Trauma kann körperlich oder seelisch sein

"Was ist ein Trauma?"

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Dr. Frank Zimmerhackl.

Das Trauma an sich ist „nur“ ein Ereignis, keine Erkrankung. Traumatisierende Ereignisse gibt es sowohl auf körperlicher als auch auf seelischer Ebene. Heutzutage wird der Begriff allerdings oftmals „inflationär“ gebraucht, so dass die Definition allein schon schwierig ist.

Das erlebten jetzt auch die rund 100 Besucher beim 22. Allgäuer Trialog im evangelischen Ge- meindehaus an der Reichstraße. Hierbei setzten sich Betroffene, Angehörige und Behandler mit der Frage auseinander: „Braucht jede verletzte Seele einen Arzt? Was ist ein Trauma?“ 

„Im Laufe eines Lebens gehören traumatisierende Erfahrungen für Jedermann dazu“, stellte der vormalige Chefarzt der Akut- und Rehabilitationsklinik für Psychosomatische Medizin in Bad Grönenbach, Dr. Frank Zimmerhackl, gleich zu Anfang seines Impulsreferates fest. Er hat eine spezielle Ausbildung für den Bereich Psychotraumatologie. Soldaten im Krieg, Frauen in der Ehe, Kinder im Freundeskreis – heute werde mit dem Begriff sehr leichtfertig umgegangen. „Damit tut man denjenigen Betroffenen Unrecht, die tatsächlich ein Krankheitsbild ent- wickeln.“ Zumeist spreche man dann von einer „posttraumatischen Belastungsstörung“. Solch eine Erkrankung müsse aber nicht unmittelbar nach dem Ereignis, sondern könne auch erst Jahre und Jahrzehnte später auftreten. 

Teil der psychotherapeutischen Behandlungsstrategie kann die so genannte Traumaexposition sein. „Das stößt bei vielen Betroffenen allerdings zunächst auf Unverständnis, denn dieses Verfahren setzt die Bereitschaft voraus, das Ereignis noch einmal emotional, also in voller Wucht zu durchleben“, so Zimmerhackl. 

Dem Facharzt ist der Hinweis wichtig, dass jemand nach einem einschneidenden psychischen Erlebnis nicht sofort einen Arzt oder Therapeuten benötigt. „Gute Freunde, die zuhören, ein stabiles soziales Umfeld, eine normale Tagesstruktur sind zunächst das Beste.“ Erst wenn der Betroffene immer wieder das Ereignis in ganzer Heftigkeit erlebe oder ein bestimmtes Vermeidungsverhalten an den Tag lege, weil Geräusche, Worte, Menschen ihn an das Trauma erinnern oder wenn sich nicht definierbare Schmerzen und/oder Ängste einstellen würden, dann wäre es Zeit, therapeutische Hilfe zu suchen. Seelsorgerin Jutta Schröppel war der Meinung, dass viele Traumata auch damit zu tun haben, dass man sich in unserer Zeit nicht mehr die Zeit zum Trauern nehme. Die Pfarrerin und Koordinatorin Sui-zidprävention und Seelsor- gerin am BKH Kempten sieht sich hier als Ansprechpartnerin auf Zeit. 

Niedrigschwellig ist auch das Angebot des Sozialpsychiatrischen Dienstes in der Diakonie. Hier ist unter anderem der Psychologe Michael Binzer ein Ansprechpartner. Er sieht sich in einer Art „Brückenfunktion“, da aufgrund der Wartezeiten nicht immer sofort ein Termin bei niedergelassenen Fachärzten möglich ist. „Wenn sich in unseren Clearing-Gesprächen Notsignale auftun, können wir auch kurzfristiger vermitteln“. Fragen kamen unter anderem von Helfern eines Asylbewerberkreises. „Uns sagte man, wir sollten bloß nicht nachfragen“, meinte eine Frau. Tatsächlich gehöre es zur Bewältigung, das Erlebte zu erzählen, allerdings solle man vermeiden, „nachzubohren“, waren sich die Fachleute am Trialog-Podium einig. „Neutrales Zuhören reicht meistens.“ 

Wichtig sei es, die Angehörigen einzubeziehen, wenn sich ein Krankheitsbild zeigt, denn diese seien auch betroffen, meinte Hannelore Keck vom Verein Angehörige psychisch Kranker (APK)Kempten und Oberallgäu. „Die Eigenwahrnehmung der Betroffenen sei oft eine ganz andere als die Einschätzung der Angehörigen“, argumentierte sie. An möglichen Hilfen, Traumata zu bewältigen, nannte Maria Johler, Moderatorin des Trialogs, einen guten Freundeskreis, Arbeit und sich ablenken. Manfred Thielert vom Trialog-Team nutzte die Gelegenheit, erneut auf einen Krisendienst hinzuweisen, der seit einem früheren Trialog für Kempten angedacht ist. „Das wäre das richtige Netzwerk.“ mori

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