Fehlende Konsequenzen

Was kann getan werden, um das bei Jugendlichen beliebte Komasaufen besser in den Griff zu bekommen? Anregungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln holte sich der Parlamentarische Staatssekretär Dr. Gerd Müller (CSU) in seiner Gesprächsreihe „Montags bei Müller“ von Fachleuten. Womit sich Michael Keck, Polizeioberrat der Polizeiinspektion Kempten, und Oliver Götz, Oberarzt der Kinderstation des Klinikums Kempten, des Öfteren konfrontiert sehen, stimmte nachdenklich: Beispielsweise das Mädchen, das sich wegen einer verlorenen Wette bewusstlos trank, der 16-Jährige, der mit drei Promille noch seinen Namen sagen konnte, oder die 15-Jährige, die als Folge des Komatrinkens mit einem Schädelbasisbruch in die Klinik eingeliefert wurde.

80 bis 85 Prozent der Komatrinker seien einmalige „Ausprobierer“, wie Götz verdeutlichte. Kritik übte er an der Presse, die vor allem „auf jugendliche Exzesse fokussiert ist“. Man könne „Jugendlichen keinen Vorwurf machen“, denn Erwachsene „versagen oft kläglich“ als Vorbilder. Viele Eltern seien nicht einmal bereit, beim Schulfest auf Alkohol zu verzichten. Er forderte die stärkere Einbindung „neuer Vorbilder“ wie Sporttrainer. Gegen Kostenbeteiligung Mit 1400 Euro bezifferte er die Rettung und Krankenhausbehandlung von Komatrinkern. Von einer Kostenbeteiligung der Eltern hielt er aber, wie auch der Geschäftsführer des Stadtjugendrings (SJR), Alexander Haag, nichts, da dann wohl einige nicht in die oft lebensrettende ärztliche Obhut gebracht würden. Die entstehenden Kosten auf die Verursacher, respektive Spirituosenhersteller, umzulegen, konnte sich Götz dagegen vorstellen. Wie Haag berichtete, setze der SJR vor allem auf Prävention, unter anderem durch Aufbau von Schutzfaktoren wie realistisches Selbstbild, Aufzeigen von Alternativen, vernünftige Belastungsverarbeitung oder Persönlichkeit stärken. Neue Gesetze hielt er für „völlig falsch“. Das „Vollzugsproblem liegt nicht bei der Polizei“, sondern in den fehlenden Konsequenzen. Nach seiner Ansicht sei eine Mischung aus Restriktion und Pädagogik der richtige Weg. Aufklärung an Schulen betreibt Ulrike von Le Suire, Vorsitzende der Stiftung „Hoffnung für Kinder“, die sich für eine drastische Preiserhöhung bei Spirituosen aussprach. Im Supermarkt bekomme ich „eine Flasche Wodka für 5,79 Euro“, während Gemüse wesentlich teurer sei. Eltern von Kindern, die mit Toxikationen im Klinikum gelandet seien, zeigten in der Beratung sehr unterschiedliche Reaktionen, wie Jugendamtsleiter Matthias Haugg schilderte, aber „wir haben kein Druckmittel“. Nicht umgesetzt werde die rechtliche Möglichkeit, drogen- oder alkoholauffällige Jugendliche erst 20-jährig zum Führerschein zuzulassen. Erwachsene müssten aber mit mehreren hundert Euro Strafe rechnen, „wenn sie für Jugendliche Alkohol kaufen“. Auch für Mädchen sei Alkohol ein zunehmender „Katalysator für Gewalt“, stellte Keck fest. Gastwirte würden bei der Abgabe „streng kontrollieren“, aber oft würden gefälschte Ausweise benutzt. Zusätzliche Kontrollen Dass nicht den Gastwirten der „Schwarze Peter“ zugeschoben wurde, freute den Bierzelt-Festwirt der Allgäuer Festwoche, Hans Schmid. Er lasse am Eingang zusätzliche Kontrollen vornehmen und seine Angestellten müssten unterschreiben, betrunkenen Jugendlichen nichts auszuschenken. Die kämen oft schon „vorgeglüht“ oder mit Alkohol im Rucksack. Er begrüßte die neue Festwochenverordnung, die Aufenthalt und Alkoholkonsum regelt. Für Müller war am Ende klar, dass „es Trend werden muss, ohne Alkohol zu feiern“ und bestehende Gesetze besser umgesetzt werden müssen.

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