Eine Wissenschaft für sich

Aus über 30 Teiltönen besteht der Klang einer Glocke, wie beim Besuch der Wirtschaftsjunioren im Europäischen Glockenkompetenzzentrum an der Hochschule Kempten zu erfahren war. Foto: Tröger

Ein Ausflug in das Europäische Glockenkompetenzzentrum an der Hochschule Kempten stand vergangene Woche bei den Wirtschaftsjunioren Kempten-Oberallgäu auf dem Programm. Ein spannendes Thema auch für die mitgebrachten Sprösslinge, wie sich zeigte. Denn die fragten Diplom-Ingenieur Michael Plitzner, Geschäftsführer von „Pro Bell“,das sich unter der wissenschaftlichen Leitung von Professor Andreas Rupp seit einigen Jahren mit dem Thema Glocken befasst, regelrecht Löcher in den Bauch.

Ziel der Forschung sei es beispielsweise herauszufinden, was Glocken kaputt macht, wie sie geläutet werden müssen, damit sie länger halten oder auch wie die optimale Beschaffenheit des Klöppels ist, erläuterte Plitzner. Beim Betreten des großen Schalllabors wurden die Gäste gleich mit dem mächtigen „Bim-Bam“ der größten der Glocke dort empfangen – nichts für empfindliche Ohren. Glockenbronze sei ein „besonderes Material“ aus Kupfer und Zinn, das seit dem Mittelalter „ausschließlich für den Glockenguss verwendet wird“, erklärte Plitzner. Die mindestens 100 Kilogramm schweren Glocken im Schalllabor seien für Tests von ausgewählten Gießern aus mehreren europäischen Ländern zur Verfügung gestellt worden, die sie „nach ihrem Gustus“ angefertigt haben. Nicht nur der bis heute „in reiner Handarbeit“ erfolgende Guss mache Glocken „wertvoll“. Auch das Material schlage mit circa zwölf Euro pro Kilogramm zu Buche. Dass die größte Glocke im Schalllabor mit ihren zwei Tonnen Gewicht da noch nicht zu den Spitzenreitern ihrer Art gehört wurde klar, als Plitzner das Gewicht der „größten Glocke der Welt“ auf dem roten Platz in Moskau mit 180 Tonnen bezifferte. Allerdings sei sie „noch nie geläutet worden“, weil gleich beim hochheben ein Stück heraus gebrochen ist, fügte er an. „Ermüdungsrisse“ kämen am ehesten am Schlagring vor, der dicksten Stelle der Glocke, wo der Klöppel aufschlage. „Dann klingt sie wie ein alter Blecheimer“, meinte er. Man könne eine Glocke zwar schon schweißen, aber „es ist sehr aufwändig“, da die Glockenbronze sehr gut Wärme leite und dadurch beim Schweißen das Risiko der Überhitzung bestehe. Meist werde eine kaputte Glocke deshalb lieber gleich in die Schrottpresse gegeben und neu gegossen. Um „weniger beanspruchte Stellen für den Klöppelanschlag zu haben“ würden Glocken auch schon seit 500 Jahren gedreht, sodass sie gar nicht erst brechen würden – ein „deutlich geringerer Aufwand als die gerissenen Glocke abzuhängen und zu reparieren“, wie der Fachmann meinte. Kölner Klöppel kommt Gefahren nannte er auch bei den „immer aus Stahl“ gefertigten Klöppeln. Wenn nämlich das Material zu hart sei, grabe er sich in die Glocke ein. Ein Klöppel dürfe nicht repariert werden, weil „die Schweißstelle leichter wieder bricht“, sondern müsse immer neu gegossen werden. Als „besondere Herausforderung“ sah Plitzner, dass diese Woche der drei Meter lange und 800 Kilogramm schwere Klöppel der Glocke im Kölner Dom, der letzten Monat gebrochen war, zur „Analyse und Reparatur“ hierher gebracht werde. Seit dem Klöppelbruch in Köln, „ist auch wieder mehr Aufmerksamkeit für die Glockenforschung da“, freute er sich über den willkommenen Nebeneffekt.

Meistgelesene Artikel

Ausblick und Austausch

Kempten – Knapp 200 Repräsentanten der verschiedenen Bereiche des Lebens in Kempten versammelten sich am Dienstagabend in der Schrannenhalle des …
Ausblick und Austausch

Schnell eingliedern mit "LASSE"

Kempten – Christian Kühn ist ein ganz normaler Mann. Täglich pendelt der 33 Jahre alte Familienvater von Füssen nach Kempten zur Arbeit. In der …
Schnell eingliedern mit "LASSE"

Lebensgefährtin versucht anzuzünden

Kempten – Am Donnerstagnachmittag vergangener Woche eskalierte ein Streit zwischen einem Pärchen, in dessen Verlauf der Mann offenbar versuchte seine …
Lebensgefährtin versucht anzuzünden

Kommentare