Grünen-Politiker Cem Özdemir polarisiert auf dem Hildegardplatz

"Bravo" und "Buh"

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MdB Cem Özdemir (v.re.), Bundesvorsitzender von Bündnis 90/die Grünen, mit den Allgäuer Landtagsabgeordneten Ulli Leiner und Thomas Gehring auf dem Hildegardsplatz.

Kempten – Der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Cem Özdemir, erwies sich am vergangenen Freitagabend auf dem Hildegardsplatz in Kempten als standfester, hoch engagierter Redner.

Etwa 400 Leute wollten den Bundestagsabgeordneten hören, etwa zwei Dutzend türkischstämmige junge Männer und ein paar junge Frauen wollten ihn niederbrüllen. „Schreien ersetzt keine Argumente“, so Özdemir in Richtung der türkische Fahnen schwingenden Gruppe. Dass er hier unter Polizeischutz stehen muss, sei nicht normal, er könne auch Polemik ertragen, von Morddrohungen aber müssten sich alle glasklar distanzieren. Auch in dieser schwierigen Zeit tritt er für ein weltoffenes Deutschland ein, gerade jetzt müssten die europäischen Werte der Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit gelebt werden. Es gebe kein Zurück zum Nationalismus, wir dürften Europa nicht aufgeben, beschwor Özdemir sein Publikum. Sein Dank galt den Leuten, die sich für Flüchtlinge einsetzen, der Zivilgesellschaft, die leistet, was der Staat nicht zu leisten vermag. Seine Forderung an die Politik: Entscheidungen über ein Bleiberecht nach spätestens drei Monaten, damit Warterei nicht ewig dauert, und Vorbereitung der Menschen aus Ländern mit anderen kulturellen Dimensionen auf die Integration, aber: „Wer ein Problem hat mit Frauen, wer ein Problem hat mit Homosexualität und mit der Demokratie, sollte sich überlegen, ob er in Deutschland richtig ist!“

Auch als ihm der Schmähruf „Vaterlandsverräter“ entgegenschlägt, bewahrt Özdemir die Fassung, schließlich kennt er ähnliche Hetze auch von Pegida-Demos. „Fanatismus, Irrsinn und Blödsinn hat der liebe Gott auf dem Planeten relativ gleich verteilt“, gibt Özdemir beschwichtigend zu bedenken. Er glaube unerschütterlich daran, dass sich Kulturen gegenseitig bereichern können und wo Menschen zerstören, sie auch Unglück verhindern können.

Die „Kerber-Brothers“ sorgten mit peppigem Sound für Unterhaltung – Zither und Hackbrett haben auch eine Verbindung zum Osmanischen Reich!

Die beiden Landtagsabgeordneten der Grünen, Ulli Leiner und Thomas Gehring, nutzten den Auftakt der Veranstaltung, um ihre wichtigsten Anliegen zu bekräftigen: Kein Skiliftausbau am Riedberger Horn, keine finanzielle Beteiligung der öffentlichen Hand am Flughafen Memmingen, dafür Zukunftsprojekte wie eine Regionalbahn von Kempten nach Oberstdorf, gleiche Bildungschancen für alle Kinder, auch aus Flüchtlingsfamilien, ungeachtet ihres Aufenthaltsstatus, und weniger Druck in Bayerns Schulen.

Cem Özdemir stand nach seiner Rede den Kemptener Bürgerinnen und Bürgern für Gespräche zur Verfügung und viele nutzten die Gelegenheit, sich mit dem bedrohten Abgeordneten zu solidarisieren.

Elisabeth Brock

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