Begehrte Führungen

Reise in die Geschichte

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Spinnefeind hin oder her, vom Südturm der Lorenzbasilika in der Stiftsstadt öffnet sich der Blick auf die Reichsstadt mit der St.-Mangkirche im Hintergrund.

Kempten – Auch der historische Hildegardplatz stieß neben dem neu gestalteten am vergangenen Eröffnungswochenende auf großes Interesse. Heiß begehrt waren zum Beispiel die Führungen auf den Südturm der Basilika St.-Lorenz, die bereits im Vorfeld ausgebucht waren.

Vormals aus Holz, windet sich das seit den 1980er Jahren Betontreppenhaus in noch einigermaßen bequemer Enge nach oben. Früher, erzählte Mesner Raimund Lux, „konnte man bis unten durchschauen“. Damals sei dort nämlich noch die Uhrmechanik untergebracht gewesen mit den Gewichten, die „einmal pro Woche nachgezogen werden mussten“. Heute sei der Betrieb der jeweils drei Kirchturmuhren an den beiden Türmen natürlich elektronisch.

Im zweiten Obergeschoss hat die alte „durchsichtige“, sehr enge und steile Holztreppe offensichtlich überlebt. In der Mitte hängen sieben von insgesamt neun imposanten Kirchenglocken. Richtig alt sind sie mit Gussdatum 1954 allerdings nicht. Wie andere auch, wurden die Vorgänger laut Lux im Krieg eingeschmolzen.

Jetzt nur noch wenige Stufen weiter und schon liegt einem Kempten zu Füßen – bei blauem Himmel und bester Sicht ein wirklich grandioses Erlebnis.

Die Kemptener Stiftsstadtfreunde lockten dagegen mit der Geschichte des Hildegardplatzes schon beim ersten Termin rund 100 Interessierte an. Wie die Vereinsvorsitzende Ilse Roßmanith-Mitterer verriet, heißt der Hildegardplatz erst seit 1862 so. Er soll an Königin Hildegard erinnern, dritte Gemahlin Karls des Großen, die dem Kemptener Kloster „sehr zugeneigt“ gewesen und dessen wichtigste Förderin geworden sei. Zwar habe sich das Gerücht, die in Kempten als Heilige verehrte Hildegard sei im hiesigen Kloster begraben, lange gehalten – inklusive regelmäßiger Wallfahrten – , aber „sie ist in Metz begraben“, stellte Roßmanith-Mitterer klar.

Totalschaden

Anhand einiger seiner Rekonstruktions-Illustrationen zeigte Roger Mayrock wie es am heutigen Hildegardplatz um 1630 – mit der Pfarrkirche „St.-Lorenz uff’m Berg”, umgeben vom Friedhof der Stiftsstadt und Wirtschaftsgebäuden – ausgesehen haben könnte. 1632 kam es schließlich im Dreißigjährigen Krieg zur Totalzerstörung. Da „oberirdisch nichts mehr vorhanden ist“, sei die Rekonstruktion echte Detektivarbeit gewesen. Mit dem Neubau von Residenz und Kirche anno 1651 „wurden radikal alle Mauerspuren beseitigt“ und neu verbaut, erklärte er. Beim Vorgänger habe es sich vermutlich um eine romanische Kirche gehandelt, „die später gotisiert wurde“. Der Platz, auf dem es schon im Mittelalter einen Wochenmarkt gegeben habe, sei laut Roßmanith-Mitterer auch damals „nicht mit Bäumen bestückt gewesen“.

Als andauernden Streitpunkt zwischen der Stifts- und der Reichsstadt, die „immer Spinnefeind waren“, nannte sie den Schlangenbach, unter anderem weil die Stiftsstädter angeblich das Wasser verschmutzten, bevor es die Reichsstadt erreichte. In den Köpfen habe es sehr sehr lange gedauert, bis die Vereinigung der beiden Kontrahenten durch die Säkularisation „am Ende funktioniert hat“, meinte sie schmunzelnd. Der Schlangenbach sei aber noch bis 1970 „aktiv“ gewesen, bis ihm mit dem Bau des Rings „der Garaus gemacht wurde“.

Zu erzählen gab es viel: Geschichten vom Badhaus beispielsweise, das einst an der südlichen Ecke der Haupttreppe zur Basilika stand, über das Sauterhaus, erbaut von der gleichnamigen Kaufmannsfamilie, über die 1680 errichtete Brauerei und heutige Gaststätte „Zum Stift“ – eigentlich als Spiegelbild der Residenz geplant, „aber dann ging das Geld aus“ – , oder über viele Häuser rund um den Platz, die im 17. Jahrhundert im Stil der „Herberge“ erbaut wurden, bis zum Landhaus mit seinem „wunderbaren Barocksaal“, einst Versammlungsort der Landstände.

Wichtig war Roßmanith-Mitterer aber noch der Hinweis auf den steinernen Zwerg im Garten hinter dem 1802 als Verlängerung der „langen Stände“ erbauten Zumsteinhauses: er erinnere an die Geschichte vom Hofzwerg, der Silber gestohlen hatte und dem dafür die Arme abgehackt wurden. Auf Stelen mit Illustrationen von Roger Mayrock soll künftig die Geschichte des Hildegardplatzes vor Ort dokumentiert werden.

Christine Tröger

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