Gemischte Gefühle

Unter der Leitung von Karl Zepnik singen die beteiligten Chöre gemeinsam mit dem Publikum Christoph Willibald Glucks „Freudenklänge, Festgesänge“. Foto: Kampfrath

Die einen klatschten Beifall, die anderen riefen „Buh“. Unterschiedlich waren die Reaktionen auf die Uraufführung von „feld-rhÿthmen“, einem Werk des zeitgenössischen Komponisten Johannes Schöllhorn. Sie war Teil des Festkonzerts von „Schwaben singt“ am Samstagabend in der bigBOX. Mit diesem Jubiläumswochenende feierte der Chorverband Bayerisch-Schwaben das 150-jährige Bestehen.

Durch ihre klaren Knaben- und Männerstimmen beeindruckten die Augsburger Domsingknaben gleich zu Beginn mit Giovanni Gabrielis „Plaudite omnis terra“. Die Einsätze waren bei der zwölfstimmigen Motette stets sauber. Beim doppelchörigen „Echolied“ von Orlando di Lasso diente der zweite Chor als Echo des ersten Chores und stellte sich dazu in den Zuschauerraum. Große Wandlungsfähigkeit in der Dynamik bewiesen der Sopran und Alt des Chors beim traditionellen „Alpenländischen Jodler“. Sie reicht vom sanften Pianopianissimo bis zum ausdrucksvollen Forte. Die Interpretation von „Der Mond ist aufgegangen“ nach dem Satz von Hans Joachim Marx war anrührend. Nur fiel auf, dass es dem Vokalensemble an vollen tragenden Bassstimmen fehlt. Das ist ein Problem, das viele Knabenchöre haben. Mit viel Wärme und Gefühl boten die Tenöre und Bässe „Guten Abend, gut Nacht“ nach dem Satz von Friedemann Winklhofer dar. Nach dem Liebeslied „Im kühlen Maien“ ernteten die Augsburger Domsingknaben und ihr Leiter Reinhard Kammler frenetischen Applaus. Viel Dramatik Eine großartige Leistung bot der Carl-Orff-Chor Marktoberdorf unter der Leitung von Stefan Wolitz. Sie überzeugten mit zwei Stücken des US-Amerikaners Eric Whitacre, der 1970 geboren wurde. Die Mystik von „Sleep“, das trotz seiner Modernität selten atonal klingt, setzten die Sängerinnen und Sänger sehr feinfühlig um. Die aufsteigenden Tonfolgen der Sopranstimmen fanden ihre Entsprechung in den Bässen. Der Chor, der das Stück auswendig sang, wurde am Ende immer leiser und verstummte schließlich ganz. Auch Whitacres „Leonardo Dreams Of His Flying Machine“ meisterte die Sängergemeinschaft mit Bravour. Mit viel Dramatik gaben sie das Werk wider, das große Sprünge in der Dynamik und Anklänge an die Renaissance hat. Mit „Sch“ ahmten die Sänger an manchen Stellen den Wind nach. Trotz der Schwierigkeit der Komposition blieb die Intonation fehlerfrei. Die Kaufbeurer Martinsfinken standen gemeinsam mit dem Mendelssohn Vocalensemble aus Marktoberdorf auf der Bühne. Sie widmeten sich ganz der Romantik. Mit viel Strahlkraft gaben die Sänger die achtstimmigen „Fest- und Gedenksprüche“ von Johannes Brahms wider und unterstrichen so die Klangpracht des Werks. Der Sopran hatte keinerlei Probleme in der Höhe. Leider war der Text schlecht zu verstehen und manche Takte gerieten etwas zu laut. Lebensfroh und beschwingt trugen die beiden Chöre mit Klavierbegleitung Gioacchino Rossinis „Gondolieri“ vor. Dabei glänzten ein Tenor, Sopran, Bass und Alt mit Solostellen. Tänzerisch interpretierten die Sänger den „Carnevale di Venezia“ des italienischen Komponisten. Sie erinnerten dabei an einen Opernchor. Als Scherz schlug der Dirigent Karl Zepnik beim Wort „miserabili“ die Hände vors Gesicht. Schelte am Komponisten Mit Spannung erwarteten die Zuhörer die Uraufführung der „feld-rhÿthmen“ von Johannes Schöllhorn. Das gleichnamige Bild von Paul Klee hatte den 1962 geborenen Komponisten für das 14-stimmige Werk inspiriert. Die Musiker des Carl-Orff-Chors, der Kaufbeurer Martinsfinken und des Mendelssohn Vocalensembles mischten sich unter das Publikum. Für die Aufführung brauchten sie keinen Dirigenten, sondern richteten sich nach den wechselnden Farben auf zwei großen Bildschirmleinwänden. In dem experimentellen Werk schlugen die Darbietenden Steine aneinander, sangen einzelne hohe sowie tiefe Töne und kleine Glissandi. Sie schrieen „Ha“, schnippten mit den Fingern, zischten, gähnten, pfiffen, artikulierten Verschlusslaute und Vokale, die ineinander flossen. Die meisten Zuhörer reagierten belustigt und etwas ratlos. Ein Teil des Publikums versuchte dem Stück genervt mit Klatschen ein vorzeitiges Ende zu bereiten. Am Schluss applaudierten manche, aber ebenso viele riefen „Buh“. Dabei galt die Schelte dem Komponisten, nicht jedoch den Sängern. Der Abend endete mit Franz R. Millers Kanon „Singen heißt verstehen“ und dem Lied „Freudenklänge, Festgesänge“ von Christoph Willibald Gluck. Die beteiligten Chöre sangen dabei gemeinsam mit dem Publikum, während Karl Zepnik dirigierte. Auch das gesprochene Wort kam bei diesem Festkonzert nicht zu kurz. „Singen ist der Spaziergang für die Seele“, sagte Paul Wengert als Präsident des Chorverbands Bayerisch-Schwaben. Für den ehemaligen Bundesfinanzminister Theo Waigel, Schirmherr von „Schwaben singt“, sind Lieder wie „Die Himmel rühmen“ Trost in so mancher Stunde. „Bayern ist das Land der Musik“, meinte Staatsminister Thomas Kreuzer. Der Vizepräsident des Deutschen Chorverbands, Gerd-Jürgen Raach verwies darauf, dass sich die Voraussetzungen für das Bestehen eines Chorvereins seit der Gründerzeit geändert hätten.

Meistgelesene Artikel

Ausblick und Austausch

Kempten – Knapp 200 Repräsentanten der verschiedenen Bereiche des Lebens in Kempten versammelten sich am Dienstagabend in der Schrannenhalle des …
Ausblick und Austausch

Entwurf der neuen Autobahnbrücke vorgestellt

Kempten – Deutlich auffälliger als bisher wird die neue Zeppelinbrücke über der A7, Höhe Ursulasried, gestaltet sein. Mit einem oberliegenden …
Entwurf der neuen Autobahnbrücke vorgestellt

Lebensgefährtin versucht anzuzünden

Kempten – Am Donnerstagnachmittag vergangener Woche eskalierte ein Streit zwischen einem Pärchen, in dessen Verlauf der Mann offenbar versuchte seine …
Lebensgefährtin versucht anzuzünden

Kommentare