Erst psychisch krank, dann arbeitslos?

Moderatorin Maria Johler.

„Psychische Erkrankungen sind inzwischen die häufigste Ursache für Frühverrentung, die Arbeitsunfähigkeitszeiten aufgrund psychischer Erkrankungen steigen seit Jahren kontinuierlich.“ Liegt das nun daran, dass die Erkrankung zu einem Verlust des Arbeitsplatzes führte – oder macht die Arbeitslosigkeit depressiv? Dieser Fragestellung wollte der Allgäuer Trialog jetzt im Rahmen eines Gespräches zwischen Betroffenen, Angehörigen und Professionellen nachgehen. Unter dem durchaus provokanten Titel „Psychisch krank – Arbeitsplatz ade?“ lud das Trialog-Team jetzt ins evangelische Gemeindehaus ein.

In seinem Impulsreferat beleuchtete Rüdiger Leibfried vom Integrationsfachdienst Berufsbegleitung der Diakonie Kempten Allgäu die Problematik. „Das Risiko, den Arbeitsplatz zu verlieren, wird umso stärker, je unberechenbarer akute Krankheitsphasen auftreten.“ Das könne bei Rheuma oder Multipler Sklerose ebenso sein wie bei einer Depression. Körperliche Einschränkungen würden allerdings leichter akzeptiert, da es immer noch eine große Verunsicherung im Umgang mit Psychiatrieerfahrenen gebe. „Hier tut Aufklärung Not.“ Die Kernfrage, so Leibfried, sei, was dem einzelnen Menschen helfen könne, trotz psychischer Erkrankung im Arbeitsleben zu bestehen. Dies seien vor allem vier Faktoren: Ein Verständnis der eigenen Erkrankung, beispielsweise zu Frühwarnzeichen, ein unterstützendes Umfeld, soviel Offenheit wie nötig im Betrieb herstellen, sowie sich rechtzeitig Beratung und Hilfe zu holen. „Wenn dies gelingt, muss es nicht heißen: Arbeitsplatz adé!“ Die enge Verzahnung der stationären mit der ambulanten Hilfe sei dabei sehr wichtig. Hier will der Sozialpsychiatrische Dienst laut Psychologen Michael Binzer ab Herbst mit dem Bezirkskrankenhaus noch viel enger zusammenarbeiten. Kontrovers diskutiert wurde das Thema Schwerbehindertenausweis. Erwin Lenk, Betriebsrat in einem großen Augsburger Betrieb und selbst Betroffener, erzählte: „Ich habe mich lange dagegen gewehrt, weil ich nicht behindert sein wollte; bis ein Kollege sagte: Du machst das jetzt, sonst kriegst du von mir keine Unterstützung mehr.“ Heute sei er froh darüber, da er mit dem Schwerbehindertenausweis einen besseren Kündigungsschutz genieße. Die Befürchtungen vieler Teilnehmer, mit Schwerbehindertenausweis keine Stelle mehr zu finden, relativierten Lenk und Leibfried etwas. So müsse man bei einer Einstellung nicht sagen, dass man einen Schwerbehindertenausweis habe. Eine junge Frau erzählte, sie werde seit Jahren von einem Bewerbungstraining zum nächsten geschoben, bekomme aber keine Anstellung. Reha-Berater Hannes Bader von der Arbeitsagentur riet ihr, sie solle ihre psychische Erkrankung bei ihrem Sachbearbeiter offenlegen. Der beantrage eine ärztliche Begutachtung durch den Facharzt der Agentur – und dann werde sie zu ihm vermittelt. In der Reha-Abteilung könne man besser auf den Bedarf eingehen und bemühe sich um eine passgenaue Unterstützung.

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