Warum die Deutschen Weltmeister im Verpackungsmüll sind und warum an Weihnachten nicht nur viele Menschen aus allen Nähten platzen

Das kommt mir nicht in die Tüte!

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Tüten aus PLA (Polylactidaid) sind eine natürliche Alternative zu Plastik.

Kempten – Wir Deutschen gelten als Recycling Weltmeister. Dennoch haben wir es dieses Jahr auch zu sehr zweifelhaftem Ruhm gebracht: denn beim Verpackungsmüll sind wir in ganz Europa unübertroffen. Vor allem Plastikverpackungen sind auf dem weltweiten Vormarsch: sie sind praktisch, gut formbar und leicht – und aus unserer heutigen Welt nicht wegzudenken. Rund ein Drittel der weltweiten Plastikproduktion geht auf das Konto von Verpackungen für Produkte und Lebensmittel. Doch das viele Plastik birgt auch Risiken für Umwelt und Gesundheit, über die es sich nachzudenken lohnt.

Egal ob im Gemüse- und Obstregal oder bei praktischen Convenience (deutsch: Bequemlichkeit)-Produkten, fast alle Lebensmitteln sind aufwändig verpackt. Ein Grund dafür ist unter anderem das deutsche Lebensmittel-Recht. Denn um ein „verkehrssicheres“ Lebensmittel zu erhalten, ist Hygiene das A und O – und diese wird durch eine ordentliche Schicht Verpackung sicher gestellt. Absurd wirkt für viele, dass gerade Bio-Lebensmittel im Obst- und Gemüseregal oft in Plastik-Folie eingeschweißt sind. Dies dient laut dem Handel der besseren Unterscheidbarkeit von Bioware zu konventionell angebauten Lebensmitteln für Mitarbeiter und Verbraucher. Wer auf Märkten an Bioständen oder im Bio-Supermarkt einkauft, hat bessere Karten, eingeschweißte Bio-Gurken gibt es dort in der Regel kaum, da weniger Verwechslungsgefahr besteht.

Lebensmittel-Verpackungen, die „ready to eat“ oder gleich „ready to heat“ sind, finden wir Verbraucher zudem besonders praktisch und bequem. Die beliebte Einzelportionierung macht den Verpackungsaufwand pro Lebensmittel jedoch auch unnötig groß, hier trifft wenig Inhalt auf viel Verpackung. Außerdem sind Supermärkte und Lebensmittel-Produzenten an einer möglichst schönen, werbewirksamen Verpackung interessiert, um auf ihr Produkt aufmerksam zu machen. Und auch die Kunden wollen mit ansprechender, praktischer und möglichst leichter Verpackung für die Produkte begeistert werden. Trotz nachhaltigen Gedanken sind selbst bio-affine Kunde heute nicht mehr mit unansehnlichen braunen Papiertüten ans Regal zu locken. Und auch im Bio-Supermarkt sind immer mehr conveniente Verpackungslösungen gefragt. Vor allem Lebensmittel-Verpackungen sind also der Grund für unsere Fahrten zum Recyclinghof. In Deutschland wandern so jährlich sechs Millionen Tonnen Verpackung in den Müll – auch so kann man Europameister werden.

Unverpackt shoppen? 

Mancherorts versucht man, dieser Verpackungs-Wut bei Lebensmitteln entgegen zu treten. Zum Beispiel bei den Filialen der „Unverpackt“ Lebensmittelmärkte, die es mittlerweile in vielen großen Städten gibt. Deren Produkte werden lose, in Spendern oder großen Behältern zum selbst abfüllen, angeboten. Auf Einwegverpackungen wird soweit wie möglich verzichtet. Hinter dem Konzept steckt der Wunsch, möglichst wenig Müll zu produzieren und regionale Lebensmittel langen Lieferketten vorzuziehen.

Den Anstoß gab der Gründerin Marie Delapièrre aus Kiel das Buch „Zero waste“ der Amerikanerin Bea Johnson, die versuchte, ihren Haushaltsmüll auf Null zu reduzieren. Die Kieler Logistik-Expertin packte der Ehrgeiz, ihren Verpackungsmüll ebenfalls zu minimieren. Sie führt nun schon seit einigen Jahren erfolgreich einen „Unverpackt“ Lebensmittelladen mit über 400 Produkten. Das Konzept: die Kunden bringen ihre Abfüll-Behälter einfach selbst mit. Diese Idee hat mittlerweile in vielen großen Städten Nachahmer gefunden. Die Kunden sind nicht nur Ökos oder Hippies sondern vielerorts auch Rentner, die diese Art des Einkaufens noch aus „alten Zeiten“ kennen. Und Sparfüchse – denn ganz nebenbei spart man sich mit der Verpackung auch jede Menge Geld. Pro Jahr gibt jeder Bundesbürger nämlich rund 350 Euro nur für Verpackungen aus.

Auch in Kempten hat das Konzept „Unverpackt“ bereits neue Freunde gefunden. Der Bioladen „PurNatur“ der Bahnhof-Apotheke setzt bei vielen Waren auf Alternativen zur herkömmlichen Verpackung – zum Beispiel bei Nudeln und Putzmitteln, die „selbst gezapft“ werden können. Ein Vorteil für den Kunden: er kann die benötigte Menge nach Bedarf einkaufen. Die Idee, die eigene Verpackung selbst mitzubringen, hat sich allerdings in der Praxis noch nicht ganz durchgesetzt. Diese Möglichkeit wird aber auch noch nicht sehr stark vom Bio-Laden beworben. Viele Kunden greifen aktuell auf die bereit gestellte Umverpackung zurück, die vom Verkaufs-Team mit Bedacht ausgewählt wurde. Neben Glasflaschen für die Ölabfüllung sind dies Papiertüten für Trockenobst und Nudeln, sowie Bio-Plastiktüten für Obst und Gemüse. „ Die Tüten aus PLA (Polylactidaid) sind eine natürliche Alternative zu dem vom Erdöl abhängigen Plastik, sie werden mithilfe eines neuartigen Fermentierungsprozesses aus Stärke hergestellt“, erklärt Sonja Schweiger aus dem Verkaufsteam von „PurNatur“.

Bio-Plastik ist allerdings immer noch die Ausnahme bei Verpackungslösungen. Denn der Kunststoff aus nachwachsenden Rohstoffen ist doppelt bis fünfmal teurer als Plastik auf Erdgas- oder Erdölbasis. Und das, obwohl Produkte wie Zucker oder Stärke deutlich günstiger und preisstabiler sind als fossile Rohstoffe. Noch ist der Bio-Kunststoff deshalb ein Nischenprodukt. Und nicht alle Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen sind auch biologisch abbaubar. Auch wenn Bio-Plastik die sinnvollere Alternative ist, hier tun sich wieder neue Probleme auf: zum Beispiel die Diskussion um die Nutzung von Agrarprodukten für die Plastikproduktion. Deshalb ist auf (Bio-) Plastik zu verzichten immer noch der beste Umweltschutz.

„Bring your own“ beim „Take Away“ 

Auch beim „Take-Away“ Geschirr für das Mittagsgeschäft handelt es sich bei „PurNatur“ in Kempten um ein umweltfreundliches Material, das aus Zuckerrohr-Resten gewonnen wird – also aus einem Abfallprodukt bei der Zucker-Herstellung. Neben der Umweltfreundlichkeit ist dieser Packstoff sehr ergiebig – „aus einer Stange Zuckerrohr entstehen rund 50 Verpackungen für das Mittagsgeschäft“, erklärt Schweiger stolz. Allerdings schlägt die Umweltfreundlichkeit teuer zu Buche, weshalb für die Take-Away-Behälter ein Aufpreis von 50 Cent verlangt wird. Solche Verpackungen sind eben deutlich teurer als ihre Plastikvariante. „Eine andere Lösung kommt aufgrund unserer Philosophie aber für uns nicht in Frage“, so Schweiger. Natürlich wäre es ideal, die Kunden würden eigene Behälter mitbringen.

Der Bioladen setzt ebenso beim „Coffee to go“-Geschäft auf die umweltfreundliche Alternative aus Bio-Plastik, die auch in die grüne Tonne wandern darf. „Handelsübliche ‚Coffee to go‘-Becher aus Plastik sind ein wahrer Fluch für die Umwelt“, sagt der Bundes-Geschäftsführer der deutschen Umwelthilfe (DUH), Jürgen Resch. „In Deutschland werden pro Jahr 2,8 Milliarden dieser Becher verbraucht. Für ihre Herstellung sind 64.000 Tonnen Holz, 1,5 Milliarden Liter Wasser, 11.000 Tonnen Kunststoff und eine Energiemenge notwendig, mit der sich eine Kleinstadt ein Jahr lang versorgen lässt.“ Da die Becher gratis ausgegeben werden, ist die Hemmschwelle der Kunden sehr gering, diese zu nutzen. Hier würde aus Sicht der DUH nur eine Abgabe für die Verpackung Besserung bringen. Bei 20 Cent pro Becher liegt laut Schätzung der DUH die Schmerzgrenze beim Kunden.

Alternativen zum Plastikbecher lassen sich übrigens recht problemlos finden. Vom stabilen Becher aus Edelstahl mit Thermo-Isolierung über das hitzebeständige Silikon, das ebenfalls frei von Weichmachern ist, bis hin zu lebensmittelechten, langlebigen Porzellan-Bechern. Da die Herstellung dieser Becher sehr energieintensiv ist, sollten die Alternativen möglichst oft zum Einsatz kommen.

Ein komplettes Umdenken der Verbraucher – weg von herkömmlichen Verpackungen – hin zur „BYO“ Verpackung ist noch Zukunftsmusik. Auch bei „PurNatur“ gibt es noch keinen Ansturm auf die unverpackten Waren, das Konzept wird aber zunehmend von Kunden ausprobiert. Als zu aufwändig empfinden viele Verbraucher das ständige Mitnehmen eigener Einkaufsbehälter für Ihre Lebensmittel. Viele Kunden kommen in der Mittagspause zum Essen und kaufen nebenbei ein. „Der Anteil der Kunden mit eigenen Behältern hält sich noch in Grenzen“, berichtet das Laden-Team. Auch wenn der Nachhaltigkeitsgedanke in der Theorie immer weiter um sich greift: die Masse der Verbraucher, die schnelle und jederzeit verfügbare Waren gewohnt sind, empfinden es als unpraktisch und mühsam, immer eigene Behälter dabei zu haben.

Öko-korrekte Alternativen – Die gute Jute? 

Es ist schwierig, die Plastikflut einzudämmen, ohne aus der tägliche Routine auszubrechen. Das Mitbringen und Wiederverwenden von eigenen Einkaufs-Tüten ist sicherlich eines der einfachsten Möglichkeiten. Denn die durchschnittliche Verweildauer einer Plastiktüte im deutschen Haushalt beträgt nur eine halbe Stunde, dann landet sie bestenfalls im Müll und nicht in der Landschaft.

Doch was sind gute Alternativen zu Plastiktüten? Baumwoll- oder Jutetaschen machen auf den ersten Blick den „ökologischsten“ Eindruck. Schaut man auf die Ressourcen, die Ihre Herstellung verschlingt, stehen sie zunächst nicht viel besser da. Erst wenn sie regelmäßig als Plastik-Ersatz herhalten, haben sie im Rohstoffverbrauch und in der Umweltbilanz der Herstellung die Nase vorn. Zudem ist Baumwolle auch bei der Entsorgung weit unproblematischer als Plastik und deutlich langlebiger. Auch die vermeintlich ökologische Papiertüte überzeugt bei der Herstellung nicht ganz. Schuld ist die dicke Papierstärke für eine gute Reißfestigkeit und der oft aufwändige Werbe-Aufdruck. Erst bei mehrmaliger Verwendung punktet sie gegenüber der Plastiktüte im Ressourcenverbrauch.

Die beste Alternative, bezogen auf den Ressourcenverbrauch, sind Recyclingtaschen aus Kunststoff. Sie sind robust, können viele Male wiederverwendet werden und punkten gleichzeitig mit dem schonendsten Herstellungsprozess. Zudem stammen sie oft bereits aus einem Recycling-Kreislauf, zum Beispiel aus PET Flaschen. Beim umweltbewussten Einkauf heißt es also, egal bei welcher Tasche: mehrfach nutzen hilft, die Umwelt zu schonen. Mittlerweile gibt es auch viele Ratgeber im Netz, die alternative Produkte vorstellen und Tipps zur Plastikvermeidung geben. Hier zeigt sich, dass auch im Kleinen Verpackungsmüll eingespart werden kann, wenn man sich gut vorbereitet. Und eine gewisse Sensibilität bei der Wahl beim Einkaufen walten lässt. Müssen etwa Süßigkeiten zu Weihnachten wirklich dreifach verpackt sein? Sind drei Wurstscheiben in einer Packung die bessere Wahl als der Aufschnitt an der Frischetheke? Und wieso habe ich schon wieder meinen „BYO“ Kaffeebecher zu Hause vergessen... Übrigens: Weihnachten steht ja auch schon wieder vor der Tür. Hier kann jeder kritisch prüfen, wie viele „Verpackungs-Schichten“ seine Weihnachtsgeschenke so haben. Denn vor allem in der Weihnachtszeit platzen auch unsere Mülltonnen aus allen Nähten. Die örtlichen Entsorger erwarten wieder circa 10 Prozent mehr Papiermüll und 15 Prozent mehr Verpackungsmüll rund um die Weihnachtszeit. Dabei freuen sich die Beschenkten auch ohne aufwändige Verpackungsorgien über Ihre Gaben.

Das ZAK in Kempten rät deshalb zu Müllvermeidungs- Strategien (siehe unten).

„Das kommt mir nicht in die Tüte!“ Teil 2 lesen Sie auf der „Grünen Seite“ am Dienstag, 5. Januar 2016.

Müllvermeidungs-Tipps zur Weihnachtszeit vom ZAK Kempten:

- Geschenke auspacken macht Spaß. Oft ist aber der Abfallberg, der dabei entsteht, größer als die Geschenke selbst. Sie können viel Müll vermeiden, wenn Sie das Geschenkpapier vorsichtig öffnen, es anschließend glattstreichen oder bügeln und es dann nochmals verwenden.

- Wer Geschenkpapier einkauft, sollte darauf achten, dass es aus Altpapier hergestellt wurde. Es gibt hier sehr schöne Motive. Kunststoff-Folien und Kunststoff-Schleifen können nicht recycelt werden und verursachen deshalb besonders viel Müll.

- Wer Blumen verschenkt, sollte Wert darauf legen, dass diese nicht in Folie verpackt werden. Es gibt sehr ansprechendes buntes Papier, das auf die Farbe des Straußes abgestimmt werden kann.

- Denken Sie auch daran, Produkte in aufwendigen Verpackungen im Regal liegen zu lassen. Pralinen in riesigen Blistern in Glockenform schmecken auch nicht besser als solche in einer Normalverpackung.

- Jedes Jahr stellt sich auch wieder die leidige Frage, „Was schenke ich?“. Um lästigen Umtausch nach dem Weihnachtsfest zu vermeiden, ist es oft besser einen Gutschein zu überreichen. Der Beschenkte kann sich dann sein Geschenk selber aussuchen.

- Auch bei der Auswahl des Weihnachtsschmucks sollte auf Müllvermeidung geachtet werden. Ein Christbaum aus dem Wald ist allemal schöner und umweltfreundlicher als einer aus Kunststoff. Christbäume werden übrigens in speziellen Plantagen angebaut, man muss also nicht befürchten, dass durch den Kauf eines „echten“ Baumes das Waldsterben gefördert wird. Bei der Dekoration des Baumes sollte Strohsternen und natürlichen Materialien der Vorzug gegeben werden. Bleihaltiges Lametta sollte ganz vom Weihnachtsbaum verbannt werden.

- Weihnachtszeit ist Glühweinzeit. Greifen Sie auf Flaschen zurück und nicht auf Glühwein im Tetrapak. Wer sich die Mühe macht, seinen Glühwein selbst zu „brauen“, erhält nicht nur ein besseres Getränk als die „Standardmischung“, sondern auch die Möglichkeit, den Wein in der Mehrwegflasche zu kaufen. Trinken aus dem Mehrwegglas ist selbstverständlich.

Steffi Koller

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