Beispiel einfach alles weggeschmissen, angezündet und „die Luft verpestet“ habe.

„Thema für Fortgeschrittene“ dürfte für den Abschnitt „Regeln“ zutreffen. Da ging es nämlich nicht nur darum, dass es diese – „ganz wichtig!“ - in Deutschland für den Verkehr gibt, sondern auch um „so komische Sachen“ wie Ladenschlussgesetz oder Buchpreisbindung. „In Deutschland gibt es viele Regeln und man braucht Jahre sie zu lernen und wenn ich sie gelernt habe, werden sie geändert“, meinte Fischer lachend.

Tiefschürfend wurde auch das Thema „Sicherheit“ behandelt, bei dem abgewogen werden müsse, wie viel Privatsphäre und Freiheit man dafür aufgeben wolle. Natürlich fehlten auch „deutsche Spezialitäten“ nicht, wie Urlaub, Freizeit, Fußball oder das „Statussymbol“ Auto. Befremdlich dürfte für die meisten Teilnehmer das Luxusproblem „Magersucht“ gewesen sein. Und doch, „in einem Land, wo es den Menschen gut geht, ist es ein Problem“, klammerte Fischer diese Tatsache nicht aus. Manche der Teilnehmer wirkten überfordert, sei es thematisch oder sprachlich. Aber viele konnten einigermaßen bis gut folgen und eine Ehrenamtliche, die mit ihrem erst seit wenigen Monaten in Deutschland lebendem Schützling mitgemacht hatte, verkündete anschließend ganz stolz, dass er sogar häufig „an den richtigen Stellen gelacht hat“.

Christine Tröger

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