Krähen akzeptieren

"Ein jährliches Thema"

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Mit Infotafeln wird im Stadtpark um Verständnis für die Krähen geworben.

Kempten – Wer im Umweltausschuss auf eine schnelle Lösung beim Saatkrähen-Problem im Kemptener Stadtpark gehofft hatte, wurde in der jüngsten Sitzung auf den Boden der Tatsachen befördert.

Denn wie Diplom-Biologin Brigitte Kraft, Bezirksstellenleiterin vom Landesbund für Vogelschutz in Bayern, verdeutlichte, werde es „ein jährliches Thema sein für die Stadt“.

Auch wenn die Verdrängung der Brutpopulation vom konfliktreichen Ost- und Südrand des Stadtparks genehmigt und vor Kurzem rund 50 Nester der unter Artenschutz stehenden „Koloniebrüter“ entfernt worden seien, „werden sie im Stadtgebiet bleiben“, schätzte Kraft die Maßnahme als mäßig zielführend ein. „Sie sind sehr ortstreu“ mit recht sozialem Verhalten, sodass „solche Eingriffe fast immer Splitterungen zur Folge haben und das Problem nicht gelöst, sondern vervielfältigt wird“; so geschehen unter anderem im vergangenen Jahr im Stadtteil St.-Mang. Nach ihrer Erfahrung sei es am besten, „gar nichts in diesen Stammkolonien zu unternehmen“ und um Akzeptanz in der Bevölkerung zu werben.

Mit Ausführungen zu Verhalten und Gewohnheiten der zwar zu den Singvögeln zählenden, aber in der Regel eher als Schreihälse wahrgenommenen Geschöpfe, warb sie auch um Sympathie bei den Ausschussmitgliedern. Wenngleich die Saatkrähe zwar kein Aasfresser sei wie die Rabenkrähe, sei sie doch vor dem Einsatz von Pestiziden „ein gern gesehener Gast auf den Feldern“ gegen Mäuse und andere Schädlinge gewesen. Dann seien die Jungvögel der Saatkrähen auf dem Münchner Viktualienmarkt „als Köstlichkeit“ für den Speiseplan feil geboten worden, was die Population in Bayern von über 10 000 Brutpaaren Ende des 19. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts auf nur mehr rund 600 Brutpaare habe schrumpfen lassen. Dabei, gab sie zu bedenken, überlebten „über 50 Prozent des Nachwuchses“ nicht bis zur Geschlechtsreife ab Ende des zweiten Lebensjahres. Ursprünglich „nur in offener Landschaft anzutreffen“, sei die Saatkrähe aus ihrem eigentlichen Lebensraum vergrämt worden und bleibe nun eben gern in Städten.

Verstärkten Lärm während der Balzzeit, dem folgenden Nestbau mit circa dreiwöchiger Brutzeit und weiteren fünf Wochen bis die Jungtiere flügge seien, räumte Kraft zwar ein. Aber da die Zeit des meisten Lärms zwischen Februar und Mitte Mai liege, blieben da auch die Fenster der Anwohner meist geschlossen.

Für Kempten konnte sie einen Anstieg von 44 Brutpaaren im Jahr 1996 auf 363 Brutpaare 2012 verzeichnen, eine Zahl, die Kraft gerne zumindest weitgehend stabil halten würde, anstatt durch Nestentfernung Splittergruppen in vielleicht noch größerer Wohnnähe oder gar die Bildung neuer Kerngruppen zu riskieren.

Für Thomas Kiechle (CSU) war klar, dass „diese Kolonie bleiben muss“, aber auch, dass sie reduziert werden müsse. „Man kann nicht Nichts tun“, denn für die Anwohner sei es „eine unzumutbare Situation“. Thomas Hartmann (Grüne) kritisierte dagegen den seines Erachtens blinden Aktionismus der Stadt. „Es wäre sinnvoller gewesen für mehr Akzeptanz zu werben“, befand er. „Wenn ich Akzeptanz will, braucht die Bevölkerung das Gefühl, da ist ein gewisser Rahmen“, konterte OB Dr. Ulrich Netzer (CSU). „Aus dem Blickwinkel der Bevölkerung war die Toleranzgrenze eindeutig erreicht“, machte er klar. „Es kann natürlich sein, dass alles für die Katz’ war, aber das sehen wir dann im Herbst“, mahnte Theo Dodel-Hefele (Grüne) erst einmal abzuwarten.   Christine Tröger

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