"Gebäude auf der Höhe der Zeit"

Flottillenarzt Dr. Peter Nikodem (3.v.l.) hatte beim „Stadtspaziergang“ des Kemptener Architekturforums viel Interessantes zum ehemaligen Bundeswehrlazarett am Haubensteigweg zu erzählen. Foto: Tröger

Für den zweiten „Stadtspaziergang“ zu baulichen Brennpunkten hatte das Kemptener Architekturforum vergangenen Samstag ein architektonisches „Sahnestückchen“ herausgepickt: das in den 1930er Jahren erbaute, ehemalige Bundeswehrlazarett im Haubensteigweg. Mit Eröffnung des Bundeswehrkrankenhauses in Ulm im Jahr 1980 sei man „auf dem Krankenhaus in Kempten sitzen geblieben“, umriss Flotillenarzt Dr. Peter Nikodem die Geschichte.

In Folge sei die Einrichtung ein „Facharztzentrum im Sinne einer Poliklinik“ gewesen und seit sieben Jahren ein Fachsanitätszentrum. Dafür sei der Komplex allerdings „leider zu groß“, gab er das Dreifache an Platz gegenüber dem Bedarf an. Neben den medizinischen Fachdisziplinen befinden sich hier zwölf Betten für den stationären Aufenthalt. „Wir waren Vorreiter für die Medizinischen Versorgungszentren“, meinte er. Belegungszahlen hatte er zwar nicht parat, überraschte aber die interessierten Bürgerinnen und Bürger – darunter auch eine Reihe Stadträte – damit, dass 30 Prozent der Patienten inzwischen weiblich seien. Da immer wieder „viel investiert wurde“, seien für die derzeitige Nutzung sowohl die „Gebäude auf der Höhe der Zeit“, als auch die Fachabteilungen, deren technische Ausrüstung er mit „mehr als gut“ angab. Herrschaftlich-imposant thront das harmonische Gebäudeensemble mit seinen hohen, holzgerahmten Sprossenfenstern, einer einladenden Hofsituation im nördlichen Eingangsbereich und einem Park mit altem, schattenspendendem Baumbestand, der im Süden an die Grünfläche der Calgeer-Anlage grenzt, über Kempten. Ein bisschen fühlt man sich an das Sanatorium aus Thomas Manns „Der Zauberberg“ erinnert. Keine Tendenzen Über 9000 Quadratmeter Nettogeschossfläche und rund 17 000 Quadratmeter Grund stehen ab 2016 zur Disposition. Dann soll hier im Zuge der Bundeswehrreform dicht gemacht und verkauft werden. Seit Jahresbeginn ist die Bundeswehr laut Nikodem nur noch Mieter bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), deren Aufgabe es sei, die Liegenschaft „möglichst wirtschaftlich“ zu verkaufen. Neben der noch offenen Nachnutzung des Areals wies Nikodem auf eine Kette von Konsequenzen hin, wie den Wegfall der bislang über Privatpatienten stehenden medizinischen Versorgung der Soldaten oder der Betreuung bei Auslandseinsätzen, die aus mehreren Gründen „mit zivilen Ärzten nicht machbar“ sei. Thomas Meusburger vom Architekturforum begrüßte, dass die Stadt auf die Schließungsankündigung der Bundeswehr aktiv und „prompt reagiert“ habe. Zum aktuellen Sachstand berichtete Bauamtsleiterin Dr. Franziska Renner an, dass alle von der Schließung betroffenen Konversionsflächen untersucht sowie Gutachten zur Ermittlung des „entwicklungsunbeeinflussten Wertes“ in Auftrag gegeben würden. Die Stadt sei, wie sie versicherte, daran „interessiert, alle Flächen zu einem akzeptablen Preis zu erwerben“. Eine Tendenz für die mögliche Nachnutzung des Areals am Haubensteigweg gebe es noch nicht. Vielmehr müsse erst „im Gesamtkontext ergründet werden, was denkbar ist“. Problematischer als einst bei der Auflösung der Prinz-Franz-Kaserne sah Tillmann Ritter, Ministerialrat in der Obersten Baubehörde und seinerzeit Leiter des staatlichen Hochbauamtes, das „höchst komplizierte Prozedere“ durch den neu hinzugekommenen „Mitspieler“ BImA, dem es darum gehe „möglichst viel herauszuholen“. In seiner Funktion als Stadtheimatpfleger wünsche er sich, dass das „Areal so bleibt“ – mit Anschluss der Grünfläche an die Calgeer-Anlage für die Allgemeinheit. „Das Haus hat Charakter und architektonische Qualitäten“, signalisierte er kein Interesse an einer Neubebauung. Wie der SPD-Landtagsabgeordnete Dr. Paul Wengert aus Füssen verkündete, gebe es in der Politik „große Übereinstimmung“, dass Kommunen das Erstzugriffsrecht haben sollen. Er sprach von einer Erhöhung der Mittel für die Städtebauförderung, „denn an zu wenig Mitteln soll es nicht scheitern“. Nikodem bedauerte, dass die Stadt Kempten, anders als andere Kommunen, „wenig Interesse gezeigt hat“, als Standort erhalten zu bleiben. Er wünschte sich für das Areal eine künftige Nutzung als „Traumazentrum“, wofür bereits ein fertiges Konzept vorliege. Angesichts zunehmender Auslandseinsätze der Bundeswehr sei der Bedarf für die Behandlung traumatisierter Soldaten steigend. Kooperationen könne er sich hier unter anderem mit der UNO vorstellen, erklärte Nikodem.

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