Weltflüchtlingstag inspiriert "Gespräche zur Zeit"

Menschen auf der Flucht

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Ein Bild aus dem Film "STOP and GO" mit irakischen und syrischen Flüchtlingen vor der imposanten Kulisse des Nebelhorns.

Kempten – „Weltweit sind etwa 60 Millionen Menschen auf der Flucht – manche sind Flüchtlinge, andere suchen Asyl oder sind durch Konflikte in ihrem eigenen Land vertrieben worden. Doch jeder hat eine eigene Geschichte; Geschichten von Gewalt und Verlust, aber auch von Mut und Hoffnung.“ So steht es aktuell auf der Website des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR). Eine Zahl und Situation, die Kemptens Kulturamtsleiter Martin Fink am Weltflüchtlingstag vergangenen Montag in einer Veranstaltung der neuen Vortragsreihe „Gespräche zur Zeit“ sowohl politisch-philosophisch als auch künstlerisch aufgriff.

Zur Einstimmung gab es den rund zehnminütigen syrischen Kurzfilm „The Crawl“, der um vier syrische Flüchtlinge kreist, die in Schweden angekommen sind. Gedreht hat ihn der noch in Syrien lebende Filmemacher Majd Khalil. Veronika Dünßer-Yagci ist der Beitrag zu verdanken, die mit ihm in Kontakt steht. Von der Oberstdorfer Videokünstlerin selbst war an diesem Abend der 45 minütige Kurzfilm „STOP and GO“ zu sehen. Den Titel verband sie damit, worum es bei Flucht gehe: Gehen, warten müssen, plötzlich wieder gehen müssen.... Die Protagonisten sind syrische und irakische Asylbewerber aus Kempten, gemeinsam in Bewegung – an Orten wie dem AÜW-Kraftwerk an der Keselstraße oder auch auf dem Nebelhorn; die auch inne halten, zum Beispiel im Büro des architekturforums, ein geschützter Raum, wie Dünser-Yagci erklärt. Dazu die meist archaische Filmmusik von Rupert Volz, die die visuellen Sequenzen auf Augenhöhe vervollständigt.

„Er sagte „prison“ (Gefängnis). Sie haben auf ihm Zigaretten ausgedrückt. Er habe Narben am ganzen Körper.“ Auch Dr. Susanne Betz, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Kempten, die viele Gespräche mit Flüchtlingen geführt hat, kommt darin zu Wort. „Ich hoffe, dass ich hier nicht nur wie ein Flüchtling behandelt werde, sondern wie ein Mensch mit Rechten“, sagt eine mit Mann und Kind geflohene Syrerin in die Kamera. Und eine andere: „Ich will meine Träume wiederbekommen.“

„Hat der Einzelne kein Recht, statt in Assads Armee zu gehen, zu studieren?“, fragte Prof. Dr. Hans-Martin Schönherr-Mann, Professor für politische Philosophie am Geschwister-Scholl-Institut der TU München, in seinem Vortrag zu Beginn der Veranstaltung und erklärte, dass man diesen Leuten einen solchen Satz in der Regel nicht zugestehe. In seinen ethischen Überlegungen nahm er nicht nur Bezug auf „STOP and GO“, sondern auch auf große Denker wie den jüdischen Emanuel Lévinas, David Hume oder Arthur Schopenhauer. „Kultur ist ein menschliches Instrument, um zu überleben“, zitierte er einen der Flüchtlinge aus dem Film. Wie gefährdet sie sei und wie leicht sie untergehen könne, das erlebte man in Syrien und einst in Deutschland. So hatte zum Schluss seines Vortrags auch General Harras aus Carl Zuckmayers „Des Teufels General“ das Wort: „Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. – Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt – und – und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, und – ach was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt – wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen. Vom Rhein – das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse. Seien Sie stolz darauf, Hartmann – und hängen Sie die Papiere Ihrer Großmutter in den Abtritt. Prost.“

Unter der Moderation von Fink gaben abschließend Schönherr-Mann, Dünser-Yagci, Betz, Anke Heinroth von der Diakonie Kempten sowie Esmaa als weibliche Vertreterin und Abdullhadi als männlicher Vertreter der Flüchtlinge aus dem Film in einer Podiumsdiskussion weitere, auch sehr persönliche Einblicke und stellten sich den Fragen der rund 150 Interessierten im Schönen Saal der Sing- und Musikschule.

Christine Tröger

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