Wem folgt das Volk?

„So geht nun ein unrühmliches Zwischenspiel der römischen Geschichte zu Ende“ – gelassen resümiert Octavius, alias Michael Lucke, das Gemetzel, das sich kurz zuvor auf der Bühne des Stadttheaters abgespielt hatte. Er ist einer der Wenigen, die in William Shakespeares Drama „Julius Caesar“ das Machtspiel um die Herrschaft in Rom überlebt haben. Am vergangenen Samstag hatte das Stück Premiere im TheaterInKempten.

Die Geschichte beginnt euphorisch: Im Triumphzug kehrt Caesar (Dr. Reinhold Mayer) aus dem Krieg zurück, das römische Volk jubelt ihm zu. Sein Verbündeter Marc Anton (Ulrich Schwab) feiert mit ihm. Doch mit Brutus (Kim Bärmann), Cassius (Walter Stapper) und einigen anderen mächtigen Römern haben sich Verschwörer zusammen getan, die Caesar lieber tot sehen als zum allmächtigen König aufsteigen lassen wollen. Der legendäre Feldherr schlägt auch die Warnungen eines Wahrsagers, verkörpert von Prälat Dr. Albert Lupp, und des beflissenen Artemidorus (Alexander Hold) in den Wind, und so kommt es, wie es kommen muss: Die Attentäter ermorden den Demagogen im Capitol. Mit „Julius Caesar“ hat Regisseur Ulrich Schwab dem Kemptener Publikum wohl nicht das am einfachsten zugängliche Stück William Shakespeares präsentiert. Um die Brücke zum Zuschauer zu schlagen, setzt er auf Identifikationspunkte. Die Handlung läuft in der Gegenwart ab, Schwab gewann teils stadtbekannte Persönlichkeiten als Schauspieler und lässt eine große Zahl an Komparsen das Volk auf, vor und neben der Bühne darstellen. Ein Experiment, das in weiten Teilen gelingt. Neben den Profi-Schauspielern Bärmann und Stapper überzeugen auch die Amateur-Darsteller wie Mayer und AÜW-Chef Lucke. In ihren schwarzen Mänteln geben die honorigen Senatoren äußerst glaubwürdige Verschwörer ab. Krieg im Stadttheater Eher etwas bunt zusammengewürfelt wirken hingegen die Militär-Uniformen, in die die Attentäter im zweiten Akt schlüpfen, auch der ein oder andere Anachronismus ließ sich offenbar nicht vermeiden, wenn etwa Octavius am Laptop sitzt, während Marc Anton ihm von seinem Pferd erzählt. Nach dem Attentat herrscht Krieg im Stadttheater. Erst schafft es Brutus mit einer flammenden Rede, das Volk von der Richtigkeit des Attentats zu überzeugen. Gleich danach erklären sich die wankelmütigen Römer jedoch bereit, Marc Anton zu folgen, der Brutus Beweggründe in Zweifel zieht. Mit gezieltem Einsatz von Videobeamern stellt Schwab den Krieg der beiden Lager dar und lässt Caesars Geist erscheinen. Immer noch aktuell Gut 2000 Jahre ist Caesar tot, vor rund 400 Jahren schrieb Shakespeare sein Stück. Aber „die Beantwortung der Frage, wann ein Tyrannenmord gerechtfertigt ist, steht immer noch aus“, so der Regisseur. „Julius Casear“ ist ein Stück, das Aktualität besitzt und in dem die Bürger die heimlichen Hauptdarsteller sind. Dem trägt Schwab in seiner Inszenierung Rechnung. Während die Mächtigen sich gegenseitig niedermetzeln, bleibt als einzige Konstante das Volk. „Julius Caesar“ ist noch am heutigen Mittwoch, 1. Juli, kommenden Freitag, 3. Juli und am kommenden Sonntag, 5. Juli, jeweils um 20 Uhr im Stadttheater zu sehen. Karten gibt’s beim KREISBOTE in der Salzstraße 30 oder unter der Telefonnummer 0831/2528310.

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