Fesselnde Inszenierung

„Wir haben nicht im klassischen Sinn Rollen verteilt, sondern versucht dem Leben von Werther nachzuspüren“, offenbarte die Regie-Mitarbeiterin des Staatsschauspiels Dresden, Andrea Thiesen, im Einführungsgespräch mit der leitenden Dramaturgin des Theater in Kempten (TiK). Es sei ein Prozess gewesen, in dem „Szenen eingebaut und wieder rausgeschmissen wurden“. Statt Texte nur auswendig zu lernen, habe sich jeder überlegt wie man dies oder jenes noch sagen könne.

Was fast ein bisschen nach Impro-Theater klang erwies sich als fesselnde Inszenierung von Goethes 1774 erschienenen Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“. Die staubigen Erinnerungen an die Pflichtlektüre ganzer Schülergenerationen wurden in der Bühnenfassung von Ulrich Hub, in Szene gesetzt von Michael Simon, einfach weggeblasen und in Kontext zur Gegenwart gesetzt. Bedeutungsschwangere, bisweilen bizarre Bühnenbilder ließen Interpretationsspielraum. Neuzeitliche Sprache, Tanz und Einspielungen moderner Musik erinnerten regelmäßig an den Bezug zur Gegenwart. Die Frage, was sich an der Liebessehnsucht der Menschen im Laut von über 200 Jahren verändert haben mag, drängte sich damit regelrecht auf. Die Geschichte ist oberflächlich betrachtet einfach – Werther liebt Lotte. Die ist mit Albert verlobt und schon bald auch mit ihm verheiratet. Werther wählt den Freitod – wäre da nicht die sich bis ins Exzessive steigernde Gefühlswelt des Verzweifelten. Vom Monolog zum Dialog Zu Beginn standen vier unbeteiligte Menschen auf der Bühne, den Selbstmord von allen möglichen Seiten beleuchtend, bis sie schließlich mit dem Wesen Werther verschmolzen. Simon verwandelte dadurch den ursprünglichen Briefmonolog in einen Dialog zwischen unterschiedlichen Aspekten des Protagonisten, in denen Frank Genser, Philipp Lux, Viktor Tremmel und Friederike Tiefenbacher spürbar aufgingen. Die Figur profitierte von den so unterschiedlichen Persönlichkeiten der Darsteller, die den vielen Facetten Intensität verliehen. Interessant die weibliche Besetzung in Werthers Seelenleben, von der sich Tiefenbacher im Verlauf des Stückes schleichend verabschiedete, immer mehr in die Rolle Lottes schlüpfend, die sie erst am Ende gänzlich ausfüllte. Für Werthers vergebliches Werben musste zunächst eine Puppe herhalten, die er in zunehmend rasender Sehnsucht symbolisch zerstörte. Minimalistisch die Bühne mit weißen Wänden, in scharfem Kontrast zu den schwarzen, die historische Zeit nur andeutenden Kostümen. Eine Augenweide die als Scherenschnitt gespielte Szene. Unerreichbar wiegte sich Lotte zuvor hoch oben unter der Decke, neben ihrem nach unten hängenden Flügel, aus dem die Tastatur quoll. Am Ende saß Lotte auf einer im Nichts verschwindenden Treppenflucht, nun in deutlich historischem Gewand, dessen geschnürtes Oberkleid Enge und Begrenztheit der Gesellschaft assoziierte. Die verbliebenen Werther näherten sich ihr ein letztes Mal, verkehrten ihre Zurückweisung in Wunschfantasien, die Lottes Schläge als liebkosende Hände beschrieben. Die ganze Tragik des Gefühlskarussells aus Leid, Scheitern, Kraft schöpfen, Hoffnung und schließlich Resignation wurde noch einmal spürbar. Ist ein Selbstmord gut oder schlecht, Stärke oder Schwäche? Fragen, die zu Beginn der Aufführung gestellt wurden. Eindeutig war dagegen der frenetisch anhaltende Applaus, mit dem die Glanzleistung der Schauspieler und der Menschen hinter der Bühne gebührend belohnt wurde.

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