Gesprächsrunde zum Jubiläum von pro familia Kempten

Sexualität im Spannungsfeld der Kulturen

+
Vorstandsfrau Renate Piekenbrock (li) stellt das Team der pro familie Kempten vor.

Kempten – 25 Jahre für selbstbestimmte Sexualität – 25 Jahre pro familia Kempten e.V.. Zur Feier dieses Jubiläums haben sich Fachleute aus vielen Bereichen der Jugend- und Sozialarbeit eingefunden, wohl auch wegen des Themas „Sexualität im Spannungsfeld der Kulturen“. Die pro familia hatte die Etnologin Dr. Judith Abdel-Massih-Thieman zusammen mit ausgewiesenen Experten und Experinnen zum Podiumsgespräch eingeladen.

Ohne Grußworte keine Feier: OB Thomas Kiechle sprach dem Verein ein herzliches „Vergelts Gott“ aus und bekräftigte seinen Dank umgehend mit der Übergabe einer Geldspende. „Wir alle haben unsere Ideale der Lebensführung, wissen aber auch, dass nicht alles gelingt. Dann ist es gut, kompetent begleitet zu werden, um gereift aus der Krise herauszukommen“, so der OB. Lob und Dank ging aber auch in die andere Richtung: Renate Piekenbrock vom Vorstand hob die stets gute Zusammenarbeit mit der Stadt Kempten und dem Oberallgäu hervor, die nun zum Beispiel die Finanzierung einer halben Stelle für den Bereich Sexuelle Bildung ermöglicht.

Die Bayerische Landesvorsitzende der profa, Annemarie Rufer, erinnerte an die Memminger Prozesse in den Jahren 1988/1989. Sie haben die Republik erschüttert und mit den Anstoß zur Gründung des Ortsvereins Kempten gegeben. Damals waren 279 Frauen angeklagt, weil sie eine Schwangerschaft abgebrochen hatten.

Moderiert von Julia Treml-Thalkofer kamen die Fachleute auf dem Podium reihum jeweils mit ihren Arbeitsschwerpunkten zu Wort. Eva Zattler aus München erinnerte an die Gründung des Vereins im Jahr 1952 auf der Basis der „Charta der sexuellen und reproduktiven Rechte“, die sich an den allgemeinen Menschenrechten orientiert. „Die Menschen sollen selbstbestimmt leben und lieben dürfen, ihre körperliche Unversehrtheit bewahren und ihre sexuelle Identität ausdrücken können“, lautete ihr Fazit.

Dr. Abdel-Massih-Thieman, die unter anderem im Sudan und in Palestina im interkulturellen Bildungsbereich tätig war, konnte aus ihrem reichen Erfahrungsschatz schöpfen. Während wir in Deutschland ein recht klares Bild von Sexualität haben, werde beispielsweise im Sudan nicht darüber gesprochen. Auch die individuelle Selbstbestimmung werde in vielen kollektiven Gesellschaften nicht so hoch bewertet wie in unserer Kultur. Viele der jungen geflüchteten und schutzsuchenden Männer seien nun mit den neuen Freiheiten und ohne ihre soziale Gruppe schlicht überfordert.

Für Menschen mit Behinderung erhob Wolfgang Neumayer von der Lebenshilfe Ostallgäu seine Stimme. Sexualität sei ein Tabuthema, weshalb, wie er aus seiner Praxis weiß, viele schwierige Situationen entstehen. „Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, wenn wir die UN-Behindertenkonvention auch für diese so heterogene Gruppe der Menschen mit Behinderung umsetzen wollen“, stellte Neumayer nüchtern fest. Der Aufbau eines wirksamen Hilfesystems sei unglaublich kompliziert, scheitere oft am Bürokratismus, und bei der Frage der Finanzierung stoße man an die Grenzen des Sozialstaats.

Der Sexualtherapeut Robert Bolz thematisierte den Aspekt der Sexualität im Alter. Der Film „Wolke 9“ habe viel dazu beigetragen, dass auch alternden Menschen Sexualität als Quelle der Lebensfreude zugestanden wird. Andererseits, so Bolz, müssen wir alternde Paare auch vor Leistungsdruck schützen, denn auch Zärtlichkeit sei wunderschön und in jedem Alter möglich. Die in den Medien dargestellten „Hochglanzpaare“ seien jedenfalls fragwürdige Vorbilder. Der „Generation Smartphone“ dagegen, die immer und überall erreichbar sein will, fehle es zunehmend an ungestörter Zeit für das sexuelle und erotische Spiel.

Ina-Maria Philipps vom Institut für Sexualpädagogik Dortmund sieht ihren Auftrag darin, Verständnis für die normale kindliche Sexualität zu schaffen. „Der Missbrauchsdiskurs, so notwendig er war und ist, hat die Ängste verstärkt. Überall werden Gefahren gewittert, wo doch auch die kindliche Neugier Raum haben muss“, gab die Fachfrau zu bedenken.

Die beiden Frauen vom Improtheater „Die Wendejacken“ hatten für einen äußerst vergnüglichen Auftakt der Jubelfeier gesorgt. Sie schafften es, aus den zugerufenen neutralen Stichworten wie „Es war ein schöner Herbst“ die Kurve zu profa-spezifischen Themen wie Schwulsein, Schwangerschaft und schwieriger Partnersuche zu kriegen.

Elisabeth Brock

Meistgelesene Artikel

Nach Herzenslust einkaufen

Kempten – Mit der „Langen Einkaufsnacht“ läutet das City-Management Kempten traditionell die romantische Vorweihnachtszeit ein. Jedes Jahr strömen am …
Nach Herzenslust einkaufen

Vergangene und künftige Entwicklungen als Thema

Dietmannsried/Probstried – Ende November finden traditionell in allen fünf Teilgemeinden der Marktgemeinde Dietmannsried (Dietmannsried, Probstried, …
Vergangene und künftige Entwicklungen als Thema

Rauschgiftverfahren: große Durchsuchungsaktion

Kempten - Im Zuge eines seit Monaten andauernden Rauschgiftermittlungsverfahrens wurden am gestrigen Mittwoch zeitgleich mehrere Wohnungen in …
Rauschgiftverfahren: große Durchsuchungsaktion

Kommentare