Bester Beitrag aus "Allgäuer Geschichtsfreund" prämiert

Heimatverein Kempten lobt Preis aus

+
Kempten: Ansicht der westlichen Gebäude der S & W Kempten.

Zum ersten Mal in seiner Geschichte lobte der Heimatverein Kempten einen Preis für den besten Beitrag aus, der im Allgäuer Geschichtsfreund veröffentlicht wird.

In diesem Jahr ging er an Moritz Kaufs Arbeit „Die Nutzung der Wasserkraft an der Iller in Kempten“. Kauf beleuchtet von Kottern ausgehend die Iller abwärts die Geschichte der natürlichen und künstlichen Wehre und deren Kraftwerke. Dabei fällt auch der Blick auf das Handwerk – Papierherstellung, Sägereien, Hammerwerke – und die Industriebetriebe, die von der Nutzung der Wasserkraft lebten. Die Industrialisierung ging ab Mitte des 19. Jahrhunderts Hand in Hand mit dem Vormarsch der Eisenbahn, während sich auch in der Landwirtschaft die neue Grünlandwirtschaft gegen den traditionellen Flachsanbau zur Leinenerzeugung durchsetzte. In beiden Geschäftsbereichen kam der erste Impuls und das Wissen aus der Schweiz. Caspar Honegger baute in Kottern die erste Spinnerei und Weber, Johann Althaus forcierte mit der Käseherstellung die Weidewirtschaft und der gebürtige Unterwilhamser brachte den Tourismus ins Allgäu. 

Das relative Gefälle der Iller von 22 Metern zwischen Kottern und dem Kraftwerk Illerstraße charakterisiert die Iller als Gebirgsfluss, der nur im Winter weniger Wasser führt. Das begünstigt einen kontinuierlichen Kraftwerksbetrieb. Eine Steigerung ist allerdings nur noch im technischen Bereich durch leistungsfähigere und effizientere Turbinen zu erreichen. Denn die Belastung für die Umwelt durch weitere Eingriffe in das ökologische System durch den weiteren Ausbau in Kempten sind nach Ansicht Kaufs nur noch schlecht zu vertreten. 

Den Schwerpunkt der 114. Ausgabe bilden gleich zwei historisch bedeutend Persönlichkeiten, die in der Geschichte Kemptens beziehungsweise des Allgäus eine exponierte Stellung einnahmen. Während sich Manfred Weitlauf dem Leben „Clemens Wenzeslaus von Sachsen (1739-1812), der letzte Erzbischof und Kurfürst von Trier und Erzbischof von Augsburg. – Ein Bischofsleben im Schatten von Revolution und Säkularisation. Aus Anlass seines 200. Todestages am 27. Juli 2012“ widmet, beschäftigt sich das Autorenduo Markus Naumann und Dieter Weber mit „Adolf J. Schmidt (1886-1980). Revolutionär, Landtagsabgeordneter, Nazigegner und erster Landrat in Kempten nach dem Zweiten Weltkrieg. Einziger Bayerischer Landrat mit einem Parteibuch der KPD.“ 

Historisch fallen beide Lebensgeschichten in Zeiten großer, teils weltpolitischer Umwälzungen. So war es in den letzten Lebensjahre von Clemens Wenzeslaus die katholische Reichskirche, die mit der Säkularisation ihre weltliche Macht und Herrschaftsgebiete verlor. Seine klerikale Laufbahn war ihm nahezu schon in die Wiege gelegt, denn als 13. von 14 Kindern war für ihn eine Erbberechtigung auf den Titel seines Vaters nahezu ausgeschlossen. Erst der Tod des Wittelsbacher Erzbischof Clemens August von Köln am 6. Februar 1761 forcierte schlussendlich seine Entscheidung für eine klerikale Laufbahn. 

Obwohl er keine explizit religiöse Ausbildung genoss, nahm er seine geistlichen Aufgaben als Bischof sehr ernst. Sein weltliches Kalkül das wittelsbachische „Bischofsreichs“ wiederherzustellen, ging allerdings nicht auf: er konnte bis zur völligen Auflösung der klerikalen Besitztümer in der Säkularisation nur kurzzeitig die Bistümer Trier, Augsburg, Freising und Regensburg unter seiner Herrschaft vereinen. Durch seine weitverzweigte Verwandtschaft bis hinein ins Habsburgerhaus durch seine Großmutter Kaiserin Maria Theresia bekam er finanziell sehr großzügige Entschädigungen für Kurtrier, das Hochstift Augsburg und die Fürstpropstei Ellwangen. Auch sein Besitz in Marktoberdorf, seine letzte Ruhestätte, war ein Geschenk des Kurfürsten von Bayern. Weitlauf vermittelt die Biografie eines ambitionierten, aber konfliktscheuen Menschen, der am Ende seines Lebens von Veränderungen eingeholt wurde, gegen die er nur insoweit kämpfte, dass er nicht völlig mittellos in seinen Lebensabend ging. 

Beinahe als Gegensatz empfindet man die Biografie von Adolf J. Schmidt, der sein ganzes Parteileben für seine Überzeugungen kämpfte. Markus Naumann und Dieter Weber beschreiben ein Leben, dass in eine Zeit fiel, die mit ihren beiden Weltkriegen und den gescheiterten Revolutionen von tiefgreifenden Einschnitte in fast allen Bereichen des menschlichen Lebens gekennzeichnet war. Bereits während seiner Lehre zum Schriftsetzer trat Schmidt in die SPD ein. Die Not und das Elend der Kotterner und Neudorfer Arbeiter im Herbst 1918 waren die Triebfeder für sein Aktivwerden in der Novemberrevolution, wofür er als Rädelsführer von Frühjahr 1919 bis Sommer 1922 in Festungshaft genommen wurde. Unter dem positiven Einfluss Schmidts als zweiten Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrats (ASR), blieb die Zeit der Räterepublik in Kempten ohne Vorfälle, während sich nach der Ermordung Kurt Eisners viele der proletarischen Bewegungen radikalisierten. 

Nach seiner Haftentlassung musste er schon kurz nach seiner Wahl in den Landtag und nach dem kommunistischen Aufstand in Hamburg sowie dem folgenden KPD-Verbot in Bayern von November 1923 bis Februar 1925 auf öffentliche Auftritte verzichten. Das Erstarken der Nazibewegung und die Folgen der Weltwirtschaftskrise brachten ihn am 1. Mai 1931 als Ortsgruppenleiter der Kemptener KPD auf die politische Bühne zurück. 

Nach Hitlers Machtergreifung und dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 waren alle Kommunisten das Hauptziel der ersten Verhaftungswelle des neuen Systems. Bereits am 1. März wurde Schmidt mit Verweis auf die neue Reichstagsbrandverordnung verhaften, wegen Hochverrat angeklagt und zu 22 Monate Haft verurteilt. Vermutlich durch das Betreiben seiner früheren politischen Gegner wurde er im Juli 1935 nicht aus der Haft entlassen, sondern direkt in das Konzentrationlager Dachau überstellt. Am 15. Mai 1937 wurde Adolf Schmidt überraschend entlassen, stand aber von nun an unter ständiger Bewachung. Darin sehen die beiden Autoren den Grund, dass er sich nicht aktiv am Widerstand beteiligte. Mit recht, denn nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat reichte seine bloße Zugehörigkeit zur KPD aus, um im Rahmen der Gestapo-Aktion „Gewitter“ erneut verhaftet zu werden. Ab Mitte Dezember 1944 bis Kriegsende war Schmidt wieder auf freiem Fuß, musste sich aber mit seiner Frau Anna in Kempten und Umgebung verstecken, da er als führender Kopf der KPD im Allgäu auf der Todesliste der Nazis stand. Bereits in der frühen Nachkriegszeit wendete sich das Blatt für Schmidt. Durch seine Arbeit in der „Betreuungsstelle für politisch Verfolgte Kempten (Allgäu)“ erlangte er Ansehen in der Bevölkerung und bei der amerikanischen Verwaltung. Daraus folgte die Ernennung zum Kemptener Landrat; trotz mangelnder fachlicher Qualifikation. Schmidt setzte hauptsächlich auf seine autodidaktischen Fähigkeiten und seinen gesunden Menschenverstand. Zu den Problemen mit denen sich Schmidt gemeinsam mit Oberbürgermeister Dr. Otto Merkt auseinandersetzen musste, gehörten Ernte- und Ernährungsprobleme, die Ablieferungspflicht sowie die Preisgestaltung. Parallel musste er das Landratsamts nach der Entnazifizierung reorganisieren. 

Während Naumann und Weber Schmidts Arbeit in der Verwaltung positiv skizzieren, zeichnen sie den Weg der KPD in düsterem Licht: Erst der zweite Antrag für die Zulassung eines Kreisverbands konnte unter der Parteiführung Schmidts erwirkt werden, eine Verbindung von KPD mit SPD kam wegen des schlechten Vorbildes der SED nicht in Frage und alleine konnte die Partei sich nicht etablieren. Schmidt verlor sein Amt bei den ersten freien Wahlen an Johann Lau von der CSU. Bis 1948 zog er sich – auch als Konsequenz des schlechten Wahlergebnisses – komplett aus dem parteipolitischen Leben zurück. Nach dem Tod seiner Frau Anna 1951 heiratete er die Witwe seines KZ-Mitgefangenen und Parteigenossen Ludwig März. Adolf J. Schmidt verstarb mit 94 Jahren am 28. April 1980 in Penzberg. 

Die Autoren des Artikels charakterisieren Schmidt am Ende wie folgt: „Eine bemerkenswerte Persönlichkeit ist Schmidt nicht wegen herausragender gestalterischer Leistungen, sondern weil er nach beiden Weltkriegen Verantwortung zur Überwindung autoritärer Machtstrukturen und zur Verbesserung der Lebensbedingungen der einfachen Menschen in schwerer Zeit übernahm; leitete ihn 1918/19 noch revolutionäre Idee, stand 1945 das Gemeinwohl im Mittelpunkt seines Handelns.“ 

Mit einem seiner (indirekten) Widersacher befasste sich Gerhard Hölzle in seinem Beitrag „,Volksgenossen!’. Hitler und andere Redner in Kempten bis 1932“. Er beschäftigt sich dabei neben den Personen und den Inhalten der Reden vor allem mit der Resonanz in der lokalen Presse. Dabei liegt sein Hauptaugenmerk auf der Veränderung im Verhältnis zur Erfolgskurve der NSDAP im Allgemeinen und Adolf Hitlers im Besonderen. So konnte er klar herausstellen, dass öffentlicher Widerstand und negative Bemerkungen – auch aus den journalistischen Reihen – diametral zur Machtfülle der Nationalsozialisten verliefen. Der Propagandaapparat lief im Wahljahr 1932 auf vollen Touren. Auch wenn die NSDAP mit den meisten Stimmen aus der Wahl hervorging, so stellte Hölzle deutlich heraus, dass die KPD ebenfalls ihre Stimmen mehr als verdoppeln konnte und unterstreicht damit den parteiübergreifenden Einfluss der Hitler-Besuche auf die Meinungsbildung der Kemptener Wähler. 

Hölzle beendet seinen Aufsatz mit dem süffisanten Fazit: „Noch verbleibt der Ansichtskartenmaler aus dem Wiener Männerwohnheim nur im Vorhof der Macht.“ Yvonne Hettich

Meistgelesene Artikel

Stadtgeschichte: Die letzte Hinrichtung in Kempten

Kempten – Am Freitag, 20. Januar 1928, um 8 Uhr morgens, fand im Hofe des Landgerichtsgefängnisses in der Weiherstraße die letzte Hinrichtung in …
Stadtgeschichte: Die letzte Hinrichtung in Kempten

Kemptener Kulturprogramm für 2017

Kempten– Das leuchtende Mittelalter, Freimaurerei, Picassos „Guernica“, eine ganze Aktionswoche in Kooperation mit dem Logistiker Dachser SE sowie …
Kemptener Kulturprogramm für 2017

Schnell eingliedern mit "LASSE"

Kempten – Christian Kühn ist ein ganz normaler Mann. Täglich pendelt der 33 Jahre alte Familienvater von Füssen nach Kempten zur Arbeit. In der …
Schnell eingliedern mit "LASSE"

Kommentare