Was Plastik mit Migration zu tun hat und warum Müllstrudel uns gar nicht gut schmecken

Das kommt mir nicht in die Tüte! - Teil 2

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Plastik umgibt uns auch im Alltag in unzähligen Bereichen. Vieles davon landet am Ende im Sammelsack für Kunststoffmüll auf dem Wertstoffhof.

Nahrungsmittel gelten bei uns nur als „sicher“, wenn sie bestimmte Richtlinien erfüllen. Diese Anforderungen sind in der europäischen Kunststoffverordnung festgelegt. Darin findet man Vorschriften zur Beschaffenheit, eine Liste zugelassener Stoffe und Migrationsgrenzwerte. Verpackungshersteller müssen eine sogenannte „Konformitätserklärung“ für die Packmittel vorlegen.

Sie beinhaltet eine Prüfung, für welche Lebensmittel und unter welchen Bedingungen das Material eingesetzt werden darf. Die Verpackungen dürfen „unter normalen und vorhersehbaren Verwendungsbedingungen keine Bestandteile in Mengen an Lebensmittel abgeben, die die menschliche Gesundheit gefährden oder eine unvertretbare Veränderung der Zusammensetzung oder Beeinträchtigung der Eigenschaften herbeiführen“. Dies regelt die Verordnung (EG) Nr. 1935/2004 über Materialien, die Lebensmittel-Kontakt haben. Die Einhaltung dieser Regeln unterliegt der „guten Herstellpraxis“ der Verpackungs-Produzenten. Trotzdem hat sich bei Verbrauchern auch eine gewisse Sorge vor unerwünschten Stoffen, die von der Verpackung in Lebensmittel „migrieren“, also übergehen, breit gemacht. In welchem Ausmaß das stattfinden kann, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Neben der Art der „wandernden“ Substanzen sind der Fett- und Säuregehalt der Lebensmittel sowie Lagerdauer und -temperatur entscheidend. Tierversuche haben gezeigt, dass manche Stoffe eine schädliche Wirkung haben können – besonders auf den Hormonhaushalt. Zum Beispiel die sogenannten „Weichmacher“. Zahlreiche Kunststoffe benötigen Weichmacher, da sie ohne die Zusätze spröde sind, leicht zerbrechen oder nicht weich genug zum Formen sind. Manche Weichmacher wie „DEHP“ (Diethylhexylphthalat) sind für Lebensmittelverpackungen bereits verboten. Auch der Weichmacher „Bisphenol A“ wurde in bestimmten Produkten als bedenklich eingestuft, zum Beispiel bei Trink- oder Babyflaschen. Er ist Ausgangsstoff für verschiedene Kunststoffe – zum Beispiel Polykarbonat, aus dem unter anderem auch CDs und DVDs hergestellt werden. Beim Erhitzen des Kunststoffs können Bisphenol A-Moleküle freigesetzt werden. Bisphenol A wirkt im Tierversuch hormonähnlich. Es wird unter Wissenschaftlern kontrovers diskutiert, ob sich dies auch negativ auf den menschlichen Hormonhaushalt auswirkt. Verbraucher können mittlerweile auf BPA freie Produkte ausweichen oder zur unbedenklichen Glasflasche greifen.

Wissenschaftler entdecken immer wieder neue Stoffe in Plastik-Verpackungen. Und bei manchen ist umstritten, wie gut sie für den Kontakt mit Lebensmitteln geeignet sind. Hier muss sich der Verbraucher auf die „gute Herstellungspraxis“ bei den Verpackungs-Herstellern verlassen. Doch vielen Verbraucherzentralen reicht dies nicht aus, sie fordern mehr Forschung, Kontrolle und Information von Packstoffen, vor allem bei Plastik. Und raten Verbrauchern, den Kauf von verpackten Lebensmitteln einzuschränken oder Produkte mit längerer Haltbarkeit wie Nudeln oder Reis zuhause in unbedenkliche Glasbehälter umzufüllen. So ist ein Übergang von eventuell bedenklichen Kurstoffbestandteilen ausgeschlossen. Mittlerweile gibt es auch alternative Verpackungen im Handel, die empfohlen werden. Zum Beispiel Drehverschlüsse, bei denen keine Plastikbestandteile wie PVC oder Weichmacher in den Dichtungen sind. Sie sind mit einem blauen Kreis auf und an der Innenseite des Deckels gekennzeichnet. Verbraucherzentralen raten auch von der Mehrfachnutzung von Lebensmittelverpackungen, wie dem Einfrieren in leer gegessenen Eisboxen, ab. Denn bei unsachgemäßer Lagerung und Temperatur können manche Wirkstoffe aus der Verpackung in das Essen übergehen. Auch zu den beliebten und praktischen PET Getränke-Flaschen gibt es kritische Stimmen. Aktuell werden circa 60 Prozent der deutschen Wasserflaschen als PET Flaschen angeboten, die Glasflasche liegt bei einem Anteil von rund einem Drittel. Auch PET Flaschen stehen im Verdacht, hormonähnliche Substanzen in geringen Mengen abzugeben. Im Jahr 2009 wurde in einem Versuch bei Schnecken festgestellt, dass sie in Plastikflaschen eine deutlich höhere Reproduktionsrate zeigten, als in Glasflaschen. Aktuell werden diese geringen Mengen jedoch vom „Bundesinstitut für Risikoabwägung“ für den Menschen als gesundheitlich unbedenklich eingestuft. Bei Mineralwasser aus PET- Flaschen ist manchmal auch ein leichter Fehlgeschmack feststellbar. Dafür ist ein Stoff namens „Acetaldehyd“ verantwortlich, der auch in Früchten vorkommt. Er löst sich, wenn die Flaschen starker Sonneneinwirkung ausgesetzt sind. Darum raten Verbraucherschützer, PET Flaschen nicht lange in die Sonne zu stellen. Wer ganz auf Nummer Sicher gehen will, sollte auf Glasflaschen ausweichen. Mineralwasser kann mit einem Wasser-Sprudler selbst hergestellt werden und man spart sich zudem das lästige Schleppen. Natürlich ist Leitungswasser immer eine gute Alternative, denn es ist das am Besten kontrollierte Lebensmittel in Deutschland.

Sauber eingetütet? 

Spätestens an der Supermarkt-Kasse tappen viele in die Plastikfalle, nämlich bei der Wahl der Einkaufstasche. Trotz guter Vorsätze und quer durch alle Lebensräume verteilter Baumwoll- und Recyclingtaschen gelingt es auch öko-korrekten Verbrauchern nicht immer, Plastiktüten aus dem Weg zu gehen. Schnell wandert das Gejagte zusammen mit dem Kassenzettel in eine fröhlich bedruckte Tüte und wir werden nebenbei noch – mehr oder weniger freiwillig – zum Werbeträger für unseren Einkaufsort. Der günstige Preis tut sein Übriges. Vermutlich hilft hier nur eine Abgabe, den Verbrauch langfristig zu reduzieren. In Irland ist er auf nur 18 Tüten im Jahr pro Einwohner zurück gegangen, als die Plastiktüte teuer besteuert wurde. Wir Deutschen brachten es 2010 noch immer auf rund 71 Plastiktüten pro Jahr. Unangefochtener Spitzenreiter in Europa ist allerdings Bulgarien – 451 Tüten verbrauchte jeder Bulgare laut „Statista“ Auswertung im gleichen Zeitraum. Die großen Drogeriemärkte haben bereits weiter gedacht. Bei „Müller“, „Budnikowski“ und „DM“ gibt es seit diesem Jahr keine Gratis-Abreißtüten mehr. Und für die angebotenen Plastiktüten wird bei „DM“ und „Müller“ nur noch zu 90 Prozent recyceltes Plastik verwendet. Geht es an den Geldbeutel, sinkt die Nachfrage also rapide. Bei Müller ging sie um satte 85 Prozent zurück, seit Plastiktüten nicht mehr kostenlos ausgegeben werden. Auch die Bundesregierung will und muss den Konsum von Plastiktüten reduzieren, bis 2025 auf rund 40 Tüten pro Verbraucher. Grundlage hierfür ist eine neue Richtlinie zur Reduzierung des Plastikaufkommens in der EU. Genaue Pläne wie dies umgesetzt werden soll, sind noch nicht bekannt. Fakt ist, dass jährlich in der Europäischen Union noch immer rund acht Millionen Plastiktüten in der Landschaft landen. Trotz der verheerenden Folgen für die Umwelt konnte sich ein Verbot von Plastiktüten in der Europäischen Union aber noch nicht durchsetzen. Allein in Deutschland hat sich laut dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) die Kunststoffabfallmenge im Zeitraum 1994 bis 2011 von 2,8 auf 5,5 Millionen Tonnen pro Jahr beinahe verdoppelt.

Hauptsünder ist dabei der Müll der Endverbraucher. Dabei plagt auch viele Verbraucher längst das schlechte Gewissen beim Anblick von Plastik-Teppichen, die in Geo-Reportagen trostlos auf dem Meer vorbei schwimmen. Besonders kritisch beleuchtet der Film „Plastic Planet“ des österreichischen Regisseurs Werner Boote die weltweiten Plastikberge und unseren stetig ansteigenden Plastik-Konsum. Denn eine Plastiktüte benötigt unglaublich lange, bis sie sich zersetzt – bis zu 450 Jahre – je nach Material. Und heutzutage gibt es selbst in den abgelegensten Gebieten der Welt keine plastikfreie Zone mehr. Unser Zivilisations-Müll landet zudem oft in der Landschaft statt auf der Mülldeponie. Oder treibt in riesigen Plastik-Teppichen auf Meeren und Flüssen. Schätzungen der Meeresschutzorganisation „Oceana“ beziffern die Müllmenge auf 675 Tonnen pro Jahr – die Hälfte davon ist Plastik. Mittlerweile gibt es in allen Ozeanen sogenannte „Müllstrudel“. Experten vermuten insgesamt fünf große Strudel in den Weltmeeren. Der größte und bekannteste befindet sich im Nordpazifik und ist so groß wie ganz Zentraleuropa. Die Strudel befinden sich hauptsächlich unter der Wasseroberfläche, hier konzentriert sich der Plastik-Müll und wird ständig in Bewegung gehalten. Die Folgen sind fatal für viele Meeres-Tiere. Denn die Plastikpartikel werden von Fischen und Vögeln für Futter gehalten und gelangen so in den Nahrungskreislauf. Viele Tiere verenden qualvoll beim Verzehr, oder strangulieren sich beim Nestbau mit Plastikteilen. Rund eine Million Seevögel jährlich bezahlen so einen Irrtum mit ihrem Leben. Diese erschreckenden Zahlen werden bei dem weltweit zunehmenden Plastik-Konsum noch weiter ansteigen. Bis 2050 rechnen Experten damit, dass bei 99 Prozent aller Seevögel Plastikpartikel im Mageninhalt festgestellt werden können.

Es gibt bereits Initiativen, um die Weltmeere vom Plastikmüll zu säubern. Der erst 21-jährige Surfer Boyan Slat ist einer der engagierten Meeres-Ritter. Als Wassersportler engagiert er sich seit 2013 in seinem „Ocean Cleanup Project“ (www.theoceancleanup.com) für Meeres-Säuberungs- Anlagen in den Ozeanen. In diesen soll der Müll mit Hilfe von Rechen herausgefischt und von Müllbooten wieder dem Recycling-Kreislauf zugeführt werden. Das Projekt wird derzeit auf seine Machbarkeit geprüft. Auch die Initiative des Naturschutzbund Deutschland (NABU) e.V., „Fishing for Litter“ hilft bei der Säuberung der Meere. Teilnehmenden Fischern werden für eingesammelte Abfälle aus dem Meer Entsorgungsstationen bereitgestellt. Europaweit beteiligen sich mittlerweile mehr als 35 Häfen und fast 350 Fischereifahrzeuge daran.

Diese Maßnahmen können jedoch auch nicht helfen, die feinen Mikro-Plastikpartikel aus dem Wasser zu filtern, die heute in allen Weltmeeren zu finden sind. Als Mikroplastik bezeichnet man Partikel, die kleiner sind als fünf Millimeter. Durch ständige Wellenbewegungen im Meer, Salz, Sonne und Reibung zersetzt sich Plastik in kleinste Mikro-Partikel, die Plankton ähneln. Diese werden nicht nur von Fischen gefressen, sie können sich auf ihrer Reise auch stark mit giftigen Chemikalien oder Hormonen anreichern. Japanische Wissenschaftler haben bei ihren Forschungen beunruhigend hohe Mengen von mittlerweile verbotenen Chemikalien wie DDT oder anderen Pflanzenschutzmitteln an Plastikteilchen entdeckt, die an den Küsten angeschwemmt wurden. Bis zu 100 Mal größer war die Konzentration der giftigen Stoffe an den Plastikteilchen.

Mikroplastik wird auch in der Kosmetikindustrie verwendet, zum Beispiel als Schleifmittel in Peelings oder Zahnpasta. Diese Kleinst-Teile werden in Kläranlagen jedoch nicht vollständig heraus gefiltert und gelangen so zurück in den Wasserkreislauf. Umweltschutzorganisationen wie der BUND fordern deshalb ein Verbot von Mikroplastik in Kosmetika und Kleidung. Eine ziemlich lange Liste mit Produkten, die Mikroplastik enthalten, hat der BUND in seinem Einkaufsratgeber unter www.bund.net/mikroplastik  veröffentlicht.

Ein plastikfreies Leben?

Viele Verbraucher kapitulieren vor der Plastikflut, die uns umgibt. Oder befürchteten massive Einbußen an Lebens-Qualität, wenn es um den Verzicht auf Plastik geht. Diskutiert man die Frage, ob ein plastikfreies Leben möglich ist, erntet man oft verständnislos Blicke. Wie soll das gehen, Plastik umgibt uns ja fast überall, ist leicht praktisch und vielfältig einsetzbar. Doch es gibt auch furchtlose Verbraucher, die Plastik-Produkte so weit irgendwie möglich aus Ihrem Leben verbannt haben. Die österreichische Familie Krautwaschl etwa hat ihr Leben komplett umgekrempelt, um die Plastikflut aus ihrem Haushalt zu verbannen. Den amüsanten Bericht über das Leben in einem plastikfreien Haushalt kann man in ihrem Buch „Plastikfreie Zone“ oder auf Ihrem Blog keinheimfuerplastic.at nachlesen. Natürlich verlangt der Verzicht auf Plastik einiges an Umdenken und Verzicht auf Bequemlichkeit. Aber es ist möglich, den eigenen Konsum achtsam zu gestalten und im Kleinen einzuschränken. Auch immer mehr Blogger sowie umweltbewusste Online-Plattformen beschäftigen sich angesichts der Problematik von Plastik-Abfällen damit, welche Alternativen sich zu Plastik im Alltag heute bieten. Hier ein paar einfach umsetzbare Tipps für alle, die das schlechte Gewissen manchmal am Ärmel zupft:

· eigene Taschen und Behälter zum Einkaufen mitnehmen

· Plastiktüten mehrfach nutzen und als Mülltüten verwenden

· Mineralwasser aufsprudeln statt in Plastikflaschen kaufen

· Wurst und Käse aus der Frischetheke statt dem Kühlregal kaufen

· wiederverwendbaren „Coffee to go“ Becher nutzen

· oft auf Wochenmärkten einkaufen statt im Supermarkt

· langlebige, mehrfach verwendbare Produkte aus Edelstahl, Glas oder Holz bevorzugen

· Nachfüllpacks verwenden

· Bei Online-Bestellungen angeben, dass man keine Plastikverpackung wünscht

· Kosmetik-Produkte mit Mikroplastik vermeiden

· Sich immer mal wieder die Frage stellen: „Brauche ich das wirklich?“

Steffi Koller

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