Fachkongress in Betzigau

Raus aus der Käseglocke

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Standen beim Fachkongress in Betzigau Rede und Antwort: Alfred Enderle (v.l., Bezirkspräsident des BBV), Hans Epp (Vorsitzender des Milchprüfrings Bayern sowie des Milchwirtschaftlichen Vereins Allgäu-Schwaben), Dr. Elisabeth Viechtl (Direktorin der Landesanstalt für Landwirtschaft und Leiterin des Referats Milchwirtschaft), Prof. Dr. Klaus-Dieter Jany (Mitglied des Wissenschaftlichen Ausschusses für Lebensmittelkontaktstoffe), Britta Reimers (Mitglied des Europäischen Parlaments, FDP), Stephan Thomae (FDP), Monika Mayer (Kreisbäuerin Oberallgäu) und Dr. Volker J. Petersen (Political Affairs und Agrargenossenschaften beim Deutschen Raiffeisenverband).

Betzigau/Landkreis – „Strukturwandel in der Landwirtschaft“ stand am Samstag im Mittelpunkt eines Fachkongresses der FDP-Bundestagsfraktion mit Experten aus Politik, Wissenschaft und Landwirtschaft.

Gastgeber und Moderator, der Bundestagsabgeordnete Stephan Thomae (FDP), betonte, dass „eine Käseglocke über dem Allgäu“ keine Zukunftsperspektive für alle sein könne. Er warnte davor, zu sehr auf einen rückwärts gerichteten „Zeitgeist“ zu setzen und dabei die notwendigen Entwicklungen zu verpassen.

 Fakten wie die Abnahme der landwirtschaftlich genutzten Fläche um zwei Drittel zwischen 1950 und 2010 oder dass ein Landwirt heute über 100 Menschen anstatt der zehn anno 1950 ernährt, fordern Maßnahmen. Zur Diskussion mit rund 30 Zuhörern standen zwei Themenblöcke: „Aktuelle agrarpolitische Entwicklungen auf EU-Ebene und im ländlichen Raum“ mit den Podiumsgästen Britta Reimers, Mitglied des Europäischen Parlaments, Alfred Enderle, Bezirkspräsident des Bayerischen Bauernverbandes (BBV), Prof. Dr. Klaus-Dieter Jany, Mitglied des Wissenschaftlichen Ausschusses für Lebensmittelkontaktstoffe bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, sowie Dr. Volker J. Petersen, Political Affairs und Agrargenossenschaften beim Deutschen Raiffeisenverband. 

Im zweiten Teil ging es um „Die Zukunft der Milcherzeugung im Allgäu“ mit MdB Rainer Erdel (FDP), Dr. Elisabeth Viechtl, Direktorin der Landesanstalt für Landwirtschaft und Leiterin des Referats Milchwirtschaft, Hans Epp, Vorsitzender des Milchprüfrings Bayern sowie des Milchwirtschaftlichen Vereins Allgäu-Schwaben und der heimischen Kreisbäuerin Monika Mayer. Wettbewerbsfähigkeit auf dem Markt, immer mehr Menschen, die ernährt werden wollen, das gegenseitige Ausspielen von „Bio gleich gut, konventionell gleich schlecht“ statt „Koexistenz“, Lebensmittelsicherheit – an Diskussionsstoff herrschte kein Mangel. Das Ja zum Strukturwandel stand außer Frage, aber ohne „Strukturverlust“, wie Elisabeth Weizenegger von der Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft (AbL) anmahnte. 

 Als starke Befürworterin des Exports sah Britta Reimers den Vorstoß von Michael Finger (AbL) sehr skeptisch, durch einen regionalen Schwerpunkt „weniger wirtschaftliche Abhängigkeit“ für das Allgäu anzustreben. Es sei „Selbstmord für den regionalen Markt“, wenn man „alle dahin schicken wolle“ meinte sie. In die gleiche Richtung zielten Epp, der dem „weltweit dichtesten Milcherzeugungsgebiet“ Allgäu eine Eigenbedarfsdeckung von circa 700 Prozent bescheinigte, und auch Erdel: Da reiche regional alleine nicht, „wir müssen auch im Export tätig werden“. Viechtl setzte dabei auf Kooperation, da „der Eintritt in Drittländer erst einmal sehr viel Geld kostet“. Mehr Aufklärung der Verbraucher– hochwertige Lebensmittel seien nicht zum Discounter- preis zu haben – wünschte sich Prof. Jany, der auch Probleme mit dem „Romantizismus“ der Öko-Fans habe. Während gentechnische Lebensmittel von den deutschen Verbrauchern „fast als gefährlich eingestuft werden“, seien sie im Ausland hochbegehrt, „weil sie gut und sicher sind“. Dieser Entwicklung dürfe man sich nicht verschließen. Mayer klärte ihn darüber auf, dass auch die Bauern grüne Gentechnik – „es geht uns nicht um die weiße oder rote“ – ablehnten. 

 Für Präsident Alfred Enderle hing ein Strukturwandel nicht zuletzt von der finanziellen Weichenstellung in Brüssel ab, vor allem mit Blick auf „Direktzahlungen“ zur Grundsicherung der Landwirte als „erste starke Säule“. „Probleme mit der gesellschaftlichen Akzeptanz“, besonders bei industrieller Land- wirtschaft und die zunehmend hohe Nachfrage aus dem Ausland, sah Petersen als Hauptgründe für Veränderungen. Ein heikler Punkt war der „rasante Zubau“ von Biogasanlagen, an dem sich, so die Forderung von Landwirt Fritz Kaiser, „schnellstmöglich etwas ändern muss“. Diskutiert wurde dazu auch die Verdrängung von Milchbauern, da sie keine so hohen Pachtpreise für Flächen zahlen könnten wie Energiestofferzeuger. 

 Dass die Verantwortung nicht nur in den Händen von Landwirten & Co. liegt, wurde an einem Beispiel deutlich: Laut Kreisbäuerin Monika Mayer entscheiden 70 Prozent der Verbraucher beim Kauf von Milch nach dem Preis, gefolgt von Erwägungen wie Haltbarkeit und Regionalität. Dann gibt es die „Überzeugungstäter“, bei denen sie die „größte Wertschöpfung“ sah, aber auch die Gefahr, dass Ansprüche an die Landwirtschaft entstünden, die „zum Bumerang werden können“. Als Beispiel nannte sie die „besonders Gesundheitsbewussten“, die nur Hörnermilch kaufen, sich aber nicht daran stören würden, dass es keine wissenschaftlichen Beweise für einen Mehrwert gebe. Es sei gefährlich, wenn solche „Ideologie zum Mainstream wird“ und Politiker womöglich in Richtung Enthornungsverbot beeinflusst würden. Christine Tröger

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