Gesucht und gefunden

Bürgermeister Josef Mayr (CSU, links) gratulierte Lydia und Gerhard Hauptmann zu ihrer Diamantenen Hochzeit. Foto: Läufle

Beim Tanzen hat es zwischen Lydia und Gerhard Hauptmann „geschnackelt“. Vergangenen Donnerstag konnten die Eheleute ihre Diamantene Hochzeit feiern. Gut gelaunt und für ihr Alter in einem bemerkenswerten Zustand empfingen sie Bürgermeister Josef Mayr (CSU) zu ihrem Jubiläum. Anlässlich der Trauung vor 60 Jahren überreichte Mayr den Jubilaren Blumen und einen Geschenkkorb mit Köstlichkeiten und zeigte sich erstaunt, „wie fit die beiden noch sind“. Gemeinsam ließen sie dann die vergangene Zeit Revue passieren.

Kennengelernt haben sich Lydia, geboren am 17. September 1923 in Sternberg/Sudetenland, und Gerhard Hauptmann, geboren am 16. Oktober 1919 in Königsberg/Ostpreußen, bei der Arbeit. Beide waren im gleichen metallverarbeitenden Betrieb in Memmingen tätig. Zuvor hatten beide jedoch Einschnitte in ihrem jungen Leben, die „man nicht so einfach verkraftet“, wie Mayr betonte. Gerhard Hauptmann machte mit 18 Jahren sein Abitur, kam dann zum Arbeitsdienst, zum Wehrdienst und dann in Gefangenschaft, aus der er im Jahre 1947 wieder freikam. Während seines Dienstes wurde er für ein Jahr für einen Studienbeginn beurlaubt. „Als er mit 28 Jahren aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, wollte er sein begonnenes Studium fortsetzen, konnte aber, auch weil er Flüchtling war, keinen Studienplatz finden“, erläuterte Mayr in seiner Rede. Er beschloss einen Metallberuf zu erlernen, kam als „Altlehrling“ zu einer Memminger Firma in den Werkzeugmaschinenbau und arbeitete sich hoch bis zum Gebiets- verkaufsleiter für Werkzeug- maschinen. Seine Frau flüchtete zwei Jahre vor Kriegsende nach Prag. Dort kam sie in ein Lager und konnte vier Wochen später – barfuß – heimgehen. „Das war eine schlimme Zeit“, meinte Lydia Hauptmann. „Wenn man sieht für was für Probleme heutzutage Menschen psychische Hilfe annehmen, kann man erahnen, was die Menschen damals durchmachen mussten und welcher Belastung sie ausgesetzt waren“, betonte Mayr. Die gelernte Buchhändlerin konnte in ihrem heißgeliebten Beruf nach dem Krieg keine Stelle finden und war in der Stadtverwaltung Memmingen in der „Kennkartenstelle“ beschäftigt. Später fand sie im gleichen Betrieb, in dem ihr zukünftiger Mann tätig war, eine Arbeit im Büro. Die beiden lernten sich kennen, gingen miteinander zum Tanzen und dann hat es „geschnackelt“. „Nach einem verlobten sie sich und ein weiteres Jahr später haben sie geheiratet“, schilderte der Bürgermeister. Heirat im Rittersaal Als sie nach Memmingen gekommen war, ist Lydia Hauptmann als Flüchtling ins Schloss Trunkelsberg eingewiesen worden, so Mayr, Gerhard Hauptmann habe sie dort dann mit dem Fahrrad besucht. Die Hochzeit fand auf Schloss Trunkelsberg im Rittersaal statt. Ihre Wohnung wurde der Rittersaal, getrennt mit einer Holzwand für Schlafzimmer, Wohnzimmer und Küche. Das Ehepaar Hauptmann empfand die Zeit damals als sehr angenehm. Im Jahre 1961 kamen die Eheleute aufgrund des Jobs von Gerhard Hauptmann nach Kempten und bauten zwei Jahre später ihr Haus, indem sie noch heute leben. Zwei Töchter gingen aus der Ehe hervor. Viel Wert legten und legen die beiden auf Hobbys. Als „universeller Handwerker“ habe Gerhard Hauptmann seinen Garten noch heute „wunderbar im Griff“, so Mayr. In jüngeren Jahren war das Ehepaar viel unterwegs. Sie reisten viel in der Welt umher, zelteten, machten Kreuzfahrten und Badeurlaube. Zwischendurch war Gerhard Hauptmann auch allein mit Fracht- und Postschiffen unterwegs. Ihn habe das Fernweh geplagt, seine Frau blieb auch gerne zuhause. „Wenn ich meinen Mann nicht gehabt hätte, wäre ich nicht weiter als nach Betzigau gekommen“, zitierte Mayr Lydia Hauptmann. Viel Spaß hatten die Hauptmanns auch am Skifahren und fuhren bei jedem Wetter, erzählte die Tochter. Als gelernte Buchhändlerin liebt Lydia Hauptmann Bücher über alles. Noch heute trifft sie sich außerdem einmal wöchentlich mit Freundinnen zum Kaffeetrinken – ihr Mann übernimmt dann den Fahrdienst. Die Jubilare bedankten sich anschließend für den Besuch Mayrs sowie für die Blumen und den Korb mit Köstlichkeiten. „Vielen Dank für ihre wundervolle Rede“, meinte Lydia Hauptmann, „die wollte ich heute nicht gemisst haben.“

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