Geht nicht gibt`s nicht

„Do isch no koaner aue!“ Gerhard, Wirt auf der Ehrwalder Alm, schüttelt den Kopf. Noch niemand hinauf – das kann nicht schrecken. Ganz im Gegenteil: Peter Schwarzmann und Markus Noichl aus Krugzell haben sich in der „Ehrwalder Alm“ am Fuß der Zugspitze einquartiert. Das ehrgeizige Ziel: Die 850 Meter hohe Wetterwand. Zumindest die 300 Meter bis auf den ersten Absatz, und dann schau mer mal…

„No koaner aue“ – ganz stimmt diese Aussage nicht: Auf halber Wandhöhe entdecken die zwei alte Haken. Zu Pionierzeiten hat sich offensichtlich schon mal jemand hochgekämpft auf dem Weg des geringsten Widerstandes, durch Schluchten und Geröll. Verbürgt sind in diesem gewaltigen, über einen Kilometer breiten Gemäuer allerdings nur Anstiege weiter westlich, vorn am Wetterwandeck, zu dem auch die berühmte Wetterkante hochzieht. Aber die beiden Allgäuer wollen nicht den Weg des geringsten, sondern den Weg des größten Widerstandes nehmen: Dort hinauf, wo die Wand am steilsten und der Fels am kompaktesten ist. Neue Herausforderung Einige Arbeitstage später ist ein Neun-Seillängen Baseclimb in bestem Wettersteinkalk fertig. Er endet nach einem Drittel Wandhöhe auf einem Absatz. Schwarzmann hat inzwischen eine neue Flamme und andere Prioritäten. Aber Noichl findet andere Begleiter und nimmt sich den nächsten Wandteil vor. Und es lohnt sich: Nach einer Schrofenpassage wartet Traumfels im Dornröschenschlaf. Es geht voran. Das heißt allerdings inzwischen auch, einen halben Tag am Fixseil hochjümarn, bevor überhaupt Neuland gewonnen werden kann. Im „Expeditionsstil“ werden so 23 Seillängen von unten erschlossen. 250 Bohrhaken sind versenkt, dann erreicht die „Therapie“ einen vorgelagerten Turm in zwei Drittel Wandhöhe. Aber woher der Name? Ein Zehn-Meter-Flug wegen eines ausbrechenden Cliffs, ein „Streifschuss“ von zwei eimergroßen Brocken, die Noichl selber auslöste, als er an den installierten Fixseilen rüttelte, die der Wind um eine Kante geblasen hatte, diverse Ausrüstungsgegenstände, die aus den zerschundenen Händen in der Tiefe verschwinden – allmählich sind alle Beteiligten ordentlich „durchtherapiert“ und reif fürs Nirwana. Nun sitzen die Kletterer auf dem Turm in zwei Drittel Wandhöhe. Der weiterführende Grat erweist sich als brüchig und ist somit nicht machbar. Aber warum nicht von diesem Turm abseilen und die steile Gipfelwand anpacken? Dass die Tour damit noch länger wird, ist inzwischen fast schon ein Reiz. Dort drüben gibt es inmitten abschreckend gelben Gemäuers einen attraktiven grauen Streifen, da geht was. Allerdings nicht mehr von unten. Heldenhaft weiterzumachen, mit Biwak und Hängezelt – diese Variante wird nicht mehr ernsthaft in Erwägung gezogen. Irgendwann reicht´s. Bei Noichl selbst hat sich zwar im Verlauf des Sommers eine spezialisierte Jümar-Muskulatur aufgebaut. Aber der Kreis der opferbereiten Helfer wird immer kleiner. Wer es nicht gewohnt ist, macht nach 500 Metern jümarn schlapp, auch wenn er ansonsten fit ist. Selbst hätte der Krugzeller wohl kaum den Biss aufgebracht, im nächsten Jahr in die überhängende Gipfelwand hineinzuseilen. Aber der Pfrontener Bergführer Wolfgang Mayr hat die unteren Seillängen geklettert, ist begeistert und machte ihn scharf auf eine Fortsetzung. Die Taktik: Mit der Seilbahn hinauf, übers Zugspitzblatt wandern und mit Foto und Karte auf dem zerklüfteten Grat die Stelle anpeilen, wo es hinunter geht zum grauen Streifen in der Gipfelwand. Den sollte man schon treffen, daneben sieht die Mauer brüchig und ungemütlich aus. Als sich die Kletterer dann tatsächlich ans Werk machen, hat´s Nebel. Erst im entscheidenden Augenblick reißt es kurz auf und man kann unten den Gratturm schimmern sehen, auf dem die Tour bislang endet. Vier Tage harte Arbeit, unterstützt vom Ostallgäuer Andreas Baur, dann ist die Linie durch die Gipfelwand gefunden.

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