Experten mit geteilter Meinung

Klaus Fischer (v.l., Allgäu GmbH), Manfred Kreisle (Sparkasse), Michael Lucke (AÜW) und Hannes Feneberg (Feneberg Lebensmittel GmbH) diskutieren über das Thema Nachhaltigkeit in der Geschäftswelt. Foto: Kampfrath

Wegen der Finanzkrise zählen Banker momentan nicht zu den beliebtesten Berufsgruppen. Die Sparkasse Allgäu distanziert sich nach eigenen Angaben von der „großen Finanzwelt“ und den Investmentbanken. Das verdeutlichte die Führungskräfte des Geldinstituts beim diesjährigen Wirtschaftsforum in der kultBOX Kempten. Im Mittelpunkt stand das Thema Nachhaltigkeit. Doch allein schon an dem Wort schieden sich die Geister.

„Wir lieben Sicherheit und leben Nachhaltigkeit“, sagte Martin Haf, Vorstandvorsitzender der Sparkasse Allgäu, am Ende seiner Ansprache. „Wir haben eben nicht gezockt und uns nicht in Geschäfte gestürzt, die wir selbst nicht verstehen, aber auch nicht verstehen wollten.“ Stattdessen habe sich die Sparkasse „urtypisch allgäuerisch verhalten und gesagt: Noi, des mögen wer it, des machen wer it“. Die Sparkasse Allgäu sei weder die New Yorker Wallstreet, noch die Frankfurter Börse und schon gar nicht die Hypo Real Estate, die nach Milliardenverlusten im Jahr 2009 verstaatlicht wurde. „Wer sich bei uns Geld ausleiht, entscheidet sich bewusst gegen die große Finanzwelt“, so Haf. „Es ist eigentlich traurig, aber die Sparkassen sind die Krisengewinner der letzten Zeit.“ Der Moderator des zweistündigen Abends, Andreas Franik, meinte zum Allgäuer Haf: „Nachhaltigkeit ist für Sie mehr als Ökologie und Ökonomie. Sie fassen den Begriff viel weiter.“ Als der Allgäuer Sparkassenchef diese Einschätzung überzeugt bejahte, ertönte Applaus in den gut gefüllten Zuschauerrängen. Hannes Feneberg hingegen zeigte sich vom inflationären Gebrauch des Begriffs „Nachhaltigkeit“ genervt. „Ich muss zugeben, dass ich inzwischen etwas allergisch auf das Wort reagiere“, erklärte der Geschäftsführer der Feneberg Lebensmittel GmbH. In der Forstwirtschaft zum Beispiel ergebe das derzeitige „Modewort“ durchaus Sinn. Er verstehe unter Nachhaltigkeit, dass man sich nur soviel von etwas holt wie die Ressourcen nachliefern können. „In diesem Sinn ist die Firma Feneberg nicht nachhaltig“, verkündete er. Aber durch die „Von hier“-Produkte trage die Lebensmittelkette ein Stück dazu bei. Für die Erläuterung seines Standpunkts benötigte Feneberg lediglich dreieinhalb Minuten. Michael Lucke, Geschäftsführer der Allgäuer Überlandwerke (AÜW), beanspruchte das Rednerpult dreimal so lang für sich: „Wir befinden uns derzeit im Rückbesinnungsprozess auf die häuslichen Räume. Ein Beispiel ist unser modernes Wasserkraftwerk, durch das Nachhaltigkeit anfassbar ist.“ Ob das Thema Elektromobilität ein Geschäft der AÜW werde, sei noch fraglich. „Aber es macht Spaß, am Thema Nachhaltigkeit zu arbeiten“, sagte Lucke. Im Laufe des Wirtschaftsforums zielte er immer wieder auf die erneuerbaren Energien ab. Klaus Fischer, Geschäftsführer der Allgäu GmbH, berichtete über das jüngste „Markenchecking“ des Unternehmens. Bei einer Befragung sollten Leute aus ganz Deutschland angeben, welche Bilder sie mit dem Allgäu verbinden. „Die häufigsten Antworten lauteten Berge, Kühe, Käse, heile Welt und ein bisschen zurückgeblieben“, so Fischer. „Das touristische Bild ist positiv, das Klischee des Zurückgebliebenseins hingegen nicht.“ Fischer wünscht sich, dass Viele bald die Begriffe „Zukunft“ und „Wirtschaftskraft“ mit der Region in Zusammenhang bringen. „Wir wollen nicht als Anhängsel einer Metropolregion wahrgenommen werden“, forderte er. Andere Definition Vor der Podiumsdiskussion kam noch Manfred Kreisle als stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Allgäu zu Wort: „Wir sind flott und wir sind schnell. Wenn Herr Feneberg morgen ein paar Tausend Euro braucht, dann bekommt er sie schnell von uns“. Michael Lucke bremste Kreisles Euphorie etwas: „Das Thema Nachhaltigkeit hat auch damit zu tun, nicht zu schnell zu sein.“ Hannes Feneberg vertrat eine ähnliche Ansicht in punkto Dynamik: „Die Allgäuer sind beharrlich, andernfalls gäbe es hier noch weniger Landwirte.“ Dann stichelte Feneberg in Richtung AÜW-Chef Lucke: „Meines Erachtens darf man bei der Windkraft nicht von nachhaltiger Energie sprechen, da das Landschaftsbild darunter leidet.“ Lucke konterte mit den Worten: „Wir sind auch gegen eine Verspargelung, da uns der Schutz von Umwelt und Landschaft ebenso wichtig sind wie der Klimaschutz.“ Klaus Fischer meinte: „Wir sind uns darüber einig, dass wir auf dem Grünten kein Windrad haben wollen. Aber Touristen sollen künftig auch ein Windrad mit dem Allgäu verbinden, da die Energiewende wichtig für die Region ist.“ Hannes Feneberg, der stets mit einem Lächeln dastand und sprach, sagte daraufhin: „Ich bin nicht hergekommen, um zu provozieren. Ich wollte ein bisschen zündeln, da Nachhaltigkeit so ein furchtbares Modewort geworden ist.“ Der Autor und Mentaltrainer Oliver Alexander hielt einen unterhaltsamen Vortrag über die Macht der Gedanken und Träume. „Man muss auch den Müll in seinem Kopf entsorgen“, zitierte er den bekannten TV-Journalisten Ulrich Wickert. Er kritisierte die „Geiz-ist-geil“-Mentalität, die einige zum wiederholten Kauf von wertlosen Dingen verführe. „Ich behaupte mal, keine Allgäuer Kuh ist so dumm wie wir Menschen. Sie läuft einmal gegen den Elektrozaun und rennt dann weg. Aber sie probiert es nicht fünfmal am Tag. Das schaffen nur wir Menschen“, so Kellner.

Meistgelesene Artikel

Schnell eingliedern mit "LASSE"

Kempten – Christian Kühn ist ein ganz normaler Mann. Täglich pendelt der 33 Jahre alte Familienvater von Füssen nach Kempten zur Arbeit. In der …
Schnell eingliedern mit "LASSE"

Neues Wettbewerbsgebiet für Stadtparkgestaltung

Kempten – „Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt“ lautet eine Redensart, die sich nun bei der Auslobung für den Wettbewerb zur …
Neues Wettbewerbsgebiet für Stadtparkgestaltung

Wirtschaftlicher Erfolg durch Ökologie

Kempten – Dem selbstsicheren, ruhig auftretenden und entspannt schwäbelnden Oberbürgermeister von Stuttgart, Fritz Kuhn, gelang es beim …
Wirtschaftlicher Erfolg durch Ökologie

Kommentare