Die Fronten verhärten sich

Der Stein des Anstoßes: In diesem Dorfpark soll ein so genannter Vollsortimenter mit 800 Quadratmetern Verkaufsfläche entstehen. Foto: Stodal

In Altusried hängt der Dorfsegen seit geraumer Zeit gewaltig schief. Die Gemeinde plant, in dem Dorfpark hinter dem Rathaus einen Lebensmittelladen mit 800 Quadratmetern Verkaufsfläche zu errichten – und stößt damit auf massive Gegenwehr. Bürgermeister Heribert Kammel treibt das Projekt, das er als zentralen Aspekt einer positiven Ortskernentwicklung ansieht, mit Nachdruck voran. Die Gegner sehen in dem Vollsortimenter eine Gefährdung der anderen Geschäfte am Ort. Sie warnen vor einer millionenschweren Fehlentscheidung, die zu einer Verschärfung des innerörtlichen Verkehrsproblems führe und werfen dem Altusrieder Rathauschef eine katastrophale Informationspolitik sowie Verschlossenheit gegenüber Alternativvorschlägen vor.

Die Fronten in Altusried sind verhärtet. Ein Konsens scheint unmöglich. Zu gegensätzlich sind die Positionen. Nachdem der ursprüngliche Plan der Gemeinde, das Rathaus zu Gunsten eines Lebensmittelmarktes abzureißen, endgültig vom Tisch ist, wollen Bürgermeister Heribert Kammel (Freie Wähler) und der Gemeinderat ihre Vorstellung der Ortskernentwicklung nun im Dorfpark hinter dem Rathaus verwirklichen: Auf dem 3800 Quadratmeter großen Areal soll die Firma Feneberg – der ihre jetzigen Räumlichkeiten zu klein werden und die sich schon seit Jahren vergeblich bei der Gemeinde um einen neuen Standort am Ortsrand bemüht – einen Vollsortimenter mit insgesamt 1200 Quadratmetern Fläche (davon 800 qm Verkaufsfläche) und 59 Parkplätzen eröffnen. Das zwischen Hauptstraße, Rathaus und Kirchstraße gelegene, hinter Wohnhäusern versteckte Gelände soll über eine neue Ein- und Ausfahrt zur Hauptstraße erreichbar sein. Einer von vielen Haken bei der Sache: 1800 Quadratmeter der mit mehr als zwanzig stattlichen alten Bäumen bewachsenen Grünfläche dienen derzeit als öffentlicher Park, der für Musikfeste, den Alternativen Markt und die Freilichtspielfeste genutzt wird. Die restlichen gut 2000 Quadratmeter des Geländes, das sich im Besitz der Katholischen Gründerstiftung in Augsburg befindet, sind seit über 100 Jahren an Anwohner verpachtet und werden als Gärten und Ruheoasen genutzt, während an den Vorderseiten der Häuser, auf der Hauptstraße, der Verkehr tobt (Messungen zufolge fahren hier täglich 5000 bis 7000 Fahrzeuge vorbei). Unterstützt durch die Bürgerinitiative Rathaus-Ortsentwicklung um Adolf Birker und Kirchenpfleger Wilfried Kiechle wehren sich die Anwohner vehement gegen den Bau des sechs Meter hohen Komplexes direkt hinter ihren Häusern, in ihren Gärten wären sie dann ohne Rückzugsmöglichkeiten und von allen Seiten mit Lärm und Abgasen konfrontiert. Das Angebot, ihrerseits die gesamte Fläche aufzukaufen, wurde seitens der Kirche abgelehnt. Verhandlungen laufen „Ich kann die Argumente der Anlieger grundsätzlich nachvollziehen“, räumt Bürgermeister Kammel ein. „Auf der anderen Seite müssen wir als Gemeinde auf das Allgemeinwohl schauen und damit meine ich die Ortsentwicklung.” Die Bedenken der Anwohner müssten natürlich im Bebauungsplanverfahren berücksichtigt werden. „Aber so weit sind wir bei weitem noch nicht. Momentan sind wir erst einmal dabei, das Grundstück zu sichern.“ Die Verhandlungen mit der bischöflichen Finanzkammer in Augsburg laufen. Diese soll das Areal zunächst für die Gemeinde reservieren. „Erst wenn der Bebauungsplan rechtskräftig wird, findet auch der Kauf statt“, so Kammel. Mittlerweile soll eine mündliche Zusage über den Verkauf vorliegen. Jetzt fühlen sich die Anwohner von Kirche und Bürgermeister hintergangen. Schließlich habe die Kirche stets betont, den Verkauf des Grundstückes von der Zustimmung der Anwohner abhängig zu machen. Kammel indes habe angeblich den Verantwortlichen in Augsburg gegenüber wiederholt behauptet, die Anlieger seien mit den Plänen weitgehend einverstanden – wohl wissend, dass diese das Projekt rundweg ablehnten. „Unser Protest wird einfach unter den Tisch gekehrt“, empört sich der Sprecher der Anlieger, Günther Frischknecht. Überhaupt sei die Kommunikationspolitik der Gemeindeleitung eine Farce. Den Bürgern seien Informationen nur sehr schwer zugänglich. Vieles sei in nichtöffentlichen Sitzungen besprochen worden, Anfragen würden erst nach vielfachem Nachhaken und dann meist ausweichend beantwortet, Einwände ignoriert. So auch die von der Bürgerinitiative vorgebrachten Bedenken über eine unverantwortliche Belastung des ohnehin überschuldeten Gemeindehaushalts. Hierzu erklärt der Bürgermeister: „Wir würden das Gebäude ja nicht selber bauen, sondern lediglich das Grundstück erwerben und dieses dem Investor auf Erbpachtbasis zur Verfügung stellen. Dadurch würden sich die Kosten für den Kaufpreis refinanzieren.“ (Über dessen Höhe hält Kammel sich derzeit noch bedeckt, Gerüchten zufolge ist von 400 000 Euro die Rede.) Für die Gemeinde stelle das Ganze „eigentlich keine finanzielle Belastung“ dar, resümiert der Rathauschef. „Die Aussagen der Bürgerinitiative, die meint, `das braucht`s alles nicht, die Gemeinde ist sowieso zu hoch verschuldet`, sind für mich überhaupt nicht nachvollziehbar.“ Dem halten Birker, Kiechle und Frischknecht entgegen, die Gemeinde habe für das Projekt bereits zwei nicht weiter genutzte Gebäude für 280 000 Euro erworben. Rechne man die Kosten für deren Abriss, für die Erschließung des Geländes, den Bau der Zu- und Ausfahrt, die notwendige Umplatzierung einer Trafostation, die Vorplanungen sowie die geschätzten Grundstückskosten hinzu, bewege man sich bereits im Bereich von um die 950 000 Euro. „Angesichts von 13 Millionen Euro Schulden ist das ein Wahnsinn und ein unkalkulierbares Risiko noch dazu“, finden die Drei. Zu alledem bringe der Markt eine untragbare Verschlechterung der ohnehin schwierigen Verkehrssituation im Ortskern mit sich. Denn die Ein- und Ausfahrt des Geschäfts, das noch mehr Verkehr ins Zentrum holen würde, läge an der vielbefahrenen Hauptstraße, genau gegenüber der Tiefgarageneinfahrt der künftigen Postresidenz. Die unmittelbare Nähe zu einer 90-Grad-Kurve, sowie zu zwei Bushaltestellen und die extrem schmalen Gehsteige verschärften die Lage zusätzlich. Existenzgefährdung? Während der Bürgermeister die Meinung vertritt, die umliegenden Geschäfte würden von dem neuen Laden profitieren, „weil die Leute dann in den Ortskern kommen, um einzukaufen und andere Angebote, die bereits vorhanden sind, nutzen“, sieht die Bürgerinitiative in dem „überdimensionierten und unnötigen“ Vollsortimenter, für den ohnehin keine Kaufkraft vorhanden sei, eine Existenzgefährdung für die kleinen Einzelhändler. „So ein Markt gehört in ein Baugebiet, mit Anbindung an die Alpenblickstraße“, finden die Vertreter der Initiative, was vom Bürgermeister mit der Erklärung gekontert wird, dass man nicht den Ortsrand sondern dessen Kern beleben wolle. Ebenso ignoriert würden alternative Vorschläge zur Gestaltung des Ortskerns: „Wir möchten einen belebten Platz mit kleinen Geschäften, mit Bäumen und öffentlichen Toiletten. Den absichtlich vernachlässigten Park, der früher wunderschön angelegt war, könnte man sicherlich mit ehrenamtlichem Engagement wieder herrichten. Aber die Gemeinde ist für keine Alternativen zugänglich“, bedauert Frischknecht. Letztlich laufe es wohl darauf hinaus, dass man den Bebauungsplan abwarten und dann einen Bürgerentscheid herbeiführen müsse. Auf den Bebauungsplan setzt auch Kammel: „Wenn der steht, kann jeder Bürger Einwände erheben, die dann Berücksichtigung finden müssen. Dann muss man sehen, inwieweit diese Probleme beantwortet werden können”, sagt er. „Ich glaube aber, dass es in Altusried viele Leute gibt, die unsere Planungen für gut heißen. Was mir bis dahin sehr am Herzen liegt, ist dass man sachlich und fair miteinander und mit dem Thema umgeht.“ Dieses Vorgehen ist schon seit längerem auch eine Forderung der Bürgerinitiative.

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