Mit Willenskraft und Fleiß zum Traumberuf Schreiner

Gelungene Flucht und was dann?

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Auch von Johannes Schlögler (re.), Lehrling im dritten Lehrjahr, kann Weldezghi Mehari einiges lernen.

Betzigau – Im Juli 2014 war Weldezghi Mehari mit seiner Frau Brhana Weldetinsae nach einem halben Jahr auf der Flucht aus Eritrea über den Sudan in Deutschland angekommen, seit August 2014 leben die beiden in Kempten, inzwischen in einer kleinen Wohnung in Thingers. Im April 2015 wurde ihre Tochter Eliana Weldezghi in Kempten geboren und seit März diesen Jahres ist die Anerkennung durch. Anstatt aber die Hände in den Schoß zu legen und sich auf das Amt zu verlassen, nimmt der 25-Jährige das Leben seiner kleinen Familie selbst in die Hand.

Seit September ist Weldezghi Mehari Auszubildender in der Schreinerei „in puncto Holz“ des Ehepaares Claudia und Remig Weiß in Betzigau. Dass er davor ein Praktikum dort absolvieren konnte, sei ursprünglich „nur eine Gefälligkeit“ für einen langjährigen Kunden gewesen, der sich im Asyl-Helferkreis engagiere und Weldezghi Mehari bei seiner Suche unterstützt habe. Ein Schritt, der sich gelohnt hat – für alle Beteiligten, wie im gemeinsamen Gespräch in der Schreinerei deutlich wird. Dennoch, der Weg bis hierher – und bis zum Ziel, der Gesellenprüfung ist noch eine gute Strecke zurückzulegen – war für den neuen Arbeitnehmer wie Arbeitgeber nicht ohne Dornen.

Leuchtende Augen bekommt Weldezghi Mehari wenn er von seiner kleinen Tochter Eliana, die wie es in Eritrea üblich ist, auch den Vornamen des Vaters – Weldezghi – trägt, spricht. Ein Marker in einem neuen, hoffnungsvollen Leben in Deutschland, für das er und seine Frau eifrig Deutsch lernen. Traurig sind seine Augen dagegen, wenn er von seiner Heimat spricht, die er unter anderem wegen des „sehr harten“ Militärdienstes verlassen habe, der für Frauen und Männer obligatorisch das 12. Schuljahr sei und mindestens 18 Monate dauere. Nach fünf Monaten sei er geflohen. Auch könne man sich seinen Beruf nicht aussuchen. Dass er jetzt Schreiner werden kann, ist für ihn wie ein Segen, denn das sei sein Traum bereits in Eritrea gewesen, wo der Bauernsohn aus einem kleinen Dorf im Westen des Landes auch schon mit Holz gearbeitet habe. „Ich möchte gerne in Deutschland bleiben“, sagt er in recht gutem Deutsch, denn „in Eritrea wird es immer schlimmer“. Es ist nicht viel, was er von zuhause erzählt und doch genug, um zu verstehen, warum er den riskanten Weg nach Deutschland beschritten hat, auf der Flucht vor einer Militärdiktatur, Unterdrückung, Gewalt, Armut und Perspektivlosigkeit. Als sehe er die Bilder nach all den Jahren noch vor sich, erzählt er unter anderem vom Tod seines zwei Jahre älteren Bruders, der als 13-Jähriger vor ihm gelaufen und von einer Tretmine getötet worden sei. Zurück im Hier und Jetzt erklärt er lebhaft, dass das Arbeiten in Eritrea schon „sehr unterschiedlich“ zu Deutschland sei, ohne jedoch konkret zu werden. Aber „es macht alles Spaß“ und er fühle sich auch im Kreis seiner Kollegen wohl.

Durchbeißen gefragt

Claudia Weiß hat „mindestens mit 15 Menschen telefoniert, bis wir gewusst haben, was wir mit ihm machen dürfen“. Kompliziert sei es aber vor allem deshalb, „weil man nicht genau weiß, wo man ansetzen soll“. Eine sehr gute Anlaufstelle sei die Agentur für Arbeit – „das wussten wir am Anfang aber nicht“ – und auch die Handwerkskammer. „Oft scheitert es an banalen Kleinigkeiten“, wie Versicherung. Ein Problem sei allerdings gewesen, dass Weldezghi Mehari das Berufsgrundschuljahr (BGJ), in dessen Rahmen er auch das Praktikum absolviert habe, wegen der mangelnden fachlichen Sprachkenntnisse „nicht bestanden hat“. Deshalb müsse nun erst ein EQ-Jahr, ein Einstiegsjahr, absolviert werden. Eigentlich sei es nicht geplant gewesen noch einen zweiten Lehrling – ein weiterer ist im dritten Lehrjahr – zu nehmen, gesteht Claudia Weiß, dass es das in der ganzen im nächsten Jahr immerhin 20-jährigen Firmengeschichte nicht gegeben habe. Aber „es wäre eine so große Enttäuschung für ihn gewesen“ ihn weiter zu schicken, erklärt sie die Entscheidung den auch von den Kollegen in der Schreinerei als „sympathisch und fleißig“ bezeichneten Praktikanten als Lehrling zu nehmen. Abends wird im Deutschkurs im Haus International gebüffelt und in der Freizeit liebt Weldezghi Mehari es, mit Frau und Tochter spazieren zu gehen, Rad zu fahren oder Volleyball zu spielen. Den täglichen Weg von Thingers nach Betzigau nimmt er gerne auf sich, mit dem Fahrrad oder per Bus. Ein Führerschein und eigenes Auto wird wohl ein noch länger gehegter Wunschtraum bleiben müssen. Glücklich ist Weldezghi Mehari aber auch so, wie er sagt. Für das Ehepaar Weiß ist ihr neuer Lehrling ein gutes Beispiel dafür, dass es auch Menschen gibt, die sich nicht auf die Helferkreise oder sonstige Institutionen verlassen. „Ich weiß nicht, ob er in zehn Jahren oder so zurück in seine Heimat will, aber auch dann hätten wir etwas Gutes bewirkt“, ist Remig Weiß überzeugt. Es sei wie bei allem, fügt seine Frau an: „er hat zum rechten Zeitpunkt die richtigen Leute getroffen“ und betont, „verhätschelt wurde er aber nicht“.

Christine Tröger

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