"Ehrlich und kompromisslos"

Das Missbrauchsopfer Stefan S. hat seine Teilnahme an einer Gesprächsrunde mit Verantwortlichen der Stadtverwaltung und des Ordens der Armen Schulschwestern an verschiedene Bedingungen geknüpft. Grundvoraussetzung sei die Bereitschaft, die Vorfälle im Gerhardingerhaus (der KREISBOTE berichtete mehrfach) „ehrlich und kompromisslos“ aufzuarbeiten, betonte S. am Montag. Unterdessen hat die Stadtverwaltung in einem zweiseitigen Brief an den KREISBOTEN und sämtliche Kemptener Stadträte die Kritik an ihrem Vorgehen zurückgewiesen.

„Ich habe mich entschlossen, erst mal nicht nach Kempten zu fahren“, sagte S. gegenüber dem KREISBOTEN. Drei Bedingungen stellt er für seine Teilnahme an einer Gesprächsrunde in Kempten, erklärte er am Montag. Voraussetzung für sein Kommen sei zum einen, dass „die Stadt Kempten, die Stiftungsverwaltung, das Gerhardingerhaus und das Kloster zu einer ehrlichen und kompromisslosen Aufarbeitung bereit sind“, betonte er. Dazu gehöre auch die Anhörung aller Beteiligten, vor allem der damaligen Schwestern und Beteiligte des Jugendamtes. „Dazu gehören auch Konsequenzen“, so S. weiter. Darüber hinaus fordert er einen Vorschlag, „wie eine Entschädigung der damaligen Opfer“ aussehen könnte. In diesem Zusammenhang betonte der heute in Berlin lebende Kemptener, dass er mittlerweile keine Hilfe von Seiten der Stadt oder des Ordens mehr brauche. „Meine Website ist meine Therapie“, betonte er. Zudem habe er in Berlin eine Gesprächs-Therapie gemacht. Das dahingehende Angebot der Stadtverwaltung komme also zu spät, erläuterte der heute 40-Jährige. Die Verwaltung – namentliche Pressesprecherin Christa Eichhorst und Benedikt Mayer, Leiter des Referats für Jugend, Schule und Soziales – haben unterdessen in einem Brief an den KREISBOTEN und die Stadträte die öffentliche Kritik an ihrem Vorgehen zurück gewiesen. „Unmittelbar“ nach Eintreffen der E-mail von S. am 15. März spätabends habe OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) angeordnet, den Fall „mit hohem Zeitdruck, klarer Transparenz und Konsequenz zu bearbeiten“, so die beiden. Dabei habe von vornerein auch festgestanden, das Thema „zur rechten Zeit“ in der Öffentlichkeit publik zu machen. „Zur rechten Zeit“ bedeute in diesem Fall nach den notwendigen Recherchen und Absprachen mit der Schwesterngemeinschaft und deren Anwälten. Diese Abstimmung habe aber erst am Dienstag, 23. März, dem Tag der Pressekonferenz, stattgefunden, schreiben die beiden weiter. Davon abgesehen sei die Pressestelle der Verwaltung jederzeit zu einer Auskunft gegenüber dem KREISBOTEN bereit gewesen. Weiter schreiben Mayer und Eichhorst, „oberste Priorität hatte bei der Stadt Kempten – auch als Verwalterin der Stiftung – von Anfang an, initiativ mit Herrn S. direkt in Kontakt zu treten, um vom Ergebnis gleich auch die Medien entsprechend informieren zu können“. Oberste Priorität? Allerdings scheint die Verwaltung von „oberste Priorität“ ihre ganz eigene Vorstellung zu haben: Der erste Versuch einer Kontaktaufnahme mit S. erfolgte nachweislich erst am Donnerstag, 25. März, um 16.43 Uhr mit einer E-mail von Mayer und Stadtdirektor Peter Riegg an S. Mithin also zehn Tage, nachdem sich S. an die Verwaltung gewandt hatte, zwei Tage nach besagter Pressekonferenz und einen Tag, nachdem sämtliche Kemptener Medien über den Fall berichtet hatten. „Man erfährt alles nur aus der Zeitung“, kritisiert Stefan S. in diesem Zusammenhang. Gegenüber dem KREISBOTE zeigte er sich verwundert darüber, wie lange die Stadtverwaltung für eine Antwort auf seine E-mail gebraucht habe. Außerdem wirft er dem Jugendamt weiterhin vor, keine Einsicht in seine Akten zu bekommen. Einblick in Akten Benedikt Mayer sicherte S. noch am Montagabend in einem neuerlichen Schreiben „uneingeschränkte Akteneinsicht in die Vormundsakte“ zu. Alle weiteren von S. gestellten Forderungen und Fragen müssten jedoch erst überprüft werden. „Eine ausführliche Darstellung dieser komplexen Rechtsmaterie würde hier den Rahmen sprengen“, schreibt Mayer. Nichts desto trotz sei die Stadtverwaltung „daran interessiert, die Vorfälle von damals transparent aufzuarbeiten.“

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