"Die Menschen werden ausgenutzt"

SJR-Vorsitzender Stefan Keppeler (v.l.) und sein Stellvertreter Johannes Messe diskutierten das Thema „Respekt“ mit ihren Podiumsgästen Ingrid Jähnig, Marcel Pester, Dekan Jörg Dittmar, Klaus Meyer sowie Werner Röll, Bezirksgeschäftsführer von ver.di. Foto: Tröger

Was bedeutet „Respekt“? Hat es etwas mit Würde zu tun, mit Wertschätzung, Achtung, Toleranz oder Aufmerksamkeit? „Zurückschauen, Rücksicht“ lieferte Stefan Keppeler, Vorsitzender des Stadtjugendrings (SJR) Kempten und Moderator des Abends, unter anderem eine Übersetzung des lateinischen Wortes „respectus“. Wie vielschichtig und individuell sich das SJR-Jahresthema 2012 „Respekt“ gestaltet, wurde bei der als „erster Impuls“ gedachten Podiumsdiskussion vergangene Woche offenbar. „Keinen Respekt vor dem Individuum“ sah beispielsweise ver.di-Bezirksgeschäftsführer Werner Röll in den sich beständig verschlechternden Arbeitsbedingungen insbesondere im Einzelhandel.

„Die Menschen werden ausgenutzt zur Gewinnmaximierung“, kritisierte er. Die „Würde des Menschen“ stand bei Klaus Meyer, Vorsitzender der Lebenshilfe Kempten, im Vordergrund, denn „jeder Mensch verdient respektiert und geachtet zu werden“. Auch für Dekan Jörg Dittmar „hat Würde unbedingt etwas mit Respekt zu tun“. Er sah die „Idee der Würde“ unter anderem im Auftrag Gottes an den Menschen, das Gute zu repräsentieren. In der konkreten Lebenssituation heiße „Respekt“ für ihn zum Beispiel, wenn er einen jungen Typ mit unmöglicher Mütze, hängender Hose und dicken Kopfhörern sehe und statt ihn in eine Schublade zu stecken denke: „Und wenn das jetzt der ist, der dich in 40 Jahren pflegt?“. „Das ändert meine Ressentiments“ und bewirke ein Umdenken. Keinen Respekt habe er vor dem Urwaldsystem mit Hackordnung, bei dem es darum gehe: „Ich will, dass Du meine Position respektierst“. „Ich arbeite im Krankenhaus“, verkündete Marcel Pester vom Jugendzentrum St.-Mang, der im Alltag vielleicht einer der von Dittmar beschriebene junger Typ hätte sein können. „Ich sehe halt den Menschen als Mensch und wenn er Hilfe braucht, dann gebe ich sie ihm“. Wenn er auf der Straße einer unangenehmen Person begegne, dann denke er sich halt seinen Teil im Stillen und gehe vorbei. „Respektlos“ fand der Hobby-Sprayer dagegen, dass ein gestalteter Bauwagen von Jugendlichen einfach überkritzelt worden sei. „Hass gibt es bei mir nicht“, betonte er, aber er würde gerne fragen: „warum?“. Verschiedene Ebenen Das Erlernen von Respekt geschehe von klein auf, „indem man den Kindern Respekt entgegenbringt“, egal ob mit „Schlabberhosen“ oder nicht, stand für die langjährig Jugend- und Familienbeauftragte Ingrid Jähnig fest: „Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus“. Bürgermeister Josef Mayr (CSU) konnte „mit Wertschätzung viele Dinge einfangen“, die auch mit Respekt gemeint seien. „Man muss Menschen mögen, dann hat man nie ein Problem“, äußerte er sich besorgt über das fortschreitende Schwinden der Wertschätzung als Basis. Unterschiedliche Ebenen beanspruchte die ehemalige SJR-Vorsitzende Regina Liebhaber für sich, da sie einem Neonazi kaum mehr Respekt entgegenbringen könne als die unterste Ebene, wie Hilfeleistung bei einem Unfall. Dittmar regte hier mehr „Fantasie“ an, da ein Neonazi ja nicht immer einer bleiben müsse. „Jemanden nicht festlegen ist Respekt oder auch Glaube an einen Menschen“, betonte er. Stadträtin Claudia Dress (CSU) führte zwei Ebenen ins Feld: einmal den Menschen, „der immer Respekt verdient“ und dann seine Taten, die differenziert zu betrachten seien. Röll wollte auch unterscheiden zwischen „Respekt einflößen“, nach dem Motto „solange Du Deine Füße unter meinen Tisch streckst“ und „Respekt verdienen“. Falsch fand er, dass Einser- und Zweierschüler „Respekt genießen“, die mit Dreiern und Vierern dagegen nicht, „obwohl sie sich vielleicht viel mehr angestrengt haben“. Um wieder andere Werte zu schaffen sei Familie wichtig, in der Kinder nicht in Kindertagesstätten abgeschoben, sondern vielmehr „Möglichkeiten geschaffen werden“, dass sich ein Elternteil mehr kümmern kann. Damit entstehe auch wieder Zeit „Respekt vorzuleben“. Die Balance zwischen Nähe und Distanz war für Dittmar ein weiterer Aspekt, „der viel mit Respekt zu tun hat“, denn „manchmal ist ein Zuviel an Nähe mangelnder Respekt“, wie er meinte. Das Respektproblem zwischen Eltern und Kindern führte er darauf zurück, dass „die Lebenswelten völlig vernichtet“ seien und Kinder oft Lebensberater ihrer Eltern sein müssten. „Eine Verletzung, um die sich niemand gekümmert hat, ist das gefährlichste, was wir in unserer Gesellschaft haben“, mahnte er respektloses Verhalten nicht einfach stehen zu lassen.

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