Warum Bienen auf Patente pfeifen und uns bald die Einfalt blüht

Von Saatgut-Rettern, Hybriden und mehr

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Von wegen  „alte Möhre“ – die angesagte alte Sorte „Purple Haze“ schmeckt gut und macht richtig was her auf dem Teller.

Bienen sind wählerisch und brauchen Abwechslung beim Blüten bestäuben. Doch vielerorts blühen nur noch patentierte Monokulturen auf den Feldern. Das Saatgut kommt großteils aus großen Agro-Fabriken statt aus bäuerlichen Kleinbetrieben. Handels-Abkommen wie TTIP erleichtern den Konzernen den Zugriff auf unseren Lebensmittel-Markt. Blüht uns bald nur noch der Gen-Mais?

Du bist, was du isst

Wer im typisch deutschen Supermarkt einkauft, der kauft überwiegend dasselbe wie sein Vordermann an der Kasse. Denn 75 Prozent dessen, was wir in den Waren-Korb laden, kommt von nur zwölf unterschiedlichen Nutzpflanzen und Tieren. Mais, Reis und Weizen alleine machen schon 60 Prozent der Kalorien aus, die wir täglich zu uns nehmen. Eine große Vielfalt verschiedener Sorten Gemüse, Früchte und Nüsse, wie sie bei unseren Vorfahren täglich auf dem Speiseplan standen, sind bei den Industrie-Nationen heute unterrepräsentiert. Dass gerade die Diversität der verschiedenen Kulturpflanzen auf unserem täglichen Speiseplan uns gesund und fit hält, ist keine neue Erkenntnis. Besonders für Babys und Kleinkinder ist eine ausgewogene Ernährung wichtig. Mikrobiologen wie Dr. Finley von der Universität British Columbia haben zudem festgestellt: je abwechslungsreicher unser Speiseplan, desto größer die Zahl der wertvollen Mikroben, die den Körper besiedeln. Dies hilft schon Babys und Kindern, ein starkes Immunsystem zu entwickeln. Immer gleicher Brei aus hoch verarbeitetem Getreide ist für die Kleinsten also eine schlechte Wahl. Und nur Pommes mit Mayo für die Großen auch. Insbesondere alte, besonders eisenreiche Getreide- und Gemüse-Sorten wie Quinoa, Cous-Cous oder Hafer sollten deshalb neben Weizen und Reis regelmäßig auf unserem Speiseplan stehen. Bei Vergleichsstudien mit Kindern aus afrikanischen Ländern, die kaum hoch verarbeitete Lebensmittel zu sich nehmen, stellte der Forscher fest, dass diese ein weit größeres Spektrum an Mikroben im Körper besitzen. Somit haben sie auch ein weit geringeres Risiko, an Immunschwächen zu erkranken, die in der westlichen Welt weit verbreitet sind.

Ernten, was wir säen

Auch innerhalb der Pflanzenfamilien ist Abwechslung rar. Seit 1900, schätzt der BUND Naturschutz, sind weltweit 75 Prozent der Kulturpflanzensorten ausgestorben; in Europa sogar mehr als 90 Prozent. So sind von den weltweit 10.000 Tomatensorten heutzutage nur noch zehn Sorten von wirtschaftlicher Bedeutung. Und längst nicht alle, die die EU-Normen in Größe und Aussehen erfüllen, überzeugen im wichtigsten Kriterium: dem Geschmack. Schuld daran ist die Industrialisierung der Landwirtschaft. Denn wenige, effiziente Sorten werden heute von wenigen großen Agrar-Konzernen vertrieben. Vor hundert Jahren, in der Zeit vor der industriellen Landwirtschaft, sah das noch ganz anders aus. Das eigene Saatgut wurde durch Züchtung und Auslese stetig verbessert und über Jahrhunderte an die nächste Generation weiter- gegeben. So war eine große Vielfalt regional unterschiedlicher Kulturpflanzen anzutreffen, die Bauern gaben ihre speziellen Züchtungen weiter und es gab viele regionale Spezialitäten auf dem Obst- und Gemüseteller. Die sogenannten „samenfesten“ Sorten konnten immer wieder ausgesät werden. Doch seit dem 19. Jahrhundert ist die Zahl der samenfesten Saaten erschreckend zurück gegangen. Damit nimmt ein wichtiges Kulturgut, die genetische Vielfalt der Nutzpflanzen, ständig ab. Weltweit gibt es deshalb 1400 Samen-Speicher, die samenfeste Sorten enthalten, um diesen Schatz zu erhalten. Den Größten findet man im norwegischen Spitzbergen. Dort können bei konstanten Minusgraden von -18 Grad Celsius bis zu 4,5 Millionen Samenproben eingelagert und für die Nachwelt erhalten werden. Und soll so für gut tausend Jahre frisch bleiben.

Vielfalt statt Einfalt

Auch Vereine und Bio-Hersteller fördern den Erhalt alter Sorten sowie den Tausch und die Vermehrung in Samenbörsen, etwa die Initiative „Vielfalt erleben“ des Bio-Herstellers Alnatura. Die Bio-Landwirte gehen den altbewährten Weg der Nachtzüchtung, wie es seit Tausenden von Jahren in der Landwirtschaft praktiziert wird. Durch Kreuzungen und Auslese entstehen dabei robuste und oder besonders schmackhafte Sorten. Die Pflanzen werden im sogenannten „Fruchtwechsel“ auf den Feldern angebaut, so schont man die Böden und laugt sie nicht unnötig aus. Nützlinge aus der Tierwelt helfen, Pflanzen gesund zu halten, auf giftige Herbizide wird gänzlich verzichtet. So gibt es viele alte Sorten im Bio-Anbau, die der konventionellen Landwirtschaft nicht ertragreich genug erscheinen. Diese Pflanzen sind klimatisch ideal auf die jeweilige Region angepasst und oft besonders robust, da auf Giftspritzen beim Bio-Anbau komplett verzichtet wird. So schaffen es auch vergleichsweise „krumme“ Gestalten wie die gedrungene „Oxhella-Möhre“ auf unsere Teller.

"Hybrid" klingt schön grün?

Wer in der Landwirtschaft nur auf Monokulturen setzt, ist nicht immer gut beraten. Denn diese Pflanzen überleben oft nur in Kombination mit teuren, auf sie abgestimmten Herbizid-Cocktails. Was zunächst wie eine win-win Situation aussieht, entpuppt sich im Nachhinein für manche Landwirte – vor allem in der dritten Welt – als schlechtes Geschäft. Die super resistenten Pflanzen mit hohem Ertrag müssen teuer, da meist patentiert, erworben werden. Dazu benötigt man noch den richtigen Herbizid-Cocktail, der die Pflanze schützt und das „Unkraut drum herum“ vernichtet. Nachzüchten auf eigene Rechnung ist verboten oder schlicht nicht möglich. Denn das verwendete Saatgut besteht aus sogenannten „Hybriden“. Was in der Autowerbung schön „grün“ klingt, hat beim Saatgut einen entscheidenden Nachteil: die Pflanzen können nicht weiter vermehrt und nur einmal ausgesät werden. Neben der Gefahr, die von den meist parallel eingesetzten Herbiziden für Flora und Fauna droht, ist auch das Risiko für die Landwirte hoch – trägt die Pflanze nicht, wie erwartete, wird der Ernteausfall teuer. So sind die Erzeuger gezwungen, das spezielle Saatgut und das Spritzmittel erneut zu kaufen. Die Nachzucht des Saatgut findet zudem meist nicht in der Region statt, wo auch ausgesät wird. Die Pflanzen können sich also klimatisch nicht optimal anpassen.

Grüne Gene – gute Gene?

„Grüne“ Gentechnik hört sich zunächst ja positiv an. Dabei wird fremdes Genmaterial in Nutzpflanzen eingeschleust, um bestimmte positive Eigenschaften zu verstärken. Es handelt sich jedoch um Genmaterial, das über normale Kreuzung und Züchtung so in der Natur nicht vorkommen würde. Dadurch erhält die Pflanze ganz neue Eigenschaften, die sie resistenter gegen Schädlinge oder Herbizide werden lassen. So wehrt sich die „erschaffene“ Pflanze gegen Schädlinge oder hält einem Herbizid-Regen auf dem Feld als einzige stand. Zu Beginn der Forschungen erwartete man große Wunder von der grünen Gentechnik; man erhoffte sich Weizenfelder in der Sahara und neue Waffen gegen den Welthunger. Doch konnten bisher keine solchen Wunderpflanzen mittels grüner Gentechnik hergestellt werden. Zudem konkurrieren Gentechnik-Nutzpflanzen auf lokalen Märkten der dritten Welt oft – zu deren Schaden – mit den lokalen Produkten der Bauern.

Ökonomisch interessant für die Agrarkonzerne sind zudem vor allem der Verkauf von Saatgut für Futterpflanzen, Bio-Sprit und Baumwolle, die in großen Plantagen angebaut werden. In der Europäischen Union ist derzeit nur eine Sorte Gentechnik-Mais zum Anbau zugelassen. Der Großteil der Genpflanzen wächst in den USA (40 Prozent), Brasilien (23 Prozent), Argentinien (13 Prozent), Kanada (sechs Prozent) und Indien (sechs Prozent). Gentechnik Gegner warnen, dass die Folgen nicht abzuschätzen sind. Einmal ausgesät, können sogenannte „transgene“ Pflanzen nicht mehr aus dem Ökosystem zurück geholt werden. Die möglichen Nebenwirkungen auf uns Menschen am Ende der Nahrungskette sind bei transgenen Pflanzenarten kaum erforscht. Die meist gleichzeitig nötigen Herbizide können laut verschiedener neuer Studien den menschlichen Organismus schädigen. Und beim Anbau der Monokulturen geht nichts ohne Einsatz von Pflanzengiften. Etwa 25 Prozent der weltweit verwendeten Insektizide und elf Prozent der Pestizide werden etwa im Baumwollanbau eingesetzt. In Afrika gehen 80 Prozent aller eingesetzten Pestizide in die Baumwollproduktion. Nach Schätzungen der WHO sterben weltweit pro Jahr 20.000 Menschen an Pestizid-Vergiftungen beim Baumwollanbau.

Summ, summ....summ?

Auch andere böse Überraschungen wie platzende Stängel bei Hitze oder Pflanzen, die zum falschen Zeitpunkt blühen, sind ein Ertragsrisiko bei transgenen Pflanzen. Und nicht zuletzt wird das ökologische Gleichgewicht durch Monokulturen empfindlich gestört. Die genetisch veränderten Pflanzen verdrängen oft andere Pflanzenarten. Die auf dem Feld versprühten Herbizide zerstören Wildblumen und Nützlinge. Insbesondere das Herbizid Glyphosat vom Marktführer Monsanto steht derzeit stark in der Kritik. Verschiedene Studien haben die toxische Wirkung des Herbizids bestätigt, eine giftige Wirkung auf den menschlichen Organismus ist laut der World Health Organization (WHO) ebenfalls wahrscheinlich. So soll in Südamerika, wo sehr viel Gen-Soja angebaut wird, ein starker Anstieg von Missbildungen bei Neugeborenen beobachtet worden sein. Direkte Anwohner der Plantagen klagen über schwerwiegende gesundheitliche Beschwerden. So schreibt auch das Medizinische Labor Bremen 2012: „Die Einschätzung von Glyphosat und seiner Begleitstoffe als unbedenkliches Herbizid hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Studien weisen auf deutliche gentoxische, reproduktionstoxische, hormonelle und zellschädigende Wirkungen hin.“

Derzeit prüft die Europäische Chemikalienagentur ECHA, ob Herbizide wie Glyphosat krebserregend sind. Experten der WHO und der europäischen und deutschen Behörden waren zuletzt zu unterschiedlichen Einschätzungen gekommen. Während die WHO Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend einschätzt, sieht das deutsche Institut für Risikobewertung diese Sorge (noch) unbegründet. Glyphosathaltige Mittel sind auch für Hobbygärtner verfügbar und in deutschen Garten-Centern zu finden. Doch wo Glyphosat eingesetzt wird, bleiben die Bienen bald aus. Eine neue Studie zeigt, dass Bienen nach Kontakt mit Glyphosat an Orientierungslosigkeit leiden und nicht wieder zu ihrem Stock zurück finden. Deren Gesundheit gefährdet das Herbizid Glyphosat vor allem im Sommer, erklärt Peter Maske, der Präsident des deutschen Imkerverbandes. Denn durch die fehlende Vielfalt auf den Feldern fehlt ihnen ein ausreichendes Nahrungsangebot. Der Einsatz von Pflanzengiften führt außerdem dazu, dass weniger Blüten für die wichtigen Bestäuber zu Verfügung stehen. Imker und Bio-Verbände warnen schon lange vor den Auswirkungen von Genpflanzen und Glyphosat Einsatz. Allein schon im eigenen Interesse. Denn die Glyphosat-Verschmutzung kommt auch in ihren Stöcken und auf den Feldern an. Die strengen Grenzwerte bei Bio-Lebensmitteln führen dazu, dass Bio-Ware verunreinigt und damit unverkäuflich wird. Mindestabstände zu Monokulturen sind nicht ausreichend zum Schutz, denn Wind und Pollenflug wehen die Glyphosat-Wolken über weite Strecken.

Böse Saat dank TTIP?

Gegner der grünen Gentechnik sehen auch die Handelsabkommen CETA und TTIP mit Kanada und den USA kritisch. ihre Befürchtung: durch diese Handelsabkommen wird es für ausländische Konzerne leichter, gentechnisch veränderte Nahrungsmittel auf deutsche Teller zu bringen. Denn die USA hat keinen so strengen Verbraucherschutz wie die EU. So gibt es etwa in der USA keine Kennzeichnungspflicht für genetisch veränderte Lebensmittel. Auch eine spezielle Risikoprüfung für den Verbraucher gibt es in Amerika nicht. Dank dem in Europa geltenden Vorsorgeprinzip sind derzeit keine gentechnisch veränderten Lebensmittel in deutschen Supermarktregalen. TTIP Gegner befürchten, dass solche Abkommen amerikanischen Konzernen die Möglichkeit liefern, gegen EU-Regulationen zum Verbraucherschutz künftig zu klagen, da diese als „handelshemmend“ eingestuft werden könnten. Der Bio-Pionier und Gründer der Allgäuer Naturkostmarke RAPUNZEL aus Legau, Joseph Wilhelm, hat dieses Problem schon lange erkannt. Seit 2007 setzte er sich mit „Genfrei Gehen“ Protest-Märschen „für eine gentechnikfrei Welt“ und die Kennzeichnung von Gentechnik bei Lebensmitteln ein – in Europa und 2011 auch mit einem eigenen Marsch nach Washington. Auch wenn Lebensmittel in Deutschland derzeit gentechnikfrei sind, werden oft gentechnisch manipulierte Futterpflanzen für Nutz-Tiere verwendet. Werden Nutztiere mit genmanipuliertem Futter gefüttert, besteht jedoch keine Kennzeichnungspflicht.

Saatgut Retter und Bio-Gärtner werden

Die Mehrheit der deutschen Verbraucher lehnt Gentechnik in Lebensmitteln ab. Große Supermarktketten und Discounter haben auf diese Ablehnung bereits reagiert und bieten Produkte wie Eier, Milch und Fleisch mit „gentechnikfrei“ Siegel an. Wer diese kauft, kann sicher sein, dass kein gentechnisch verändertes Essen auf seinem Teller landet. Auch wer Bio-Produkte kauft, ist auf der „gentechnikfreien-Seite“. Wer die Vielfalt auf seinem Teller erhalten will, hat bei jedem Einkauf die Möglichkeit. „Saatgut-Retter“ sollten für den eigenen Garten samenfeste Saaten und Pflanzen kaufen, statt Hybride. Man erkennt Hybridsamen an der Kennzeichnung F1. Samenfeste Saaten gibt es bei Bio-Läden oder online bei „Biengenheimer Saatgut“. Pflanzen aus Bio-Anbau kauft man am besten bei Bio-Gärtnereien in der Region. Bei Betrieben wie der Bio-Gärtnerei Herb in Kempten oder der Demeter Staudengärtnerei Schellheimer in Wildpoldsried finden sich wohlklingende Gemüse und Kräuter wie die Tomate „Berner Rose“ oder die lilafarbene Karotte „Purple Haze“. Und die schmecken garantiert nicht nach Einheitsbrei. Guten Appetit!

Steffi Koller

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