Gipfelstürmer im Kornhaus unter sich

Nach dem Eröffnungswochenende des Jazz-Frühlings konnten die Jazzfans im Kornhaus eine Steigerung an musikalischer Professionalität, Qualität und Perfektion erleben. Die Swing-Gala stand diesmal ganz im Zeichen von Zigeunermusik, die nach dem schon beeindruckenden „Romeo Franz Ensemble“ mit dem „Joscho Stephan Quartett & Helmut Eisel“ den Gipfel an virtuosem Tempo erfuhr.

Einen wunderschönen, in jeder Hinsicht poetischen Literatur-Musik-Abend bescherten Friedrich von Thun und das „Max Neissendorfer Trio“ ihrem hingebungsvoll lauschenden Publikum. Stimmungsvolle Bilder von Wasser und Schiffen im Hintergrund, dazu die angenehme Stimme von Thuns, die den „Ozeanpianisten“ so fassbar lebendig machte und emotional unterstreichende Jazzklassiker wie „Summertime“ oder „In a sentimental mood“ gaben dem Abend eine fesselnde Tiefe. Dass der sympathische Schauspieler, der gegen Ende auch selbst zum Saxophon griff, nicht ohne Zugabe davonkam, versteht sich fast von selbst. Das Doppelkonzert am Mittwochabend dürfte den Organisatoren vom Klecks wohl kurzfristig die ein oder andere Sorgenfalte ins Gesicht modelliert haben. Zum einen spalteten die recht modernen Klänge der beiden Pianisten Joachim Kühn und Michael Wollny die eher spärlich besetzten Zuschauerreihen: Gewöhnungsbedürftig fanden es die einen, die anderen entpuppten sich als Fans. Am Ende jedenfalls hatten beide Pianisten ihre Flügel so heftig bearbeitet, dass vor dem Auftritt des folgenden „Marc Copland Trios“ rasch ein Stimmer aufgetrieben werden musste. Auch wenn die Pause dadurch etwas länger geriet als geplant, konnte die „Baustelle“ bald wieder frei gegeben werden und das Copland Trio mit kammermusikalisch angehauchtem Jazz fortfahren. Als Wolf im Schafspelz – im besten Sinne – entpuppte sich das „James Carter Quintet“. Gediegen im Streifenanzug mit Gehrock betrat die beeindruckende Erscheinung Carter, seine diversen Blasinstrumente im Arm, die Bühne. Und auch seine Mitstreiter ließen optisch auf einen eher entspannenden Abend, der ja auch unverfänglich mit „Mainstream“ überschrieben war, schließen. Doch schon die ersten Takte – nein, die ersten Töne – fuhren in den Körper wie eine intravenös verabreichte Ladung Adrenalin. Da stand zweifelsfrei ein Meister der Querflöte, Saxophon- und Klarinettenfamilie auf der Bühne, der klar machte, was afroamerikanischer Jazz ist und mit seinen Instrumenten in Monologen, Dialogen und „Volksreden“ alles abverlangte. Dabei standen ihm Corey Wilkes (Trompete), Gerard Gibbs (Piano) Leonard King (Schlagzeug) und Ralphe Armstrong (Kontrabass) in nichts nach. Jeder einzelne ein musikalisches Genie für sich, zeigten sie ebenso hervorragende Teamqualitäten. Selbst bei den Übergängen zwischen den Soli wurde nicht einfach abgelöst. Es wurde spielerisch-witzig übergeben wie bei einem Staffellauf. Angesichts der nur etwa zur Hälfte gefüllten Zuschauerreihen hätte man sich wahrlich mehr „Gourmets“ für dieses musikalische Sahneschnittchen gewünscht. Für die meisterhafte Verwebung der Kulturen, in der die Jazztauglichkeit der asiatischen Musikkultur zweifelsfrei bewiesen wurde und sich Grenzen in Luft auflösten, ernteten „Nguyen Lê & Saiyuki“ stehende Ovationen. Die optisch wie auch instrumental sehr unterschiedlichen Musiker – Lê in westlich stylischem Outfit an der E-Gitarre, an den Tablas Prabhu Edourad in traditionellem indischen Gewand und im Kimono Mieko Miyazaki an der Koto – versponnen die Gegensätze ihrer kulturellen Wurzeln Vietnam, Indien und Japan zu einer faszinierenden Einheit. Mitunter steuerte Miyazaki japanischen Gesang bei, markerschütternde Schreie inklusive. Drei herausragende Musiker, die mit ihrem Können ein musikalisches wie auch kulturübergreifendes Zeichen setzten. Mit „Oriental Groove“ wurden sie von dem in Bombay geborenen Perkussionisten Trilok Gurtu und seiner Band abgelöst. Im direkten Vergleich wurden die unterschiedlichen „Hierarchien“ der beiden Bands augenfällig. Waren die drei „Weltmusiker“ im Spiel völlig gleichberechtigt, richtete sich im zweiten Teil alles nach und auf den gefeierten Schlagwerker, der zwar ein brillante Leistung ablieferte, aber trotzdem nicht an die Tiefe und Einzigartigkeit der asiatischen Formation herankam. Einen weiteren Höhepunkt setzten erwartungsgemäß John McLaughlin and „The 4th Dimension“, die im ausverkauften Kornhaus für Begeisterung sorgten. Hier fand sich eindeutig die bunteste Mischung an Menschen in den Zuschauerreihen. Dass der Alt-Meister der Gitarre über die Jahre an Fingerfertigkeit, seinem markanten, ätherischen Stil und Freude am Instrument nichts eingebüßt hat, stellte er unüberhörbar unter Beweis. Starke Pointen im Konzert setzten neben dem exzellenten Bassisten – der mit Handschuhen spielte – auch die beiden Schlagzeuger, die sich gelegentlich regelrechte Duelle lieferten.

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