OB-Kandidaten diskutieren über städtebauliche Entwicklung

Nicht immer einer Meinung

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Stadtentwicklung und Kultur stehen auf der Agenda der Podiumsdiskussion: Thomas Kiechle (CSU; v.l.), Martin Bernhard (SPD), Thomas Hartmann (Grüne), Moderatorin Bettina Ahne, Helmut Hitscherich (UB) und Ullrich Kremser (FDP).

Kempten – Ein brechend voller Saal im Haus der Senioren signalisierte das große Interesse der Kemptener daran, wie ein künftiger OB Stadt- und Kulturpolitik anpacken würde.

In einer von Bettina Ahne, Bayerischer Rundfunk, moderierten Podiumsdiskussion stellten sich die Kandidaten den vorformulierten Fragen der Veranstalter architekturforum allgäu, Bund Deutscher Architekten, Alt- sowie Stiftsstadtfreunde, Heimatverein Kempten, Kleinkunstverein Klecks und Treffpunkt Architektur Schwaben, bevor auch das Publikum zum Zuge kam.

Von den sechs OB-Kandidaten waren Thomas Kiechle (CSU), Martin Bernhard (SPD), Thomas Hartmann (Die Grünen) und Ullrich Kremser (FDP) persönlich anwesend. Michael Hofer (ödp) wurde durch Helmut Hitscherich (UB) vertreten, der betonte, nur als Sprachrohr Hofers zu antworten. Unbesetzt blieb wegen eines Auslandsaufenthalts der Platz von Michael Ulmer (REP).

Konsens herrschte darüber, dass bei allen, auch noch so wünschenswerten oder notwendigen Maßnahmen, die Finanzen bestimmend für Tempo und Umfang der Umsetzung seien – unter anderem Bremse bei der von allen angestrebten Museums- oder Burghalde-Entwicklung. Auch wünschten sich alle Podiumsteilnehmer generell eine stärkere Bürgerbeteiligung und sprachen sich zudem für einen Gestaltungsbeirat aus unabhängigen Experten für Bauvorhaben aus. 

Allerdings, so Kiechles Wunsch, müsse die Mitgliederzahl „klein“ bleiben und mit Fachleuten inklusive Landschaftsgärtner besetzt sein, die keinen Eigenvorteil daraus haben dürften. Ähnlich wie auch Kremser, ging Hartmann sogar noch weiter, indem er einen Gestaltungsbeirat nicht nur für den architektonischen, sondern für mehrere Bereiche befürwortete. Hitscherich verdeutlichte die Notwendigkeit unter anderem am Beispiel der mit „Haus – Garage, Haus – Garage“ völlig „profanen Bebauung“ des ehemaligen Klosters Lenzfried, weshalb ödp/UB bereits einen Antrag für einen Gestaltungsbeirat gestellt hätten. Nicht ganz so einig zeigte sich die Runde zur städtebaulichen Entwicklung, Schaffung von Wohnraum oder dazu, wie viel Macht Investoren eingeräumt werden muss. Da „Nachverdichtung ihre Grenzen hat“, war für Kiechle eine sinnvolle Neuversiegelung kein Tabuthema. 

Der Bedarf an Luxus- wie auch bezahlbarem Wohnraum stand für ihn außer Frage – eine öffentliche Thematik, die seines Erachtens „mit den Menschen besser diskutiert werden muss als bisher“. Bernhard räumte dagegen der Nachverdichtung Priorität ein. Es müsse aber auch an den Stellplatzschlüsseln gearbeitet werden, da „die Ablösen bislang zu günstig angeboten wurden“. Als Vision war für ihn „denkbar“, dass Senioren ihre großen Wohnungen für junge Familien frei machen und in barrierefreie Wohnungen in Mehrgenerationenhäuser ziehen könnten. Generell müsse seines Erachtens „gebaut werden, was der Bürger will“, die Wünsche eines Investors dürften erst an zweiter Stelle stehen. 

Bei „18 Hektar, die in Bayern täglich versiegelt werden“, war dies für Hartmann eine „endliche Entwicklung“, die „keine Alternative zu Nachverdichtung“ sei. Ergebnisoffene Bürgerbeteiligungen waren für ihn selbstredend. Hitscherich blickte voraus auf die zu erwartenden Leerstände, die sich mit Nachrücken zunehmend geburtenschwächerer Generationen ergeben würden. Nur ein Grund, weshalb „nicht jede Lücke zugebaut werden muss“. 

Er kritisierte, dass die „historische Eigenart“ in Kemptens Vergangenheit städtebaulich nicht genug geschützt worden sei und Grünflächen „eine deutlich schlechtere Qualität“ aufweisen würden als Bebauung. Die Stadtentwicklung dürfe man „nicht nur Investoren überlassen“, warnte er. Zum Beispiel seien durch Genehmigung zahlreicher Änderungen den Investoren beim Brauhausgelände „praktisch alle Wünsche erfüllt worden“. Kremser dagegen setzte auf das Zusammenspiel von Investoren, Stadtrat und Bauamt, da „wir immer Investoren brauchen“, wie beim Brauhaus. Er verteidigte den umstrittenen Abriss des Sudhauses, an dem „nichts historisches“ sondern nur Lüftlmalerei gewesen sei. Um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, könne man „nicht alles nur in Lücken quetschen“, wehrte er sich nicht gegen künftige Neuversiegelungen. 

Dass die Förderung von Kultur und Ehrenamt nicht als abgetrenntes Thema gesehen werden kann, verdeutlichte Hartmann: Es müsse an der Wirtschaft gearbeitet werden, „so dass auch wieder mehr Geld für Kultur zur Verfügung steht“. Einen Wink, dass es bei dem Wunsch nach mehr Wertschätzung von Ehrenamtlichen nicht um materielle Dinge gehe, erhielt die Podiumsrunde von der Moderatorin: „Es geht wohl eher darum, dass man ihnen keine Steine in den Weg legt und mal ein Auge zudrückt“. 

Harsche Kritik hagelte es aus dem Publikum von Klaus Schneider, der anprangerte, dass „in den letzten 20 Jahren städtebaulich viel falsch gelaufen“ sei; angefangen beim „Serieninvestor“ von Ärztehäusern, die er „bestenfalls als Nullnummer“ bezeichnete, die Serienarchitektur auf der Jakobwiese oder, mit Ausnahmen, die Bauten der Sozialbau. „Mein Wunsch wäre, dass die Stadt zumindest wo es möglich ist, Einfluss nimmt“, nannte er als positives Beispiel eine deutlich höhere Qualität in Memmingen.

Christine Tröger

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