Grillen ist ein Urinstinkt und verbindet

Sommerzeit ist Grillzeit

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Grillust ist in Deutschland gleich Fleischeslust, wie eine Statistik zeigt. Neben Fleisch sind Würstchen sehr gefragt.

Nach der Schafskälte wird es nun hoffentlich endlich Sommer – und damit höchste Zeit für glühende Kohlen, duftendes Grillfleisch und ein kühles Bier.

Für die Hälfte aller Deutschen gehört Grillen zu einem richtigen Sommer einfach dazu, am liebsten mit Familie und Freunden im eigenen Garten. 

Grillen – ein Urinstinkt 

Wahrscheinlich ist das Grillen die älteste Zubereitungsart von Speisen, die es gibt. Ob die Urmenschen versehentlich das erste Stück Fleisch ins Feuer fallen ließen und über Duft und Geschmack in Freudentaumel gerieten, kann nur spekuliert werden. Die Bezeichnung „Barbecue“ stammt jedenfalls angeblich von einem haitianischen Indianerstamm und bezeichnete am Spieß gegrilltes Fleisch. Auch die argentinischen Gauchos, heute Meister des Grillens, wussten schon früh den Grill-Geschmack zu schätzen. Beim traditionellen „Asdado“ kommen Familie und Freunde auch heute noch am Wochenende zusammen. Große Fleischstücke werden auf Spieße gesteckt und ganz langsam in der Glut gegart. Auch in Europa wurde früh fleißig gegrillt. Funde aus der Römerzeit belegen schon im 4. Jahrhundert die Existenz von Grillrosten. Um 50 n. Chr. wird auch das erste Bratwurstrezept erwähnt. Der römische Dichter Petronius berichtet von „Bratwürsten, die auf silbernen Bratwurstrosten rauchten”. Die Nürnberger Rostbratwürste finden übrigens erst im Jahr 1404 die erste urkundliche Erwähnung.

Grillen verbindet 

Wohin man auf der Welt auch blickt, Grillen bringt die Menschen in gemütlicher Runde zusammen. So ist es in den USA beispielsweise Tradition, am Unabhängigkeitstag zu grillen. Auch in Südafrika gehört das „Braai“ quasi zum Lebensgefühl dazu. Das Wort bedeutet in Afrikaans „braten“. Hier kommen auch Gnu oder Strauß gerne mal auf den Grill. Es gibt sogar einen speziellen Feiertag, an dem überall im Land fröhlich gegrillt wird, den „national braai day“ am 24. September. „Downunder“ wird ebenfalls leidenschaftlich gerne gegrillt. Besonders praktisch sind die vielen, in Stein eingelassenen Elektrogrills, auf die man überall an der Küste trifft – oft an atemberaubend schönen Plätzen. Ideal für ein spontanes, typisch australisches „Barbie“. Wir Deutschen grillen am liebsten an Geburtstagen mit Freunden und Familie, am Vatertag, zur Fußball-WM und natürlich bei schönem Wetter. 

Die Wahl der Waffen 

Bei der Wahl der Waffen ist der Holzkohlegrill am beliebtesten, noch vor Gas- und Elektrogrill. Die günstigsten, tragbaren Modelle gibt es bereits ab 20 Euro. Fans schwören auf deren besonderen „Holzkohlegeschmack“ und das unvergleichliche Grillgefühl auf offenem Feuer. Last Minute oder Festival-Griller entscheiden sich gerne für den Einweggrill, der schon für wenige Euro zu haben ist, allerdings nur mühsam einen ganzen Grillabend übersteht. 

Der Gasgrill ist weniger archaisch, sorgt für schnelle und beständige Hitze und kommt ohne Qualm und Kohle aus. Sein Nachteil liegt auf der Hand: mit Gasflasche lässt er sich eher schlecht trans- portieren. Echte Profi-Griller verwenden eine ganze Grillstation, die dann schon mal über 1000 Euro kosten kann. Für den In- und Outdoor- Gebrauch gleichermaßen geeignet ist der Elektrogrill, den es schon ab rund 30 Euro zu kaufen gibt. Er begibt sich ebenfalls nicht gern auf Wanderschaft. Stromkabel und -quelle begrenzen seinen Einsatzort auf Haus und Garten. 

Grillen – was ist erlaubt? 

Die Nachbarn freuen sich am meisten über den Einsatz eines Elektro- oder Gasgrills. Denn wer mit Holzkohle grillt, läuft Gefahr, den nachbarschaftlichen Frieden empfindlich zu stören. Zunächst mal raucht es oft ordentlich beim Anzünden. Und Rauchschwaden, die durch geöffnete Fenster ziehen, fallen in Deutschland unter das „Immissionsschutzgesetz“. Das kann ein Bußgeld und das Ende der Grillwurst auf der Gartenparty bedeuten. Hier ist der Gas- oder Elektrogrill also die bessere Alternative - oder genügend Abstand zum Nachbarfenster. 

Grillen ist "sozial üblich" 

Grillen ist in Deutschland eine beliebte Sommerbeschäftigung und wird somit vom Gesetzgeber als „sozial üblich“ betrachtet. Deshalb darf – insofern es nicht ausdrücklich im Mietvertrag untersagt ist – auf Balkonen, Terrassen und in Gärten gegrillt werden. Natürlich immer nur, solange sich kein anderer dabei gestört fühlt. Das schließt auch die Einhaltung der Nachtruhe ab 22 Uhr mit ein. Bei gedämpftem Stimmengewirr aus dem Garten sind Nachbarn normalerweise kulant, wer jede Woche eine wilde Party feiert, darf sich nicht wundern, wenn der Hausfrieden danach gestört ist. Für die erlaubte Häufigkeit lässt sich keine allgemeingültige Rechtsprechung in Deutschland finden. Je nach Bundesland und Wohnsituation gibt es dazu mehr oder weniger sinnige Urteile zuhauf. Sie reichen von vier Mal im Jahr bis zu 25 Mal im Jahr. Grundsätzlich raten Experten: Wer nicht jedes Wochenende lautstark grillt, sondern eher einmal im Monat, und die Nachbarn rechtzeitig vorwarnt, muss vermutlich nicht um sein saftiges Steak fürchten. 

Vorsicht heiß! 

Ob nun Zuhause oder auf öffentlichen Plätzen gegrillt wird, überall greift der normale Versicherungsschutz. Verletzt sich jemand oder wird Eigentum beschädigt, bezahlt dies also die private Haftpflichtversicherung. Dies gilt allerdings nicht, wenn grob fahrlässig gehandelt wird. Zum Beispiel, wenn Brandbeschleuniger wie Benzin oder Spiritus verwendet werden. Jährlich ereignen sich tausende Grillunfälle durch leichtsinnigen Einsatz von Spiritus und Co. Wird er ins Feuer gegossen, können Explosionen entstehen, die schwere Verbrennungen zur Folge haben. Ein Eimer Wasser und eine Decke in Griffnähe ist in freier Natur immer eine gute Idee. Kommt es doch einmal zu Brandverletzungen, ist schnelle Hilfe entscheidend. Als Faustregel gilt laut dem Bayerischen Roten Kreuz, Verbrennungen sollten maximal zehn Minuten mit lauwarmem Wasser gekühlt werden, sonst droht Unterkühlung. Eingebrannte Kleidungsstücke niemals entfernen und keine Hausmittel auftragen. Die verletzte Stelle möglichst steril und locker abdecken. Brandwunden im Gesicht mit einem feuchten Tuch kühlen. Ganz wichtig – denn Verbrennungen gehören zu den schmerzhaftesten Verletzungen – ist die psychische Betreuung. Auch übermäßiger Alkoholkonsum kann den Versicherungsschutz beeinträchtigen. Grundsätzlich gilt außerdem: Wird an nicht zugelassenen Orten gegrillt, droht ein Bußgeld. Dafür kommt dann auch die private Haftpflichtversicherung nicht auf. 

Versicherungs-Experten wie die DVAG (deutsche Vermögensberatung) geben folgende Tipps für das Grillen an öffentlichen Plätzen: 

• Informieren Sie sich vorab über zugelassene Grillplätze 

• Sorgen Sie für einen sicheren Stand Ihres Grill 

• Stellen Sie Ihren Grill nicht zu dicht an Wäldern oder Sträuchern auf 

• Suchen Sie eine windgeschützte Stelle für Ihren Grill 

• Verzichten Sie auf Brandbeschleuniger wie Spiritus oder Benzin 

• Lassen Sie nach dem Grillen Kohle und Grill abkühlen 

• Nehmen Sie nach dem Grillen sämtliche Abfälle mit – auch die abgekühlte Kohle. 

Raus in die Natur 

Rücksicht und Vorsicht ist auch auf öffentlichen Grünflächen, in Naturschutzgebieten und Landschaftsschutzgebieten geboten – etwa am großen und kleinen Alpsee oder am Rottachsee. Hier darf ausschließlich auf ausgewiesenen Grillplätzen gegrillt werden. Offenes Lagerfeuer ist hier nicht erlaubt, gegrillt werden darf mit eigenem Gas- oder Holzkohle-Grill. Dass danach Müll und Asche wieder mitgenommen werden sollten, versteht sich eigentlich von selbst. Öffentliche Grill-Plätze kann man bei den Stadt- und Gemeindeverwaltung erfragen. Solche Plätze sind in Kempten an den Illerwiesen am Illerstadion sowie am Pavillon im Engelhaldepark zu finden. Auf den Illerwiesen trifft sich bei schönem Wetter halb Kempten zum Angrillen. Was an der Location besonders geschätzt wird? Das fragen wir die Geburtstagsrunde von Elisa Blank. „Die Nähe zur Stadt mit der Möglichkeit, danach noch weg zugehen.“ Die entspannte Atmosphäre“ und dass sich „immer ein Plätzchen finden lässt“, ist sich die Runde schnell einig. Und für die Männer? „Bier kühlen in der Iller“ rufen sie lachend. Was fehlt? „Öffentliche Toiletten“ tönt es von einem der Mädels. Das Problem erübrigt sich bei geöffnetem Illerstadion, sonst ist „Wildpinkeln“ oder radeln zum nächsten Toilette angesagt. 

Iller erleben 

Ein guter Grund, einmal bei der Stadtverwaltung nachzufragen, ob dem nicht abgeholfen werden kann. Julia Reichart, zuständige Projektleiterin vom Tiefbauamt erklärt, dass in der weiteren Entwicklung von „Iller erleben“ auch öffentliche Toiletten angedacht sind. Das Projekt hat zum Ziel, das Iller-Ufer für die Kemptener besser zugänglich zu machen und befasst sich mit einer attrak- tiveren, erlebbaren Gestaltung für die Kemptener Bürger. So entstanden zuletzt im Altstadtpark ein neuer Spielplatz und Sitzstufen direkt am Wasser. Ähnliche Maßnahmen sind auch für die Illerwiesen geplant. Hier sollen verschiedene naturnahe Sitzmöglichkeiten direkt am Ufer und unterteilte Bereiche für Spiel und Sport entstehen. Die beliebte Grillwiese soll es weiterhin geben. Bis zur Umsetzung des Projekts kann es noch ein bis zwei Jahre dauern, da zunächst die Pläne von der Stadt verabschiedet werden müssen. Bis dahin müssen sich die Iller-Griller also noch gedulden. Oder in die Büsche schlagen. 

Angrillen – Die chilenische Methode 

Holzkohle-Griller kennen das Problem: es vergeht ordentlich Zeit, bis die Kohle endlich ordentlich durchgeglüht ist. Und der Hunger wächst. Schnelle Abhilfe schafft ein Anzündkamin. Er ist schon ab zehn Euro im Baumarkt erhältlich. Oder man versucht es einmal mit der chilenische Methode, gefunden in „Ein Mann, ein Buch“ (Süddeutsche Zeitung Edition). Dazu benötigt man lediglich Zeitungspapier und eine Flasche. Und so geht' s: Die Zeitung in sich fest zusammen drehen. Die Flasche bis obenhin Lage um Lage umwickeln. Eine Kohlepyramide drum herum bauen, dann die Flasche vorsichtig heraus ziehen und anzünden. Die Kohlen glühen schnell und gleichmäßig durch. Grillust = Fleischeslust Was eigentlich zu erwarten war, bestätigt auch das Statistikportal Statista.de. Über 70 Prozent der Deutsch grillen am liebsten Fleisch und Würstchen. Für das weit abgeschlagene vegetarische Grillgut sollten Aluschalen verwendet werden, dünn mit Öl eingepinselt. Direkt auf dem Rost verkohlt die Leckerei. Ganz wichtig ist laut der „German Barbecue Association“, die sich der „freizeitlichen Grillkultur“ mit Herz und Flamme verschrieben hat, die Kohle ordentlich durchzuglühen und nicht auf offener Flammen zu grillen. Denn dabei verbrennt das Fleisch und wird zäh. Eine Grillzange ist außerdem die bessere Wahl zum Fleisch wenden als eine Gabel. Sonst tritt Fleischsaft aus und es wird zu trocken. Wer noch mehr Kniffs von Profis wissen will, bucht am besten ein Grillseminar, wie es zum Beispiel in Bolsterlang oder Immenstadt angeboten wird. Dort lernt man dann auch, was indirektes Grillen bedeutet und wie man einen Smoker bedient. Sicher überliefert ist, dass beim Grillen bis heute eine traditionelle Rollenverteilung herrscht – zu 66 Prozent stehen die Männer hinter dem Grill. Denn Sie folgen dabei mit äußerstem Vergnügen Ihren archaischen Urinstinkten, meinen Soziologen.  Steffi Koller

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