Körperbehinderte Allgäu hat doppelten Grund zum Feiern

Eröffnungsfeier zum Jubiläum

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Sigrid Bernhard demonstrierte das Training auf dem Lokomaten, einem Gerät zur funktionellen robotischen Gangtherapie. Sie leidet an Multipler Sklerose und sitzt seit drei Jahren im Rollstuhl. „Ich genieße das Training sehr“, sagt sie. „Da habe ich das Gefühl, ich mache einen Waldlauf. Fehlt nur noch ein Bild von einem Baum und das Vogelgezwitscher.“

Kempten – Die Körperbehinderte Allgäu gGmbH feierte am vergangenen Wochenende das 20-jährige Jubiläum der Villa Viva und der Kurzzeitpflege für Kinder und Jugendliche. Gleichzeitig wurde das neu erbaute Therapie Centrum Viva offiziell eröffnet. Zahlreiche Besucher und Ehrengäste, darunter der Oberallgäuer Landtagsabgeordnete der Grünen, Thomas Gehring, genossen das ebenso informative wie bunte Programm. Dieses umfasste Fachvorträge, Vorführungen der hochmodernen gerätegestützten Therapie, Auftritte einer Sambapercussion-Gruppe sowie Stände mit liebevoll gefertigtem Kunsthandwerk.

„Vor 20 Jahren wurde die Villa Viva als Modellversuch der Bayerischen Staatsregierung zur Versorgung von Schädel-Hirn-Verletzten auch außerhalb von Großstädten gegründet“, erinnerte sich Kemptens Oberbürgermeister Thomas Kiechle in seinem Grußwort. „Dieser Ansatz war dringend notwendig und die Idee hat sich bewährt. Heute ist die Villa Viva mit ihrer Tagesstätte und dem mobilen Dienst eine etablierte Einrichtung in der Region.“ Das nun eröffnete Therapiezentrum in der Immenstädter Straße sei eine „gelungene Ergänzung dieses Angebots“, lobte er.

Verschiedene Therapien unter einem Dach

Im Therapie Centrum Viva werden Ergo-, Logo- und Physiotherapien angeboten. „Die Praxis steht allen Menschen offen, die eine Behandlung in diesen Bereichen benötigen und ist zudem ganz speziell auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen ausgerichtet“, erklärt der Leiter der Einrichtung, Hans-Jürgen Schwarz. Zu den Schwerpunkten gehören neben der Behandlung bei orthopädischen Problemen vor allem die Therapie neurologischer Schädigungen sowie die Behandlung behinderter und nicht-behinderter Säuglinge, Kinder und Jugendlicher. Die rund 500 Quadratmeter große, helle und geräumige Praxis verfügt unter anderem über rollstuhlgerechte Trainingsgeräte, einen SI-Raum (zur Sensorischen Integration bei Kindern), einen EMG-Biofeedback-Platz sowie einen Lokomaten, mit dem man nicht nur Erwachsene, sondern schon Kinder ab vier Jahren behandeln kann. Von diesem hochmodernen Gerät (Kostenpunkt: 300.000 Euro), das unter anderem zur Therapie von neurologischen Problemen wie Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, Parkinson, Querschnittlähmung, sowie frühkindlichen Hirnschädigungen zum Einsatz kommen kann, existieren in ganz Deutschland bislang nur zehn Stück.

Im ersten Obergeschoss des Gebäudes ist die ärztliche Praxis von Dr. med. Andreas Sprinz beheimatet, „eine Koryphäe auf dem Gebiet der Kinderneurologie”, wie Reinhold Scharpf, der Geschäftsführer der Körperbehinderte Allgäu gGmbH, betont. Im zweiten Stock befinden sich sieben Wohnungen, in denen körperbehinderte Menschen ambulant betreut wohnen. „Wir hätten sehr gerne auch eine Sozialberatung integriert. Dies war uns aufgrund gesetzlicher Vorgaben leider nicht möglich“, bedauert er. Die Kosten für das Zentrum, mit dessen Bau Anfang November 2014 begonnen worden war, belaufen sich laut Scharpf und seinem Kollegen in der Geschäftsführung, Dr. Michael Knauth, auf „4,3 Millionen Euro inklusive Ausstattung. Dieser Betrag wurde zu einhundert Prozent von unserem Verein über Darlehen und Eigenmittel finanziert.“

Die Körperbehinderte Allgäu gGmbH betreibt in Kempten verschiedene Einrichtungen, die, so Scharpf, „von rund 1100 Familien jährlich in Anspruch genommen werden“. Dazu gehören die inklusive Kindertagesstätte Schwalbennest sowie das Astrid-Lindgren-Haus, eine Schule und Tagesstätte, in der derzeit rund 150 Kinder und Jugendliche mit Körper- und Mehrfachbehinderung im Alter von drei bis 19 Jahren betreut werden. Darüber hinaus bietet der Verein die Möglichkeit zum stationären oder ambulant betreuten Wohnen, eine mobile Behindertenhilfe, sowie ein Internat und Kurzzeitpflege. „Gerade die Kurzzeitpflege für Kinder und Jugendliche ist ein extrem wichtiges Entlastungsangebot für Familien. Leider gibt es solche Einrichtungen nur sehr selten und auch für uns ist die Finanzierung immer wieder eine Herausforderung“, so Scharpf. Am 9. Dezember steht die Eröffnung eines weiteren Meilensteins in der Arbeit des Vereins an: Dann nimmt das barrierefreie, integrative Allgäu ART Hotel seinen Betrieb auf.

Sabine Stodal

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