Jederzeit Ansprechpartner für Jeden

"Danke, dass Du bist, wie Du bist"

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Auch mehr Zeit für seine Frau Gabi wird Rudi Goschler künftig haben.

Kempten – „Ambiguitätstoleranz ist die Fähigkeit, widersprüchliche Handlungsweisen zu ertragen“ und eine Voraussetzung für die interkulturelle Kompetenz eines Menschen. 

Denn dieser muss in der Lage sein, „Ambiguitäten, also Widersprüchlichkeiten, kulturell bedingte Unterschiede, die schwer verständlich oder sogar inakzeptabel erscheinen, wahrzunehmen, ohne aggressiv darauf zu reagieren“.

So beschrieb Gaby Heilinger, 1. Vorsitzende des „Haus International“ eines der „Lieblingsworte“ von Rudi Goschler, das dieser nicht nur möge, sondern „er lebt dieses Wort“. So kompliziert blieb es aber nicht, als der noch Hausherr vergangenen Freitagabend im brechend vollen Saal des Hauses mit einem heiter-kurzweiligen Fest bis spät in die Nacht – wie gut, dass so viele Gäste auch das Buffet reichlich bestückt hatten – verabschiedet wurde. Zahlreiche Weggefährten waren gekommen, um „Danke“ zu sagen, es zu singen, zu tanzen, ihren oftmals amüsant gestalteten Dank instrumental oder darstellerisch zum Ausdruck zu bringen. Es war ein Abend, an dem allseits große Wertschätzung für seine „Einsatzfreude, Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe und allerhöchste Kompetenz“, wie Heilinger es auf den Punkt brachte, offenbart wurde.

Zu praktisch jeder Zeit Ansprechpartner für Jeden, habe er – „ungelogen“ – nicht nur „tausende qualifizierter und erfolgreicher Lebensläufe geschrieben und somit vielen jungen Menschen aus schwierigen Familien geholfen“ oder Integrations-fachspezifische Schriften erstellt. Auch vor weniger anspruchsvollen Tätigkeiten habe er sich nicht gescheut, angefangen bei Spülmaschine bedienen über Dachrinne – oder auch mal die verstopfte Toilette – säubern bis zum Bedienen der gesamten Elektrik. Ebenso bescheinigte sie ihm seelsorgerische Qualitäten, denn bei emotionsgeladenen Problemen weise er immer Wege auf, „Emotionen zu neutralisieren und dadurch die Problematik zu verringern“. Dabei gehe er selbst mit täglichen Arbeitsbelastungen „gelassen und weitsichtig um“ und lasse sich durch nichts aus der Ruhe bringen.

"Bin gleich da"

Ein eigenes Kapitel widmete sie schmunzelnd dem Verhältnis Goschlers zum Thema Zeit, denn da müsste dieser ein Afrikaner sein, passend zum Spruch: „Als Gott die Welt erschuf, gab er den Europäern die Uhr und den Afrikanern die Zeit.“ Nach ihren Schilderungen hat es dabei oft genug Goschlers zwei Kinder und Ehefrau Gabi getroffen – „ich habe mich schnell daran gewöhnt“, beruhigte diese. Denn trotz der fast allabendlichen telefonischer Ankündigung, „in fünf Minuten sitz ich auf dem Fahrrad, bin gleich da“, habe sie doch meist deutlich länger auf ihn warten müssen. Er spute sich eben „immer nur so lange, bis wieder jemand etwas von ihm will“, schmunzelte Heilinger.

„Danke, dass Du bist wie Du bist“, wandte sie sich schließlich direkt an „Rudi“.

Ein „bescheidener Charakter“ sei er und 34 Jahre lang „Motor des interkulturellen Lebens“, Ideengeber und Vermittler gewesen, eben einer dem es wichtig war „Barrieren und Hindernisse für Fremde“ niederzureißen und wegzuräumen, zollte ihm Siegfried Oberdörfer, Integrationsbeauftragter des Stadtrats, Respekt. Er habe „in der interkulturellen Vielfalt eine Chance des Zusammenkommens, das Erleben von Verschiedenheit als eine Bereicherung“ gesehen. Dafür stehe Rudi Goschler vor allem mit seinem gelebten Motto: „Toleranz und Respekt gegenüber jedem Menschen, egal woher er stammt.“ Ein Schild mit Bürozeiten suche man bei ihm vergeblich, unterstrich er Goschlers „hohen Einsatz zu fast jeder Tages- und Nachtzeit“. Mit seiner „Allrounder-Kompetenz“ habe er sich ebenso um Lösung von Problemen aller Art gekümmert, wie um die Organisation von Veranstaltungen wie unter anderem den Interkulturellen Herbst oder das Internationale Burghaldefest.

Eines der Abschiedsgeschenke musste sich Goschler noch verdienen, beziehungsweise es erraten. Das Impro-Theater „zweifellos“ lockte ihn nach einigen komischen Szenen auf die richtige Spur. Zwar ging das mit der Inbetriebnahme des Lawinenrucksacks dann nicht gleich so richtig reibungslos, aber es war ja schließlich auch kein Ernstfall.

Nach 34 Jahren, in denen „nicht alles Sonnenschein war, es hat auch Schattenseiten gegeben im Zusammenleben“, freut sich Goschler nun auf eine „selbstbestimmte Zeit“, in der „ich im Sommer sicher auf dem Fahrrad sitze und im Winter auf den Ski“. Dass sein Nachfolger Lajos Fischer dem Haus „gute neue Impulse geben wird“, davon zeigte sich Goschler überzeugt.

Christine Tröger

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