"So etwas Dubioses nie erlebt"

Quo vadis Gusswerk Waltenhofen? Nach einem kurzfristigen Eigentümerwechsel musste das Unternehmen am Dienstag unter dubiosen Umständen erneut vorläufige Insolvenz anmelden. Foto: Matz

Das Gusswerk Waltenhofen steht erneut vor einer ungewissen Zukunft: Nachdem ein neuer Gesellschafter das Unternehmen erst am Freitag vergangener Woche übernommen hatte, wurde am Dienstag ein vorläufiger Insolvenzantrag für die Waltenhofener Firma gestellt. Der neue Besitzer Rudolf Keller war offenbar von den Vorbesitzern, die sich über Nacht aus dem Staub gemacht haben, nicht korrekt über die tatsächliche Situation der Allgäuer Traditionsfirma informiert worden. Der Betrieb wird vorerst weitergeführt.

Beim Gusswerk Waltenhofen überschlugen sich in den vergangenen neun Tagen die Ereignisse: Zunächst wurde es am Freitag vergangener Woche verkauft, nur vier Tage später meldete der neue Besitzer bereits vorläufige Insolvenz an. Die Waltenhofenener Firma steht damit bereits das zweite Mal innerhalb von zwei Jahren vor dem Abgrund und einer ungewissen Zukunft. „Wir wollen die Produktion aufrechterhalten und den Betrieb fortführen. Dazu brauchen wir aber die volle Unterstützung von Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten, denn die Ausgangslage ist schwierig“, sagte der vom Amtsgericht Kempten bestellte vorläufige Insolvenzverwalter Dr. Michael Jaffé eigenen Angaben nach am Donnerstag bei einer Informationsveranstaltung für die rund 100 Mitarbeiter. Grund für die schwierige Ausgangslage des Unternehmens sei, dass die Vorbesitzer, Dr. Ruja Ignatova und ihr Vater Plamen Ignatov, laut Jaffé bereits im Vorfeld des Verkaufs begonnen hatten, Produktionsanlagen abbauen und wegtransportieren zu lassen. Die Lieferung einer Alugussanlage nach Bulgarien konnte von Jaffé im letzten Moment gestoppt werden, heißt es in einer Pressemitteilung des Insolvenzverwalters vom Donnerstagnachmittag. Verwundert und verärgert über das Vorgehen der Ex-Besitzer zeigte sich auch Carlos Gil, 2. Bevollmächtigter der IG Metall Kempten, am Donnerstag gegenüber dem KREISBOTEN. Wie berichtet, hatte die Gewerkschaft Ende 2011 Verhandlungen mit den Ignatovs aufgenommen, da es Liquiditätsprobleme gegeben hatte. „Die Gespräche haben wir aber noch im alten Jahr abgebrochen“, erläuterte Gil, da Worte und Taten der Ignatovs nicht zusammen passten. „Bezeichnend dafür ist nun, dass sie Haus und Hof über Nacht verlassen und das Gusswerk und die Mitarbeiter im Stich gelassen haben“, meinte der 2. Bevollmächtigte der IGM. So etwas Dubioses habe er noch nie erlebt. Die 105 Beschäftigten sind Gil zufolge aber nach wie vor motiviert, stehen noch immer zum Gusswerk und haben großes Interesse daran, dass es weitergeht. „Die Mitarbeiter haben jetzt wieder die Möglichkeit, ihre alte, gewohnte Arbeit liefern zu können“, sagte er und zeigte sich zuversichtlich, dass das Gusswerk weitergeführt werden kann. Die Lohn- und Gehaltszahlungen für die Beschäftigten sind nach Aussage von Jaffé zumindest bis Ende März gesichert. Der vorläufige Insolvenzverwalter leitete bereits mit Unterstützung der Agentur für Arbeit Kempten eine Vorfinanzierung des den Mitarbeitern zustehenden Insolvenzgeldes in die Wege. Für Dezember waren die Löhne und Gehälter noch bezahlt worden. Für die Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit des Waltenhofener Traditionsbetriebes sei es zunächst wichtig gewesen, die vorhandenen Anlagen und das Produktionsvermögen zu sichern, so Jaffé. „Jetzt müssen wir unter Hochdruck Gespräche mit Kunden und Lieferanten führen, um von deren Seite Unterstützung für die Fortführung zu bekommen. Gleichzeitig müssen wir Liquidität schaffen, um den Geschäftsbetrieb stabilisieren und in Gang bringen zu können“, beschrieb der Fachanwalt für Insolvenzrecht bei der Mitarbeiterversammlung seine Aufgabe. Allerdings machte der Münchner auch keinen Hehl daraus, dass man bei der Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs vor einer schwierigen Aufgabe stehe: „Wir wissen gegenwärtig nicht, wie belastbar die Zahlen und Forderungen sind, die wir vorgefunden haben. Erste Interessensbekundungen von potenziellen Investoren liegen uns jedoch bereits vor“, betonte er. Auch die Vorgänge im Vorfeld des Insolvenzantrags werde man einer intensiven Prüfung unterziehen, um daraus gegebenenfalls Ansprüche für die Gläubiger abzuleiten. Strafanzeige gestellt? Unter den Interessenten soll auch Keller sein, der das Gusswerk erst vor einer Woche gekauft hatte. „Ich hatte schon den Eindruck, dass er noch immer Interesse am Gusswerk hat“, meinte Carlos Gil nach der Beschäftigtenversammlung. Nach Informationen des KREISBOTEN soll Keller auch Strafanzeige gegen die Vorbesitzer, Dr. Ignatova und ihren Vater, gestellt haben. Er war jedoch bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe nicht erreichbar. Die Kemptener Staatsanwaltschaft sah sich zu einer Auskunft nicht in der Lage.

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