Kokain-Prozess lockt Beobachter ins Kemptener Landgericht

Koks-Skandal nun vor Gericht

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Groß war das Medieninteresse auch gegenüber dem Anwalt Wilhelm Seitz, der Armin N. vor Gericht verteidigt.

Weniger Leute als erwartet waren zum Prozessauftakt gegen den ehemaligen Leiter der Kemptener Drogenfahndung Armin N. vergangenen Montag ins Kemptener Landgericht gekommen.

Die insgesamt 90 Plätze, 40 davon reserviert für Medienvertreter aus ganz Deutschland waren dennoch voll belegt. Stoisch ließ der Angeklagte, der in Handschellen in den Gerichtssaal geführt worden war, stehend und mit festem auf das Kamera-Meer gerichteten Blick das Blitzlichtgewitter über sich ergehen, bevor er auf der Anklagebank Platz nahm. Vorgeworfen werden ihm der Besitz von Betäubungsmitteln „in nicht geringen Mengen“, vorsätzliche und gefährliche Körperverletzung sowie Vergewaltigung und Bedrohung seiner Frau mit anschließender, „vorsätzlicher“ Trunkenheitsfahrt. Wie berichtet waren 1,8 Kilo Kokain in seinem Dienstspind gefunden worden, nachdem er wegen der gewalttätigen Übergriffe in der Nacht vom 14./15. Februar letzten Jahres festgenommen worden war. Bereits in der Nacht vom 20./21. Januar 2014 war es zu Angriffen des Angeklagten auf seine Frau gekommen, bei denen sie sich auf der Flucht vor ihm erheblich verletzte. Dem Verlesen der Anklagschrift folgte Armin N. mal mit Kopfschütteln, mal mit angespannten Gesichtszügen, ansonsten eher emotionslos wirkend.

Erinnerungsvermögen „geschwächt“ 

Das Rauschgift sei „für den privaten Gebrauch“ gewesen, wie der 53-Jährige vor Gericht zu Protokoll gab. Genauere Angaben zur Herkunft des „Stoffes“ machte er nicht, was er damit begründete, dass sein Erinnerungsvermögen durch den jahrelangen Konsum von Drogen, Alkohol und Medikamenten „geschwächt“ sei. Aber alle aufgefundenen Drogen seien ihm schon vor Jahren von der Staatsanwaltschaft überlassen worden, insbesondere zu Schulungszwecken. Er wisse, so der Angeklagte, der 1993 zum Leiter der Drogenfahndung aufstieg, dass er ein Suchtproblem habe. 1994 nannte er als sein Einstiegsjahr des Drogenkonsums, zunächst mit geringen Mengen an Ecstasy sowie Cannabis und Kokain. Dafür und für den sich ab 2007 steigernden Konsum von Ecstasy und Kokain plus Alkohol und Medikamente machte er Druck im Büro und häusliche Probleme verantwortlich. Für sein Verhalten, dass er bis vor einiger Zeit noch „für unmöglich gehalten“ habe, wolle er die Verantwortung übernehmen, erklärte er und entschuldigte sich dafür, „dem Ruf der Polizei geschadet“ zu haben. „Tiefes Bedauern“ bekundete er gegenüber seinen Kindern und Eltern. Er hoffe, verlas er weiter seine Stellungnahme, mit dem Verfahren nun einen endgültigen Schlussstrich unter „das unseligste Kapitel meines Lebens ziehen“ zu können.

35.000 Euro „Täter-Opfer-Ausgleich“ 

Strafmildernd könnte sich eine im Vorfeld getroffene Absprache auswirken, die im Fall eines Geständnisses sechseinhalb bis sieben Jahre Haft für Armin N. vorsieht. Die gewalttätigen Angriffe auf seine Frau, die er in zweiter Ehe 2008 geheiratet hat und die als Nebenklägerin auftritt, räumte er schon zu Prozessbeginn ein. Wegen des vorherigen Drogenkonsums habe er bezüglich der Vorfälle zwar einen „Filmriss“ gehabt und könne sich nicht ins Detail an das Geschehene erinnern, zweifle aber die Angaben seiner Frau nicht an. Bei seiner Festnahme hatte Armin N. laut toxikologischem Gutachten 1,49 Promille Alkohol im Blut plus diverse Psychopharmaka. Im Zuge eines „Täter-Opfer-Ausgleichs“ hat der Angeklagte bereits 35.000 Euro an das Opfer gezahlt und sich ausdrücklich bei ihr entschuldigt. Wie sein Anwalt Wilhelm Seitz verlauten ließ, übernehme Armin N. für alle Verletzungen, die er seiner Frau zugefügt habe, die Verantwortung und bedaure sein Handeln. Diese akzeptiere seine Entschuldigung und Wiedergutmachung. Vorstellbar sei „ein zweites Geständnis“, so das Angebot des Anwalts an das Gericht, zur Herkunft der Betäubungsmittel. Wie Peter Preuß, Sprecher der Staatsanwaltschaft München, im Anschluss an den ersten Sitzungsteil meinte, sei das gefundene Kokain „möglicherweise schon 20 Jahre alt“ und wer es damals herausgegeben habe, einfach nicht mehr nachvollziehbar. Angesichts des niedrigen Wirkstoffgehalts spekulierte er, dass sich dieser über die Jahre abgebaut haben könnte.

Koks von „unterdurchschnittlicher Qualität“ 

Guten „Stoff“ hatte der Angeklagte jedenfalls nicht für sich abgezweigt. Prof. Dr. Peter Brieger, Ärztlicher Direktor des Kemptener Bezirkskrankenhauses, in dem auch die Suchtmedizinische Ambulanz untergebracht ist, bestätigte auf Nachfrage des Kreisboten eine lediglich „unterdurchschnittliche Qualität“. Laut Anklageschrift weist es einen durchschnittlichen Wirkstoffgehalt von circa 23,5 Prozent auf, gute Qualität liegt laut Brieger bei etwa „70 bis 80 Prozent“. Dass der Wirkstoffgehalt durch die langjährige Lagerung abgenommen haben könnte, halte er für unwahrscheinlich. „Ein dramatischer Abbau hat sicher nicht stattgefunden.“

Schwindendes Interesse

Nach der Mittagspause lieben viele Plätze im Gerichtssaal leer. Auch eine Reihe an Medienvertretern schienen sich von den folgenden Vernehmungen nicht mehr allzu viel zu versprechen. So lieferten die geladenen Zeugen – Personen, die die ersten Aussagen der Ehepartner zu Protokoll genommen oder medizinisch untersucht hatten – nur mehr wenige neue Details: Zum Beispiel dass Armin N. im Dienst nie Drogen konsumiert habe; dass er seine Süchte vor den Kollegen verheimlichte und davon ausging, dass niemand etwas wisse; dass das Ehepaar ab die Drogen ab 2007 gemeinsam konsumiert habe; dass der angeklagte aus Sicht seiner Frau ein Alkoholproblem habe und abends immer erst ein Bier getrunken habe, ihm eine Flasche Wein danach oft nicht gereicht habe und er deshalb noch einen „gut eingeschenkten Whisky“ obendrauf gesetzt habe. Auch dass es dem Angeklagten um Kontrolle über seine Frau gegangen sei, klang an. Unklar blieb weiterhin die Herkunft der Drogen.

Ein gewisser Missmut war bei vielen Beobachtern des Prozessauftaktes zu hören, als sie am Ende des Tages den Gerichtssaal verließen. Sie hatten vor allem ein Problem mit dem ihres Erachtens viel zu geringen Strafmaß, aber auch von „Vertuschung“ wurde gesprochen. Eine Stimmung, die das Gericht mit aufgezeigten Fakten (noch) nicht zu entkräften vermochte. Statt der ursprünglich angesetzten fünf Termine wird derzeit von voraussichtlich nur insgesamt drei Verhandlungstagen ausgegangen. Der nächste Verhandlungstermin ist auf den 6. Februar terminiert. Am 9. Februar könnte demnach nach den Plädoyers bereits das Urteil fallen.  Christine Tröger

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