Vor einer ungewissen Zukunft

Vereinsvorsitzender Johann Mahl (links) und Platzwart Georg Heinzelmann auf dem Übungsplatz in der Riederau. Am linken Bildrand soll einmal die Nordspange verlaufen. Fotos: Matz

„Wir brauchen die Nordspange auf lange Sicht. Aber wir sind quasi das erste Opfer.“ Johann Mahl steht vor einer selbstgebauten Mischung aus Glashaus und Gartenhütte in der Riederau und zeigt mit dem rechten Arm in Richtung Norden. Dorthin, wo in ein paar Jahren die Autos über die Nordspange rollen sollen. Für Mahl ist der Bau des vierten Illerübergangs eine zweischneidige Angelegenheit: Als Bürger erkennt er die Notwendigkeit. Als Vorsitzender des Vereins Deutscher Schäferhunde, Ortsgruppe Kempten, sieht er vor allem die Gefahren, die von dem Millionenprojekt für seinen Traditionsverein ausgehen. Da das Gelände der Hundefreunde unmittelbar an der Iller als Ausgleichsfläche für das Verkehrsvorhaben vorgesehen ist, hat die Stadt dem Verein den Pachtvertrag zum Jahresende gekündigt.

Seit über 40 Jahren richtet die Ortsgruppe Kempten des Deutschen Schäferhundevereins auf ihren grob 8000 Quadratmetern in der Riederau nördlich von Kempten ihre Tiere ab und bildet sie direkt an der Iller aus. „Wir sind sportlich führend in Südbayern und unsere Ortsgruppe ist mit dem Gründungsjahr 1914 sehr traditionsreich“, erzählt Johann Mahl. Vereinsmitglied und mehrfacher WM-Teilnehmer Werner Seif habe sogar das Muttertier von „Kommissar Rex“ in seinem Zwinger gehabt. 1974 bauten die Vereinsmitglieder eine Schutzhütte mit Geräteraum. „Das haben wir alles in Eigenleistung errichtet“, sagt Platzwart Georg Heinzelmann und zeigt auf die Fassade. Erst vor zwei Jahren wurde groß renoviert. Natürlich auch in Eigenleistung. „Die Teile dafür stammen von einem alten, abgerissenen Kaufmarkt“, erzählt er grinsend. Innen ist es zwar etwas kühl und es riecht ein bisschen abgestanden, dafür aber ist es sauber, ordentlich und aufgeräumt. An den Tischen und in den hölzernen Sitzecken mit bunten Bezügen verbringen die 61 Vereinsmitglieder regelmäßig ihre Vereinsabende. Erst am vergangenen Freitag stand wieder eine Versammlung an. Das Thema war – natürlich – die Zukunft des Vereins. Anwohner dagegen Denn das Idyll in der Riederau ist in seiner Existenz bedroht. Durch den Bau der Nordspange und dem damit verbundenen Bedarf nach Ausgleichsflächen muss der Club das Areal bis Ende des Jahres aufgeben. Es liegt genau in der Ausgleichsfläche A1. „Die Zukunft des Vereins ist äußerst gefährdet“, sagt Mahl. „Wir trauen uns schon gar nicht mehr, neue Mitglieder aufzunehmen.“ Dem Verein fehlt bislang eine echte Alternative zum jetzigen Domizil. Zwar habe die Stadtverwaltung den Schäferhundefreunden ein Gelände in der Daimlerstraße angeboten. Doch dort sei der Verein bei den Anwohner nicht willkommen. „Ich habe das Gespräch mit den Anwohnern gesucht. Aber die sind alles andere als begeistert“, erzählt Vorsitzender Mahl. Wegen der dortigen Parkplatzsituation und der übrigen Infrastruktur ist die Fläche aber auch aus Sicht des Vereins wenig geeignet für seine Leidenschaft. Dazu kommt noch, dass ein Umzug die Vereinskasse mit rund 100 000 Euro belasten würde. „Aber das können wir uns nicht leisten“, schüttelt Platzwart Heinzelmann den Kopf. „Wir wollen uns nicht verschulden.“ Aus dem gleichen Grund sei auch bereits der Kauf eines Grundstücks bei Altusried gescheitert, erzählt er weiter. Eine weitere Alternative war ebenfalls schnell vom Tisch: Gegen die kurzzeitig Nutzung des ehemaligen Mülldeponiegeländes in der Dieselstraße – dort wo jetzt ein Solarpark gebaut werden soll – legte seinerzeit die Regierung von Schwaben Widerspruch ein. Daher haben Vorstand und Stadtverwaltung – mit der man sehr gut zusammenarbeite – jetzt angedacht, ein Areal unmittelbar beim Tierheim künftig nutzen zu können. „Da wäre es auch schön ruhig“, beschreibt Vorsitzender Mahl die Vorzüge dieses Geländes. „Wenn uns die Stadt finanziell unter die Arme greift, wäre das eine Alternative.“ Bei der Stadtverwaltung bewertet man die Idee vorsichtig optimistisch. „Wir müssen noch die Details der Infrastruktur prüfen“, erläutert Dr. Richard Schießl, Leiter des Amts- für Wirtschaft und Stadtentwicklung. „Aber ich denke, wir sind auf einem guten Weg.“ Die Schwierigkeit in der ganzen Angelegenheit sei, eine für alle Beteiligten geeignete Lösung zu finden. Sprich: der Preis muss ebenso stimmen wie die Infrastruktur und die Ungestörtheit der Anwohner. „Und dann bleiben eigentlich nur noch Restflächen wie in der Daimlerstraße oder beim Tierheim.“ Den Hundesportfreunden wäre am liebsten, die Bauverwaltung würde die Planungen für die Nordspange noch einmal überarbeiten. „Das Unverständnis für solche Ausgleichsflächenkonzepte ist im Verein relativ groß, da sie dem Verein den Todesstoß versetzen können“, so Mahl. Deshalb sei der Vorstand sogar bereit, die nördlichen 4500 Quadratmeter seines Geländes der Stadt abzugeben. Der Rest würde für die Arbeit des Vereins immer noch ausreichen. „Hier bleiben zu können, wäre das schönste Weihnachtsgeschenk“, betont der Vereinsvorsitzende. „Das war natürlich auch für uns die erste Option“, erzählt Dr. Schießl. „Aber das ging leider nicht.“ Dass komplexe und zig mal durchgerechnete und optimierte Paket an Ausgleichsmaßnahmen nun noch einmal zu überarbeiten, hält er für ausgeschlossen. „Da sehe ich keinen Weg“, betont er. Dazu komme noch, dass die Illerhangkante mit ihren Magerrasenflächen als Biotop für den Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling – eine geschützte Schmetterlingsart – von besonderer naturschutzfachlicher Bedeutung und „zur Schaffung von hochwertigen Ausgleichsflächen erforderlich“ sei, wie es im jüngsten Stadtratssbeschluss heißt.

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