Geschäftsführer und Ausbilder diskutieren an der BS I über die Revolution von Prozessen

Industrie 4.0 und das Ausbildungssystem

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Auf Einladung der BSI sind viele Geschäftsführer und Ausbilder von Großunternehmen und Handwerksbetrieben zum Forum über Industrie 4.0 erschienen.

Kempten – Wenn US-Präsident Barack Obama gemeinsam mit Angela Merkel Deutschlands größte Industrieschau, die Hannovermesse, besucht, dann ist schnell von Industrie 4.0 die Rede. Dieser Begriff umschreibt eine Fortsetzung einer Reihe industrieller Revolutionen der Vergangenheit und wurde 2011 als Ergebnis der Hannovermesse der Öffentlichkeit als feststehender Begriff erstmalig präsentiert.

Die erste industrielle Revolution wurde Ende des 18. Jahrhunderts in England geboren, als es möglich wurde Energie durch Wasser und Dampf zu erzeugen. Der mechanische Webstuhl, die Dampfmaschine und die Eisenbahn wurden zu Ikonen dieser Epoche. Anfang des 20. Jahrhunderts folgte die zweite industrielle Revolution – die Massenproduktion und der Einsatz von Strom waren ihre Errungenschaften. Mit der dritten „digitalen“ Revolution wurde der Einsatz der Elektronik in der industriellen Produktion vorangetrieben. Auch viele Gegenstände der Alltgaskultur wurden in ihrer Steuerung digitalisiert, wie z.B. Kameras oder Pkws. Aus der digitalen Revolution entwickelt sich nun die vierte Revolution, die auch als Industrie 4.0 bezeichnet wird. Nunmehr werden Prozesse nicht mehr nur digital gesteuert, sondern alle relevanten Daten der Produktion oder des Betriebs werden zeitgleich erfasst und ausgewertet. Zu diesem Thema hatte die Staatliche Berufsschule Kempten I Geschäftsführer und Ausbilder aus Allgäuer Großunternehmen und Handwerksbetrieben zum ersten Forum „Von der Industrie 4.0, Handwerk 4.0 zur Ausbildung 4.0“ eingeladen.

Aus Sicht des Veranstalters, in Person vorgetragen durch den leitenden Oberstudienrat Hanns Deniffel der BS I, gehe es bei Industrie 4.0 nicht nur um den professionellen Umgang mit neuen Medien und moderner Technik, sondern um eine fundamentale Veränderung der Arbeits- und Ausbildungswelt. Um die Frage zu beleuchten, wie sich Industrie 4.0 auf das Duale Ausbildungssystem auswirkt, wurden Experten von Großunternehmen und dem Handwerk gebeten ihre Erfahrungen vorzustellen und in eine Diskusssion mit Gästen einzusteigen. Für die Industrie sprachen Anton Niedermayer, Vertriebschef der Siemens AG Schwaben, und Markus Wolf von Bosch Production System über smart factories. Beide Vertreter erläuterten wie mit Hilfe von Sensorik an nahezu allen Stellen eines Prozesses, an denen Daten erfasst, gespeichert und ausgewertet werden. Wolf brachte hierfür ein anschauliches Beispiel: Bosch fertigt in seinem Werk im Allgäu ESP- und ABS-Bremssysteme für die Automobilindustrie. Diese werden in die ganze Welt exportiert, u.a. auch an den US-amerikanischen Hersteller von Elektroautos Tesla. Der Betrieb der im Fahrzeug verbauten Bosch-Komponenten wird mittels Sensorik stetig überwacht und aufgezeichnet. Fällt eine Störung an, kann diese sofort herausgelesen werden und es erfolgt eine unmittelbare Anleitung zur Lösung des Problems vom Allgäuer Werk hin zum Kunden vor Ort. Voraussetzung ist, dass alle Beteiligten weltweit miteinander digital vernetzt sind. Industrie 4.0 sei eine Vernetzung von Maschine zu Maschine und vom Menschen zur Maschine. So könne eine Maschine irgendwo auf der Welt von einer anderen Maschine oder einem Operator gelesen und betrieben werden. „Aus Informationen Wissen ziehen“, so formulierte es dann auch Niedermayer, der für die Siemens AG das Ziel ausgab, mit Industrie 4.0 neue Dienstleistungen für Kunden zu generieren.

Als Vertreter des Handwerks sprach Gottfried Voigt, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Kempten, und auch Josef Sigel, stellvertretender Obermeister der Elektro- und Informationstechnik, zu den Gästen. „Wir erwarten einen tiefgreifenden Wandel für das Handwerk“, so die beiden Experten unisono. Das Handwerk selbst beschrieben sie als individuell, flexibel, regional, aber auch als arbeitsintensiv, aufwendig und teuer. Durch die allmähliche Einführung von Industrie 4.0 werde befürchtet, dass durch höhere Flexibiltät, verbesserte Ressourceneffizienz und der Wandlungsfähigkeit der maschinellen Produktionsprozesse, die Industrie zukünftig auch zu einem Wettbewerber für das Handwerk werden könnte. Aber, so räumten die Redner ein, der Trend zur Industrie 4.0 sei unumkehrbar und schon heute würden in den allermeisten Gewerken höhere Anforderungen gestellt und Kompetenz in Sachen IT und Elektronik erwartet. „War es früher die mehr handwerliche Tätigkeit wie z.B. das Verlegen der Kabel, die im Vordergrund stand, so ist es heute vielmehr die Implementierung und Steuerung von eletronischer Technik, wie z.B. in den sogenannten Smart Homes, in denen die Waschmaschine beim Einkaufen über das Smartphone angesteuert wird“, so Sigel.

Anforderungen an die Berufsschulen 

Abschließend kam von Seiten der BS I Oberstudierrat Thomas Barmetler zu Wort, der sich explizit mit der Anpassung der Berufsschulen an die Ausbildungsangebote beschäftigte. Einen Schwerpunkt in der beruflichen Ausbildung sieht Barmetler in der Befähigung der Schüler, aktiv mit Computerprogrammen zu arbeiten oder diese selbst zu erstellen. Aber auch die Weiterbildung der eigenen Lehrkräfte und die Ausstattung der Berufsschule mit zeitgemäßer Hard- wie Software rücke in den Fokus, was zugleich hohe Kosten verursache. Besonderes Augenmerk legte Barmetler in seinen Ausführungen auf die Risiken durch eklatante Sicherheitslücken in den vernetzten Systemen von Industrie 4.0.

In der anschließenden Diskussion zeigte sich dennoch eine hohe Akzeptanz für die Veränderungen, die Industrie 4.0 mit sich bringen wird. Zugleich aber wurde betont, dass bewährte Ausbildungsformate und Angebote bestehen bleiben.

Jörg Spielberg

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