"Gesunder Verstand ist gefragt"

Jeder zweite Deutsche wäre laut einer Studie bereit, anderen in Notsituationen zu helfen. Doch im Ernstfall setzen nur 15 Prozent der Bürger diesen guten Grundsatz tatsächlich um. Darauf wies Michael Keck, Leiter der Polizeiinspektion Kempten, am Montagabend im Pfarrheim St. Lorenz hin. Er und seine Kemptener Polizeikollegen Klaus Schorm und Albert Müller informierten in dem fast voll besetzten Saal über das Thema Zivilcourage.

Für diese Diskrepanz zwischen dem Willen zu helfen und der Situation in der Realität nannte Keck mögliche Gründe. „Manche erkennen die Notsituation nicht oder verdrängen das Ganze.“ Andere wiederum glauben, ihnen fehle die Kompetenz zum Helfen. Überhaupt spiele die Persönlichkeit des potentiellen Hilfeleistenden eine entscheidende Rolle. Viele sind laut Keck im Ernstfall ängstlich oder verunsichert. Bedauerlicherweise sei auch die Kosten-Nutzen-Abwägung bei manchen Bürgern die Ursache für die mangelnde Hilfsbereitschaft. „Diese Leute machen sich Gedanken um ihre Kleidung, die dabei beschädigt werden könnte. Andere befürchten, dass ihre eigene Freizeit in Gefahr ist, wenn sie die Polizei rufen“, sagte Keck. Zur Hilfe verpflichtet Doch solch egoistisches Verhalten hat für den Betreffenden oft Konsequenzen. „Laut Paragraf 323 c des Strafgesetzbuches ist man zur Hilfeleistung verpflichtet.“ Auf der anderen Seite schütze das Gesetz Bürger, die Zivilcourage zeigen. Durch den so genannten Notwehr-Paragrafen sei es beispielsweise nicht rechtswidrig, wenn der Helfer sich oder andere gegen einen Angreifer verteidigt und diesen dabei verletzt. „Laut Strafprozessordnung ist es jedem Bürger sogar erlaubt, einen möglichen Täter festzuhalten, solange dessen Identität ungeklärt ist“, berichtete Keck. Er riet jedoch dringlich davon ab, bei der Hilfe für Andere sich selbst in Gefahr zu bringen. Dieser Meinung war auch Klaus Schorm, Leiter der Verkehrspolizei: „Nicht Heldentum, sondern vielmehr gesunder Menschenverstand und eine gute Beobachtungsgabe sind gefragt.“ Zivilcourage sei mehr als die Pflicht zur Hilfeleistung. „Sie ist praktizierter Mut und hat nichts mit Dummheit zu tun“, verdeutlichte Schorm. Schon bei „verbalen Entgleisungen“ sei Zivilcourage gefragt. „Zum Bespiel wenn man am Stammtisch ausländer- oder frauenfeindliche Parolen hört.“ Albert Müller, Leiter der Kripo Kempten, gab Verhaltenshinweise für Opfer. „Täter suchen sich ihre Opfer oft blitzschnell nach der Erfolgsaussicht aus.“ Selbstsicheres Auftreten, Blickkontakt und eine feste und klare Sprache würden die meisten Täter jedoch abschrecken. „Duzen sollte man einen Täter aber keinesfalls“, sagte Müller. Den interessierten Zuhörern riet er Folgendes: „Tun Sie in einer Notlage jederzeit das, was der Täter nicht erwartet.“

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