Besondere Fotoausstellung im ver.di-Haus

Äußerst prekär

+
Inge Peters, Ortsvereinsvorsitzende, und Werner Röll, Geschäftsführer von ver.di, eröffnen die Ausstellung „Prekäres Leben – Prekäre Arbeit – Prekäre Zukunft“.

Kempten – Es lohnt sich, bis ins Dachgeschoss des ver.di-Hauses in der Hirnbeinstraße hinaufzusteigen, um sich die aktuelle Fotoausstellung „Prekäres Leben – Prekäre Arbeit – Prekäre Zukunft“ anzuschauen. Die 21 im Schattenriss dargestellten und mit Kurzbiografien versehenen Menschen sind prekär beschäftigt, was bedeutet, dass sie eine unsichere, schlecht bezahlte Arbeitsstelle haben, die geringe Aufstiegschancen bietet, wie Inge Peters, die Vorsitzende des ver.di-Ortsvereins bei der Begrüßung der überschaubaren Gästeschar Kempten erklärte.

„Befristete Arbeit nimmt den Leuten den Atem weg und ist psychisch extrem belastend“, stellt Geschäftsführer Werner Röll fest und warnt, dass jeder und jede davon betroffen sein kann, keineswegs nur gering qualifizierte Personen. Er ist stolz auf den Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde, der keineswegs, wie von manchen vorhergesagt, „den Untergang des Abendlandes“ herbeigeführt hat und schließlich auch nur einen Monatslohn von 1470 Euro brutto ergibt. Klar, dass diese Summe gerade so zum Leben reicht und keine Rücklagen für die Rente erlaubt. Die Folge davon: Ein großer Teil der Bevölkerung steuert sehenden Auges in die Altersarmut. Klar aber auch, dass der Mindestlohn die Kaufkraft am Ort steigert und in die Wirtschaft zurückwandert.

Die Lebensgeschichten der Porträtierten spiegeln die verschiedenen negativen Folgen der vor zwölf Jahren beschlossenen sogenannten „Hartz-Gesetze“ und der Liberalisierung der Zeitarbeit. Die Zahl der Minijobs, Leiharbeit, Werkverträge, Teilzeitarbeit – 75 Prozent dieser Stellen sind von Frauen besetzt – hat in den letzten Jahren rasant zugenommen und die so Beschäftigten sind zur Manövriermasse der Betriebe geworden. Röll dazu: „Befristete Arbeitsstellen schaffen Ruhe im Betrieb, weil sich die Leute nicht trauen ihre Rechte einzufordern und nicht aufbegehren.“

Es gibt in Deutschland erschreckende 7,9 Millionen Niedriglöhner, was bedeutet, dass sich jede fünfte Person, der wir auf der Straße begegnen, in einer prekären Lebenssituation befindet.

Deshalb sollen diese Bilder besonders für junge Leute, die vor der Berufswahl stehen, eine Warnung sein und zugleich Anregung sich gewerkschaftlich und politisch zu engagieren und zu durchschauen, was „Flexibilisierung und Liberalisierung des Arbeitsmarkts“ tatsächlich bedeuten kann. Da in den vier Wochen der Ausstellung der Saal jeden Abend belegt ist, wird sie auch viele „unfreiwillige“ Besucherinnen und Besucher haben.

Elisabeth Brock

Meistgelesene Artikel

Ausblick und Austausch

Kempten – Knapp 200 Repräsentanten der verschiedenen Bereiche des Lebens in Kempten versammelten sich am Dienstagabend in der Schrannenhalle des …
Ausblick und Austausch

Lebensgefährtin versucht anzuzünden

Kempten – Am Donnerstagnachmittag vergangener Woche eskalierte ein Streit zwischen einem Pärchen, in dessen Verlauf der Mann offenbar versuchte seine …
Lebensgefährtin versucht anzuzünden

Schnell eingliedern mit "LASSE"

Kempten – Christian Kühn ist ein ganz normaler Mann. Täglich pendelt der 33 Jahre alte Familienvater von Füssen nach Kempten zur Arbeit. In der …
Schnell eingliedern mit "LASSE"

Kommentare