"Fühlen uns veräppelt"

Unter den Kemptener Hoteliers geht die Angst um. Die Angst vor der vermeintlichen „Billig-Konkurrenz“ aus Österreich, der JUFA. Die hat sich genauso wie das Bayerische Jugendherbergswerk um den Bau eines Jugend- und Gästehauses am Cambomare beworben. Wer von beiden den Zuschlag bekommt, entscheidet der Aufsichtsrat des KKU als Bauherr am morgigen Donnerstagabend, 6. August, im Anschluss an die Sitzung des Stadtrates. Nach Informationen des KREISBOTE tendiert das Gremium derzeit aber aus Kostengründen in Richtung der Österreicher. Genau in denen sehen die Hoteliers allerdings ein mit Steuermitteln subventioniertes „Low-Budget-Hotel“ und somit Konkurrenz. Deshalb haben sie sich am vergangenen Donnerstag eindeutig für den Bau einer klassischen Jugendherberge ausgesprochen – und Kritik an OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) geübt. Den lässt das Ganze jedoch relativ unberührt.

Es mutete schon ein wenig seltsam an, mit welch schrillen Tönen ein Teil der heimischen Hoteliers am Donnerstagabend im „Waldhorn“ ganz banal ausgedrückt Stimmung gegen die österreichische Jugend- und Familiengästehäuser (JUFA) machten. Selbst, dass jedes Zimmer der JUFA-Häuser über einen eigenen Internetanschluss verfügt, stieß bei den heimischen Standesvertretern auf Ablehnung – das sei schlecht für die Moral und das Gemeinschaftsgefühl der Kinder, wie es Cornel Nägele, „Bayerischer Hof“, zu begründen versuchte. Die Hintergründe der Veranstaltung, zu der Stadträte und Medien eingeladen waren, sind jedoch andere: Die Hoteliers befürchten unliebsame Konkurrenz, sonst nichts. Und die sehen sie in den JUFA-Häusern. Zu gut ausgestattet für eine klassische Jugendherberge seien die, fast die Hälfte der Internet-Bewertungen der JUFA Nördlingen komme von Geschäftsleuten und zu teuer seien die Häuser für Kinder und Kugendliche auch – mithin also ein „Low-Budget-Hotel“, überdies noch steuerlich subventioniert. „Da ist auch keine Verbindung zu der Zielgruppe zu erkennen“, spielte Nägele auf die Vorgaben der Verwaltung an, dass durch das neue Jugendhaus mit Schulklassen, Jugendgruppen, Sportvereinen oder jungen Familien neue Zielgruppen nach Kempten gelockt werden sollen. Im Gegenzug machten die Hoteliers keinen Hehl daraus, dass sie eine Jugendherberge des Bayerischen Jugendherbergswerks am Cambomare bevorzugen. Fast eine halbe Stunde lang ließen sie Winfried Nesensohn, Vorstand des Bayerischen Jugendherbergswerks, die Vorteile einer Jugendherberge anpreisen. Nesensohn zufolge soll in Kempten eine Jugendherberge mit 162 Betten statt der ursprünglich geplanten 120 entstehen. Die Baukosten bezifferte er mit rund 6,3 Millionen Euro (ursprünglich 4,8 Millionen Euro). „Wir sind kein Low-Budget-Hotel“, betonte Nesensohn. Die JUFA als „Mitbewerber hat als Low-Budget-Hotel natürlich eine ganz andere Auslastung“, sagte er. Das Konzept stehe ebenfalls bereits und „ist auf den Platz am Stadtbad abgestimmt.“ Neben der zu befürchtenden Konkurrenz aus Österreich bedrückt die Hoteliers aber auch der aus ihrer Sicht unfeine Umgang der Verwaltung mit ihren Sorgen. „Wir fühlen uns total veräppelt“, so Uli Schmid, Vorsitzender des City-Managements und Chef des Hotels am Forum. Mehrfach hätten ihm OB Netzer und zuständige Verwaltungsstellen zugesichert, Einblicke in die Konzepte beider Bewerber zu bekommen – das sei bis heute nicht geschehen. Stattdessen sei man immer wieder vertröstet worden, klagte Schmid. „Wir sind hingehalten worden.“„Es geht hier um Existenzen“, warnt er. Bereits jetzt müssten die Kemptener Hotels einen Umsatzrückgang von 12 bis 20 Prozent hinnehmen. „Wir sind einem Wettbewerb ausgesetzt“, so Schmid. „Und wenn der subventioniert wird, ist er nicht mehr fair.“ Zweifel an Rechtmäßigkeit Hans Heel, Chef des „Waldhorn“, betonte dagegen: „Wir wollen, dass die Unterschiede deutlich werden.“ Schließlich könne man sich nicht alles bieten lassen – „es geht doch um die Kemptener Hoteliers.“ Heel weiter: „Die Stadt kann nicht verhindern, dass die JUFA in unserer Gästestruktur wildert.“ Bei den anwesenden Stadträten stieß das Vorgehen der Gastronomen jedoch auf Kopfschütteln. „Ich weiß nicht, ob das verfahrenstechnisch in Ordnung ist“, meinte beispielsweise Erwin Hagenmaier (CSU) dazu, dass die Unterlagen des Jugendherbergswerks noch vor der Diskussion im Aufsichtsrat des KKU am Montagabend veröffentlicht wurden. SPD-Stadtrat Siegrfied Oberdörfer ging in die gleiche Richtung: „Das kann nicht vor der Ausschussitzung veröffentlicht werden.“ Andere sagten, „diese Veranstaltung ist falsch“ oder sprachen von „Beeinflussung“. Darüber hinaus werde der Stadtrat auch nur informiert, ließen sie die Hoteliers wissen. Abgestimmt werde im Aufsichtsrat des KKU, sie selbst würden nur über beide Konzepte in Kenntnis gesetzt. OB Dr. Ulrich Netzer äußerte im Gespräch mit dem KREISBOTE ebenfalls wenig Verständnis für das Vorgehen der Hoteliers. Zu keinem Zeitpunkt sei ihnen zugesagt worden, Einsicht in die Konzepte zu bekommen. Zwar seien die Hotelbetreiber „von vornerein in alles eingebunden“ gewesen, aber zugesichert habe man lediglich: „Wir vermitteln euch, dass ihr mit beiden über ihre Konzepte reden könnt“, sagte Netzer. Daraufhin hätten Befürchtungen und Bedenken von Seiten der Hotelbesitzer geäußert werden können, was am vorvergangenen Montag auch geschehen sei, so der Rathauschef. „Fragestellungen und Bedenken sind mitgenommen worden“, berichtete er. Die Bewerbungsunterlagen dagegen habe man gar nicht zeigen dürfen. Ob das Vorgehen der Hoteliers und des Jugendherbergswerks vom Donnerstag einen Formfehler beinhaltet, habe die Verwaltung bereits überprüft. „Aber wir sehen ihn nicht“, so Netzer. Das Stadtoberhaupt betonte, dass das Verfahren derzeit noch völlig offen sei und erst am morgigen Donnerstagabend mit der Entscheidung des KKU-Aufsichtsrates abgeschlossen werde. Sicher sei jedenfalls, dass nicht im Revier der Hoteliers gewildert werden soll. „Es gibt einen klaren Grundsatzbeschluss, dass wir neue Zielgruppen erreichen wollen“, betonte Netzer. „Und beide Konzepte gehen auf diese Zielgruppe zu, nicht auf solche, die von den Hoteliers genutzt werden.“

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