Stadtgeschichte Kempten

Vom "Zahnprecher" bis zum Kernspintomographen

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Das Breitekrankenhaus.

Kempten – Um die Pflege der Kranken zu verbessern, beschloss 836 die Synode zu Aachen in jeder Stadt ein Hospital einzurichten. Diese Verfügung dürfte eher eine Anregung gewesen sein, da eine Umsetzung dieser Forderung bis ins 12. Jahrhundert nur in wenigen Städten erfolgte. 

Erst danach kam es neben den kirchlichen Einrichtungen in den meisten der noch recht jungen Städte zu einer Gründungswelle von Hospitälern. Ihre Einrichtung erfolgte im Allgemeinen formell durch einen (Laien) Orden, z. B. dem Heilig-Geist-Orden und den zugehörigen Heilig-Geist-Hospitälern. 

Im Bereich der stationären Krankenpflege richtete die Stadt Kempten im 14. Jahrhundert ihr erstes städtisches Spital, ein Leprosenhaus, als Pflegeanstalt für Leprakranke ein. Wahrscheinlich ist diese Gründung als Reaktion der Stadtobrigkeit auf die Schließung des Klosterspitals hinter St. Lorenz durch den Fürstabt zu verstehen. Zum Ausgleich beschlossen um das Jahr 1390 Bürgermeister und Rat ein Spital zu gründen. Da dieses Haus bald aus allen Nähten platzte, ließ es der Rat im Jahre 1403 umbauen und vergrößern. Das neue Spital mit Spitalkirche, das am 9. Oktober 1412 eingeweiht wurde, stand bei der Illerbrücke, auf dem Platz des ehemaligen Saumarktes.

Dieses Spital nahm sich nicht nur der Pflege von Kranken an. Es kümmerte sich auch um die Versorgung von Pilgern, armen und alten Leuten. Die finanzielle Absicherung erfolgte weitgehend durch Spenden von Kirche, Privatleuten und auch durch Unterstützung seitens der Stadt. Es bot sogar Menschen die Möglichkeit, sich in dieses Spital einzukaufen, um im Alter abgesichert zu sein. Daher kann man es auch als eine Art Altersheim sehen, in dem diese Insassen dann sog. Pfründe erhielten. Darunter verstand man damals bestimmte Verköstigungssätze oder Unterhaltszahlung in Geldform, welche die Insassen auf Lebenszeit von diesen Einrichtungen oder anderen Personen erhielten. Wie sahen solche Verpflegungssätze aus? Reiche Insassen bekamen als sogenannte Herrenpfründe jede Woche drei Pfund Rindfleisch, drei Pfund Kalb- oder Schaffleisch und zwei Pfund Fisch. Die Armenpfründer bekamen dagegen nur am Donnerstag und am Sonntag Fleisch. Alle Insassen erhielten pro Tag ihre ein bis zwei Laib Brot, daneben Suppen, Kraut und Rüben, an fünf Tagen ­Schmalzsuppen und an zwei Tagen Fleischsuppen.

Für kranke und sieche Personen, die sonst keine Hilfe erhielten, gab es das Siechenhaus St. Stephan, auch Blatternhaus genannt, das um die zehn bis 15 Kranke versorgte. Es bestand von 1313 bis 1769 und wurde ab dem 16. Jahrhundert außerhalb der Stadtmauern (an der heutigen Kaufbeurer Straße/Augartenweg) verlegt. Noch heute erinnert eine Gedenktafel an dieses sog. „Blatternhaus“.

Im Zuge einer Hungers- und Sterbewelle ließ die Stadt im Jahre 1769 das alte Siechenhaus auflösen und 1770 als Ersatz ein neues Siechenhaus in der Nähe des Schwärzlintores erbauen. Dabei vereinigte man dieses Haus mit dem städtischen Spital, da es weder im Stadtspital noch im städtischen Waisenhaus genug Platz für notleidende Bürger gab. Seinerzeit beköstigte man hier 25 Insassen beiderlei Geschlechts, darunter zehn Pfründner. In der unteren Etage des Hauses gab es einen großen Raum, der in vier kleinere Abschnitte mit jeweils sechs einzelnen Zellen aufgeteilt war. Darin hatte jeweils eine bedürftige Person ihr Bett. Gegenüber dieser Stube befand sich die damals obligatorische kleine Kapelle. Im zweiten Stock gab es fünf Pfründnerstübchen, ein Krankenzimmer, zwei Block- oder Strafräume für Züchtlinge und zwei Blockräume für „rasende“ Personen sowie ein größeres Stübchen, das als Aufenthaltsraum diente. Im Dachgeschoss befanden sich kleine Kammern als Schlafräume für mehrere Pfründner, die sich kein eigenes Stübchen leisten konnten. Tagsüber durften sie sich in der Stube im Geschoss darunter aufhalten, da nur ein Teil der Räume beheizt werden konnte. Die Trennwände der einzelnen Kammern bestanden nur aus einfachen Bretterverschlägen.

1814 entstand als Nachfolgerin des fürstäbtlichen Seelhauses (1702 von Rupert von Bodman erbaut) das Distrikts- oder Stiftsspital. In dieser Anstalt in der heutigen Brachgasse gab es Platz für 23 Kranke und 60 Pfründner. Da sich das Haus in einem sehr schlechten Zustand befand, gab es Pläne, ein neues Spital für mindestens 120 „kranke, alte, bresthafte, krätzige, hinfallende, ansteckende und andere Personen“ zu errichten.

Das erste dieser Häuser, das spätere altstädtische Spital oder Altstadtkrankenhaus („Altstädtisches-Krankenhaus“) an der heutigen Vogtstraße, entstand aus der ehemaligen Pfründeanstalt der Protestantischen Spitalstiftung. Dieses Haus erhielt 1839 nach einem Umbau zwei Krankenstuben. Ab den 1960er Jahren wurde es zum Seniorenheim umgebaut.

Bald darauf ließ die Stadt im Jahre 1847 das „Alte Spital“ (von 1412) an der Iller samt der nebenstehenden alten Metzig abreißen, da man die Gebäude als unästhetisch und hinderlich für die weitere städtische Entwicklung empfand. Somit gab es Bedarf für ein neues Spital, das sogenannte „Distriktsspital“. Dieses, nach den damaligen medizinischen Anforderungen moderne Krankenhaus entstand durch eine Zusammenlegung verschiedener kleinerer Spitäler, unter anderem dem ehemaligen Stadtspital, dem Spital an der Brachgasse und dem in Härtnagel. Das neue, dreigeschossige Krankenhaus, das ab 1835 nach den Plänen des Architekten Simon Mayr aus München erbaut wurde, konnte am 25. August 1841 in der Memminger Straße (frühere Sonnenstraße) bezogen werden. Da das Gebäude nach Geschlechtern unterteilt war, hatte es jeweils zwei Treppenhäuser und die Gänge waren durch Glas abgeteilt. Die Beheizung erfolgte durch einen gemeinsamen Lufterwärmungsofen, der die warme Luft durch Zuleitungskanäle in die verschiedenen Stockwerke leitete.

Im Distriktsspital übernahmen ab 1853 die „Barmherzigen Schwestern des Heiligen Vinzenz von Paul“ die Betreuung und die Versorgung der Patienten.

Neben der Krankenabteilung gab es im Spital aber immer noch Räumlichkeiten für Pfründner. Zur Trennung kam es erst 1931, als die Stadt ein angrenzendes Grundstück erwerben konnte, das zuvor der Mechanischen Werkstätte Kösel gehörte. Das darauf stehende Fabrikgebäude wurde zu einem Altersheim umgebaut, in das die Pfründer umziehen konnten. 1852 stellte das Spital eigene Betten für erkrankte Mitarbeiter der Bahn und 1862 für Patienten aus der Spinn- und Weberei Kempten zur Verfügung. Ein Problem bestand in der Entsorgung der Aborte, deren Inhalt anfangs noch in den Schlangenbach geleitet wurden. Erst mit dem Bau einer Kläranlage im Jahre 1907 ließ sich dieses Problem beheben.

1972 konnte ein neues Bettenhaus mit 165 Betten die Kapazität des Krankenhauses erheblich erweitern. Damit hatte das Kreiskrankenhaus insgesamt 275 Betten. Nach dem Bau des heutigen Klinikums Kempten verlor das zentral gelegene Kreiskrankenhaus zunehmend an Bedeutung und wurde am 23. November 2012 geschlossen.

Hinter dem Kornhaus gab es noch bis in die 1950er Jahre ein von katholischen Schwestern geführtes Kinderkrankenhaus. Es befand sich im Gebäude des ehemaligen Hotels zur Krone.

Ein weiteres Kinderkrankenhaus, das „IRO TBC Kinder-Hospital Kempten (Allgäu)“, existierte zwischen 1945 und 1949 im Lager für „Displaced Persons“ (DP-Lager), das sich in den Räumen des ehemaligen Wehrmachtslazaretts Kempten am Haubensteigweg befand. Chef-

arzt war der Ungar Prof. Dr. Kramár, ein international bekannter Facharzt für Pädiatrie.

Ein wichtiges städtisches Krankenhaus, das heute fast in Vergessenheit geraten ist, stand auf der Breite, an der Stelle, wo sich heute die Polizeiinspektion befindet. Das sog. „Breitekrankenhaus“ wurde von katholischen Schwestern betreut. Dieses Haus entstand schon vor dem Krieg wahrscheinlich im Jahre 1938 als Gendarmeriekaserne. Nach dem Einmarsch der Amerikaner am 27. April 1945 gehörte das Anwesen zu einer Reihe von „Ausländerlagern“ zur Unterbringung ehemaliger Zwangsarbeiter und auch sog. „Displaced Persons“, die nach dem Krieg in die Heimat überführt wurden. Die Klinik musste schon vor 1961 dem späteren Neubau der Polizei weichen.

Bereits 1942 vertrat Oberbürgermeister Dr. Otto Merkt die Auffassung, dass Kempten ein größeres Krankenhaus benötige, wie es in anderen Städten bereits in Betrieb war. Die Kriegsereignisse ließen aber einen Klinikbau nicht zu. Erst 1952 begannen die Planungen zu diesem Projekt. 1958 erfolgte der Spatenstich zum neuen Stadtkrankenhausbau auf dem Kemptener Reichelsberg. Das dazu benötigte Grundstück hatte die Stadt bereits in der Ära Dr. Otto Merkt im Jahre 1936 erworben.

Nach drei Bauabschnitten 1961 und 1964 wurde das neue Stadtkrankenhaus im Jahr 1970 vollendet. Ab 1980 gibt es auch einen Krankentransport mittels Hubschrauber, der auf einem Platz im südlichen Bereich der Klinik bis 2014 seinen Landeplatz mit Hangar hatte. Heute befindet sich der Landeplatz des Hubschraubers, des sogenannten, „Christoph 17“, in Durach.

1997 erfolgte der Ausbau des Stadtkrankenhauses zum Klinikum. Das Haus in der Robert-Weixler- Straße gehört seit dem 1. April 2010 zum Klinikverbund Kempten-Oberallgäu. Träger sind die Stadt Kempten (Allgäu) und der Landkreis Oberallgäu. Die Klinik mit dem Rang eines Krankenhauses der Versorgungsstufe II hat zurzeit als akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Ulm 16 verschiedene Fachabteilungen.

Seit dem 1. Januar 1988 bildete das einstige Stadtkrankenhaus an der Memminger Straße mit dem Klinikum Kempten als Krankenhauszweckverband eine Einheit. Noch im Jahre 1971 erhielt dieses traditionsreiche ehemalige Distriktskrankenhaus einen Erweiterungsbau und der Altbau erfuhr eine deutliche Modernisierung. Ab 2012 erfolgte die Auflösung des Kreiskrankenhauses und es kam zum Umzug und zur Integration in das Klinikum Kempten. Dieses ehemalige „Distriktsspital“ an der Memminger Straße steht heute in Teilen unter Denkmalschutz. Die anderen nicht geschützten Trakte riss man ab, um Platz für den Häuserbau zu schaffen.

Neben dem Klinikum gibt es heute in der Stadt noch weitere Spezialkrankenhäuser und medizinisch-chirurgische Versorgungszentren, die sich der gesundheitlichen Betreuung der Patienten auf den verschiedensten Gebieten annehmen.

Die gesundheitliche Betreuung der in Kempten stationierten Soldaten fiel in den Zuständigkeitsbereich der Militärverwaltung. Für diese Zwecke übernahm sie in der „Hohen Gasse“ ein Gebäude, das als Sitz der stiftkemptischen Landstände im späten 17. Jahrhundert erbaut wurde. Da es den gestiegenen Anforderungen nicht mehr entsprach, kam es später im Haubensteigweg (früher Lazarettstraße) zum Bau eines neuen Militärspitals. Das dreigeschossige Haus diente bis 1898 als „Königliches Garnisonslazarett“. Es versorgte die Soldaten des Kaiserreiches in Friedenszeiten und dann im 1. Weltkrieg.

Die Truppe hatte in Kempten noch Reservelazarette. Das Hauptreservelazarett mit 85 Betten befand sich im Institut der „Englischen Fräulein“ in der Fürstenstraße, das Teillazarett im Distriktsspital in der Memminger Straße verfügte über 60 Betten.

Während des ersten Weltkrieges reichte die Kapazität der Lazarette wegen der vielen Verwundeten nicht mehr aus. Schon am 11.9.1914 musste die Stadt die Illerschule und am 13.10.1914 die Stadtparkschule (Lyzeum) räumen, um sie als Reservelazarette freizugeben. Die Schulgebäude, die man zu Hilfslazaretten umwidmete, fielen ganz oder teilweise für Unterrichtszwecke aus.

Im Dritten Reich übernahm die medizinische Versorgung verwundeter und kranker Soldaten in Teilen das Distriktspital an der Memminger Straße und vor allem das Standortlazarett am Haubensteigweg. Auf der Basis des ehemaligen „Königlichen Garnisonslazaretts“ entstand von 1938 bis 1942 das neue Standortlazarett. Im Laufe der Zeit kamen mehrere Gebäude hinzu, in denen die betroffenen Soldaten betreut wurden.

1957 ging dieses Krankenhaus in das Eigentum der Bundeswehr über. Bis ins Jahr 1980 nutzte die Bundeswehr diese Klinik als Lazarett, bevor es 2007 aus organisatorischen Gründen seine Pforten schließen musste. Ab da war es ein Fachsanitätszentrum, das die Bundeswehr als „Facharztzentrum, d.h. eine Art Poliklinik“, mit sechs verschiedenen fachärztlichen Abteilungen betrieb. Das Einzugsgebiet erfasste sogar noch Standorte, die mehr als 200 Kilometer entfernt waren. Nach dem Abzug der Bundeswehr soll der Gebäudekomplex mit seinen großzügigen Parkanlagen verkauft werden und Wohnungen weichen.

Verwendete Literatur u.a.: Vachenauer Wilhelm „Kempten“ „Eine Zeitreise durch die Geschichte der Stadt“, Kempten 2015 sowie Zunftbuch der Kemptener Schmiede von 1419 bis 1757. Fotokopie des handschriftlichen Originals. Stadtarchiv Kempten.

Dr. Wilhelm Vachenauer

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