"Geschichte rekonstruieren"

Neue Daten zum alten Friedhof auf dem St. Mangplatz haben 14C-Datierungen von Skeletten ergeben. Dabei werde „der Anteil des radioaktiven Kohlenstoff-Isotops 14C gemessen", das in toten Körpern mit einer konstanten Halbwertszeit zerfällt und somit eine zeitliche Eingrenzung der sterblichen Überreste ermögliche, erklärte der Archäologe Sikko Neupert. „Die Geschichte des Platzes zu rekonstruieren“, ist das Ziel seiner Dissertation an der Uni München, mit der derzeit befasst ist.

Zwar sei diese Methode „nicht 100-prozentig“, aber oft bis 30 Jahre hin oder her genau. Laut Neupert ist sie allerdings „teuer“, weshalb bislang nur sieben Skelette damit analysiert worden seien – mit einem schlagenden Treffer: „Das älteste bisher identifizierte Grab ist aus der Zeit 648 bis 694 n.Chr.“, verkündete er. Damit schließe sich eine „bislang große Lücke“, freute sich auch die Historikerin Birgit Kata vom Stadtarchiv. Denn aus der Zeit vom 5. bis 10. Jahrhundert „gab es bislang nur eine Scherbe“ sowie einen Flechtwerkstein aus dem 7./8. Jahrhundert, der „aus irgendeiner Kirche stammen kann“, hob sie die Bedeutung des Fundes hervor. Damit liege nun nahe, dass „es schon vor den bekannten Steinkirchen Vorgängerkirchen, eventuell aus Holz, gegeben haben muss“, ergänzte Neupert. Derzeit sei nur der „romanische Vorgängerbau um 1100 der St. Mangkirche“ bekannt, warf Kata ein. Als „bislang nicht datierbar“ ordnete sie die Anfänge des Friedhofs ein, von dem lediglich das Ende mit der Profanierung im Jahr 1535 mit Umzug an die Burghalde bekannt sei. Seit den 1980er Jahren werde seine Existenz ab dem 10. Jahrhundert zumindest vermutet. Anno 1557 seien schließlich auch Michaels- und Erasmuskapelle profaniert worden, die aus besitzrechtlichen Gründen nach der Reformation als katholisches Relikt in dem protestantischen Stadtteil verblieben. Rätselhafte Struktur Interessant, so Neupert, sei die Struktur des Friedhofes, dessen „Belegungsphasen ich herausfinden möchte“. Er vermutet drei Belegungsrichtungen, wobei die Leichen an irgendetwas „wie einem Weg oder einer Mauer, die es inzwischen nicht mehr gibt“, ausgerichtet worden seien, spekuliert er. Ebenso seien die Armhaltungen von Interesse, die einmal „über der Brust gekreuzt, dann wieder parallel zum Körper oder mit gefalteten Händen“ scheinbar „einer Mode unterworfen“ gewesen waren. Aber etwas „seriöses“ könne er dazu noch nicht sagen, betonte er. Da seiner Ansicht nach solch ein Projekt „von einer interdisziplinären Arbeit profitiert“, will der Mittelalterexperte dabei Historische Forschung, Archäologie, Anthropologie, Bauforschung oder auch die Archivbestände mit einbeziehen. So habe eine Diplomandin bereits 40 Skelette zur Untersuchung mitgenommen, die Ergebnisse zu Krankheiten, Alter oder Geschlecht liefern sollen. Er selbst verschafft sich einen „Überblick über das Material“, zeichne Scherben und ergänze sie dabei soweit möglich, um sie dann zu digitalisieren. Ein paar Scherbenfunde hatte er auch im Gepäck, wie die einer römischen Reibschale. Die Geschichte des Platzes beginne vermutlich in der Spätantike, verdeutlichte er, dass die Scherben etwas „mit der Geschichte des Platzes zu tun haben, nicht mit den Gräbern“. Bei der folgenden Typologisierung der Keramiken seien vor allem die Warenart, wie Material oder Stand der Technik bei der Herstellung und zum anderen die Form von Bedeutung, meinte er zu einem seiner nächsten Schritte.

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