Nach einer Woche und 71 Konzerten endet der 30. Kemptener Jazzfrühling

Fulminanter Schlusspunkt

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Ob es das im Stadttheater schon mal gegeben hat? Beim Jazzfrühling jedenfalls lässt die „Nils Landgren Funk Unit” das Publikum vom Parkett bis unters Dach „rocken“.

Kempten – Wo und womit füllt man wohl am besten so eine „Nachlese“ Teil zwei zum Jazzfrühling? Auch wenn man natürlich nicht alle der 71 Konzerte besuchen konnte aber doch reichlich Eindrücke gesammelt hat. Vielleicht da, wo Erlebtes und Musik noch frisch abrufbereit sind, ohne Blick in die Notizen.

Da wäre die exquisite Performance der Sängerin China Moses mit dem Pianisten und Arrangeur Raphaël Lemmonier sowie Fabien Marcoz am Kontrabass, Jean-Pierre Derouard am Schlagzeug und Luigi Grasso am Saxophon – musikalischer Qualitätsguss vom Feinsten. Im schwarzen Cocktailkleid, mörderischen High Heels, üppigem Straß im Dekolleté und meist mit großem Weinschwenker in der Hand – aus dem es, zumindest an diesem Abend, Tee für die von der Party am Vorabend noch etwas mitgenommene Sängerin gab, wie sie dem Publikum im Stadttheater mitteilte. 

Sie kokettierte plaudernd wie gesanglich als verruchter Vamp, schnurrendes Kätzchen, gab sich lasziv, geheimnisvoll und auch verletzlich. Es war eine Hommage an die Diven des Blues und Soul, in der weder eine Verbeugung vor Donna Summer mit „Hot Stuff“ fehlen durfte, noch „Just say I love him“ von Nina Simone oder „Crazy Blues“ von Mamie Smith. „I can’t stand the rain“, widmete sie kurzerhand der „Wolke“ vor dem Theater und mit „The Mailman, The Butcher and Me“ hatte sie auch eine Komposition dabei, die sie zusammen mit Lemmonier geschrieben hat. 

Ein paar Stunden zuvor bereits begeisterten aber auch zwei hiesige, vielversprechende Sängerinnen ihr Publikum: Lydia Schiller mit Alex Eckert (Gitarre), Sevi Krieger (Piano) und Tiny Schmauch (Bass) in der rappelvollen AÜW-Turbinenhalle; Leonie Leuchtenmüller mit der „SeniorenHausBand” im aus allen Nähten platzenden Haus der Senioren. 

Große Vielfalt 

Zwei Neuerungen zum 30. Jubiläum des Kemptener Jazzfrühlings schlugen auf Anhieb ein: die Jazznacht, bei der mit einem Ticket neun Bands in verschiedenen Kneipen besucht werden konnten. Ob es jemand der laut Veranstalter gut 800 Besuchern geschafft hat, allen Bands sein Ohr zu leihen, muss hier ein ungelüftetes Geheimnis bleiben, zumal es zu späterer Stunde zunehmend schwieriger wurde noch Platz in einer Location zu finden. 

Gelobt wurden allgemein vor allem Vielfalt und Qualität der Konzerte. Wer im „Pane e Vino“ auftreten würde, stand übrigens erst nach dem „Hansjürg-Hensler-Jazz-Wettbewerb“ – das zweite Jubiläums-Novum – am Abend zuvor fest. Denn diese Bühne war der Gewinnerband vorbehalten. Das Quartett des Augsburger Schlagzeugers Tilman Herpichböhm „Jilmann Zilmann“ hatte sich bei der vierköpfigen Jury um Tizian Jost, Chef der bayerischen Landesarbeitsgemeinschaft Jazz (LAG), durch professionelles Spiel und Bühnenpräsenz gegen die Mitstreiter durchgesetzt. 

Der Preis: eine organi- sierte Tournee durch die besten bayerischen Jazzclubs. Auf den 2. Platz kam das „Jan Prax Quartett“ (Preis: 1500 Euro Projekt-Förderung), Platz drei ging an das „Hendrika Entzian Quartett“ (Preis: 1000 Euro Projektförderung) und Platz vier an „Boert“, die sich damit einen Auftritt beim nächsten Kemptener Jazzfrühling 2015 sicherten. Warum heuer deutlich weniger Zuhörer als in den letzten Jahren den Weg zur „Bluesgala” im Kornhaus fanden? 

„Die Tommy Schneller Band”, im zweiten Teil unterstützt von der stimmgewaltigen Theresa Burnett und Sängerkollege Dwight „Butch“ Williams, heizten dennoch kräftig ein. Schade, dass sich im Verlauf des Konzertes die Lautstärke auf eine Gratwanderung zur Schmerzgrenze begab – ein für manchen der Besucher sichtbar suboptimales Hörerlebnis. Angesichts der ehrenamtlich gestemmten Fülle an Veranstaltungen aber auch eines, das den Respekt vor der Gesamtleistung der Festivalmacher nicht schmälern kann. 

Krönender Abschluss 

Einen fulminanten Höhe- und Schlusspunkt erlebten die Besucher beim nahezu ausverkauften Konzert des schwedischen Posaunisten und Sängers Nils Landgren und „Funk Unit”. An diesem Abend wurde das Theater regelrecht „gerockt“, sowohl auf der Bühne als auch im Saal, wo die Menschen nicht nur vor der Bühne, sondern vom Parkett bis unters Dach zwischen Stuhlreihen und auf den Gängen tanzten. Wohl nicht umsonst wird Landgren, der bereits vor 14 Jahren zu Gast beim Kemptener Jazzfrühling war, als einer der erfolgreichsten europäischen Jazz- musiker gehandelt.

Christine Tröger

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