"Die tanzen der Stadt auf der Nase rum"

Die drei ÖDP-Stadträte Michael Hofer (v.l.), Helmut Hitscherich und Dr. Philipp Jedelhauser greifen am Politischen Aschermittwoch in einem Sketch aktuelle Themen in der Stadt auf. Fotos: Läufle

Ihren 14. Politischen Aschermittwoch nahmen die drei Kemptener ÖDP-Stadträte zum Anlass, in einem Sketch einige Ungereimtheiten in der Stadt zu präsentieren. In der Altstadtwirtschaft am Rathausplatz kamen dabei Themen wie der Hildegardplatz, das „große Loch“ oder die Nordspange auf den Tisch. Der Gastredner des Abends, Prof. Klaus Buchner, ehemaliger Bundesvorsitzende der ÖDP, nahm sich dem Thema „EU: Gefahr für uns alle?“ an.

Michael Hofer, Dr. Philipp Jedelhauser und Helmut Hitscherich stellten ihren Sketch unter das Motto „Kemptens Schwarze und ihre neuesten Streiche“ und blickten nochmal auf den Bürgerentscheid Hildegardplatz zurück. „75 Prozent wollten keine Tiefgarage. Da lagen OB, CSU und Freie Wähler ganz schön daneben“, so Jedelhauser. „Und jetzt haben sich ausgerechnet die Freien Wähler zum Vorreiter einer Umplanung aufgeschwungen“, ergänzte Hitscherich. Jedelhauser konnte diese Rolle rückwärts jedoch nachvollziehen. „Man muss verloren gegangene Wählerstimmen zurückgewinnen.“ „Die tanzen der Stadt auch auf der Nase herum“, meinte Hofer im Bezug auf den XXX Lutz. Erst werde der Geschäftsführer ausgetauscht, dann der Architekt und plötzlich wird eine andere Fassadengestaltung gewünscht. Nach Jedelhausers Meinung hat die Stadt aber auch mit anderen Investoren „so ihre lieben Probleme“ und verwies auf das „große Loch“. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass die nicht in Vorgesprächen mit dem OB abgeklärt haben, was sie bauen dürfen. Welcher Investor ist denn so blöd und legt einen Bauplan vor, von dem er weiß, dass er nicht genehmigt wird?“ betonte Hofer. Offener Trümmerbruch „Wenn das wirklich ein Oberschenkelknochen wär, müsst ich als Arzt sagen, da besteht akute Gefahr eines offenen Trümmerbruchs“, so Jedelhauser im Bezug auf die Knochentheorie des OB. „Der nördliche Innenstadtteil verkümmert immer mehr und der südliche entwickelt sich zu einem Geschwulst“, verdeutlichte Hofer. Einen Namensvorschlag für die geplante Nordspange hatte Jedelhauser parat – „Mond-Brücke“. „Erstens sei das die Brücke, die der Maustadt bzw. Mondstadt, also Memmingen, am nächsten liegt, und zweitens ist jemand, der im 21. Jahrhundert noch so was baut, von weit hinterm Mond“, erklärte er. In Sachen Bundeswehrreform ärgerten Hitscherich die öffentlich vergossenen „Krokodilstränen“. Wenn dann die Reporter weg sind, reibt sich so mancher zufrieden die Hände. Denkt doch mal an die vielen Grundstücke, die frei werden.“ An den Radwegen der Stadt ließen die Stadträte ebenfalls kein gutes Haar. Kempten sei zwar dem Verein fahrradfreundliche Kommune beigetreten, das Radwegenetz in der Stadt lasse jedoch zu wünschen übrig. Wie man aus einem Haufen Schulden innerhalb kürzester Zeit Vermögen macht, schilderten die drei Stadträte anhand einer Parabel, deren „Ähnlichkeiten mit Städten in der Umgebung rein zufällig sind“, wie Hofer betonte. Vermutlich spielte das Trio jedoch auf das Kemptener Kommunalunternehmen (KKU) an. Weg von der Stadtpolitik rein in die Europapolitik nahm Prof. Klaus Buchner die Gäste des Abends. Sich über andere lustig machen, wie es am Politischen Aschermittwoch sonst üblich ist, wollte er sich jedoch nicht. „Bei dem Thema heute ist mir das Lachen vergangen“, sagte er. Der Atomphysiker sprach über das Thema „EU: Gefahr für uns alle“ und verdeutlichte dies anhand einiger Beispiele. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima und den nachfolgenden Protesten gegen die Atompolitik plant Deutschland zwar nun seinen Atomausstieg für 2022, allerdings fordert der deutsche EU-Energiekommissar Günther Oettinger (CDU) 40 neue Atomkraftwerke in Europa. „Über den Euratom-Vertrag finanzieren wir den Bau von neuen Kernkraftwerken mit“, betonte Buchner. Sorgen macht dem Professor auch die Überwachungswut (Handyortung, Telefonüberwachung). Ganz schlimm findet er dabei die „Sammelwut der Polizei nach Gendaten“. „Wer Gendaten hat, weiß mehr über den Menschen, als er selber“, machte er klar. Auf das aktuelle Thema Eurorettung kam Buchner ebenfalls zu sprechen. Seiner Meinung nach lagen die Schwierigkeiten bereits bei der Euro-Einführung. „Die D-Mark wurde damals massiv abgewertet, während andere Währungen aufgewertet wurden.“ So hätten die Menschen in Griechenland seit 1999 80 Prozent Lohnerhöhung, die in Deutschland 0,8 Prozent. „Griechenland trifft hier keine Schuld, Deutschland hat die Regel mitgestaltet.“ "Werden Sie aktiv" Buchner zufolge sollte den Ländern, die vor dem Staatsbankrott stehen, wieder zur eigenen Wirtschaftlichkeit verholfen werden. „Wir müssen den europäischen Strukturfonds in die Länder bringen.“ Der Atomphysiker ist dagegen, den Euro wieder abzuschaffen. Vielmehr plädiert er dafür, die nationalen Währungen zusätzlich wieder einzuführen. „So könnte in solchen Situationen zum Beispiel die D-Mark aufgewertet und die griechischen Drachme abgewertet werden“, erklärte er. Auf jeden Fall müsse etwas geschehen. „Entweder wir machen schnell was, oder wir laufen in eine Katastrophe“, unterstrich er und forderte die Zuhörer auf, sich nicht alles bieten zu lassen. „Werden Sie aktiv.“

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