Viele Zuhörer

Auch ein Grüner kann OB

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Beim Ringen um das Amt des Kemptener Oberbürgermeisters erhält am Dienstagabend Grünen-Kandidat Thomas Hartmann (rechts) Unterstützung von seinen einstigen Weggefährten Dieter Salomon, Oberbürgermeister der Stadt Freiburg. Salomon spricht vor vollem Haus über seine Erfahrungen als grüner Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt.

Kempten – „Darf ich kurz stören? Zwei Radler?” fragt die Bedienung vom „Neustadt Engel” sichtlich gestresst in den überfüllten Raum. Sehr viele Zuhörer sind an diesem Abend gekommen, um dem Wahlkampf-Gast der Kemptener Grünen, Dieter Salomon, Oberbürgermeister der Stadt Freiburg, zuzuhören.

Dieter Salomon, der in Oberstdorf sein Abitur machte und lange Zeit in Missen im Oberallgäu lebte, ist aus dem Südbadischen herübergekommen, um seinen Kemptener Parteifreund Thomas Hartmann bei dessen Kandidatur zum Amt des Oberbürgermeisters zu unterstützen. Bevor Dieter Salomon, Jahrgang 1964, mit seiner Rede beginnt, begrüßt er aber zunächst vorab politische Weggefährten aus früheren Jahren.

Es war in den 1980er Jahren, als sich Salomon und seine Freunde den politischen Zielen der damals noch jungen Grünen anschlossen. „Wir gaben damals Antworten auf Fragen, die niemand stellte”, blickte der schlanke Mann, der längst den selbstgestrickten Pullover gegen einen gut sitzenden Anzug ausgetauscht hat und heute eine Stadt mit mehr als 200 000 Menschen regiert, zurück. „Green City” wird Freiburg im Breisgau auch genannt. Dass die viertgrößte Stadt im Ländle diesen Titel erworben hat, ist auch oder vor allem dem Wirken ihres seit 2002 regierenden Oberbürgermeisters Dieter Salomon zu verdanken.

Salomon ist seit seiner Jugend ein bekennender Grüner, hat sich früh für den Atomausstieg stark gemacht und für den Ausbau erneuerbarer Energien eingesetzt. „Seit 2010”, so berichtet er stolz, „wird kein Atomstrom mehr ins Freiburger Stromnetz gespeist”. Etwas, das die Kritiker der grünen Bewegung noch vor rund einem Jahrzehnt für unmöglich hielten. „Wir wollen die Energiewende für alle”, sagt er und setzt dieses Ziel nun in Freiburg um. Die dortige städtische Wohnungsbaugesellschaft baue seit Jahren alle neuen sozialen Wohnungsbauprojekte ausschließlich in der Passivhausbauweise. Eine Bauweise, bei der die Mieter zwar eine teurere Kaltmiete in Kauf nehmen müssen, durch die niedrigeren Nebenkosten allerdings langfristig sparen.

Salomon ist so ehrlich an diesem Abend seinen Zuhören zu sagen, dass das alles nicht umsonst zu haben ist, sondern dass Investitionen in Nachhaltigkeit immer mit höheren Kosten verbunden sind. Und das ist der eigentliche Punkt seines Referats: Salomon versucht seine Zuhörer davon zu überzeugen, „dass Ökologie und Ökonomie keinen Widerspruch an sich darstellen, sondern einander bedingen”.

Wirtschaft brummt

Der Freiburger OB kennt die Argumente seiner Kritiker, die sagen, es ist schön die „nachhaltigste Stadt Deutschlands” zu regieren, wenn am Ende Land und Bund dafür zahlen. Salomon liefert im „Engel” dazu Zahlen: 110 000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse seien zu vermelden. Nehme man die Beamten und Selbstständigen hinzu, käme man auf 160 000 Beschäftigte bei einer Einwohnerzahl von rund 220 000. Dass eine auf Nachhaltigkeit und Ökologie ausgerichtete Stadtverwaltung nicht zwangsläufig ein unternehmerfeindliches Klima schaffe, belegt laut Salomon unter anderem die Tatsache, dass das dortige ortsansässige global agierende Pharmaunternehmen Pfizer sein Werk in der Breisgau-Metropole mit Europas größter Holzpelletheizanlage betreibe.

Geld und Gewissen

Salomon, so wird an diesem Abend deutlich, versucht in Freiburg den Spagat zwischen Geld und Gewissen. Der Erfolg der Grünen im Ländle basiere eben größtenteils nicht auf weltfremder ideologischer Schwärmerei, sondern auf der Tatsache, alle Beteiligten an eine Tisch zu holen. Dann verweist Salomon gerne auf sein politisches Vorbild Winfried Kretschmann, amtierender grüner Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Dass dieser bekennendes Mitglied des Schützenvereins sei und sonntäglich die Messe seiner katholischen Heimatgemeinde besuche, sei nicht Ausdruck von Spießigkeit, sondern einer gesunden Verankerung im mitmenschlichen Alltag.

Salomon verweist am Ende seiner Rede auf die Parallelen der beiden Städte Freiburg und Kempten, auf deren Dynamik als Hochschulstädte, einhergehend mit Bevölkerungszuwachs und lobt die Be- mühungen der Stadt, Ökonomie und Ökologie in Einklang zu bringen.

Der Abend endet mit einem Auftritt des Kemptener Musik-Duos „Gefühlsecht”. Fast alle der rund 70 Besucher bleiben sitzen, nur zwei gehen zum Rauchen vor das Lokal. Es hat sich was verändert, auch bei den Grünen.

Jörg Spielberg

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