Wichtige Einrichtung

"Nur positive Rückmeldungen"

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Dass „Die Dame von der Zeitung“ ihren zweijährigen Sohn zum Interview dabei hat, sorgt für viel Freude und Erheiterung unter den Gästen. Das gemeinschaftlich gesungene „Hoppe hoppe Reiter“ macht auch dem kleinen Clemens Spaß. Links im Bild: Pflegedienstleiterin Christine Rietzler.

Haldenwang – In Haldenwang werden täglich bis zu dreizehn, teilweise demenzkranke Senioren in der Tagespflege betreut. Hier erfahren sie liebevoll Zuwendung und Förderung und einen sinnvollen Tagesablauf mit abwechslungsreichem Beschäftigungsangebot.

Gleichzeitig werden die Angehörigen entlastet. Die Unterstützung, die die Gemeine dieser Einrichtung zukommen lässt, ist in ganz Bayern einzigartig und sollte, so der Wunsch der örtlichen Pflegedienstleiterin Christine Rietzler, unbedingt auch andernorts Schule machen.

Der große Gemeinschaftsraum mit der offenen Küche ist an diesem Frühlingsmorgen sonnendurchflutet. Hier haben sich heute elf ältere Damen und Herren im Alter zwischen 65 und 96 Jahren eingefunden, die jetzt, nach dem gemeinsamen Frühstück, zusammen auf den gemütlichen Sesseln des Wintergartens sitzen. Manche sprechen miteinander, eine Seniorin blättert in einer Gartenzeitschrift, andere blicken einfach still vor sich hin.

Als Christine Rietzler die tägliche Morgenrunde mit einem Gebet eröffnet („nicht, weil wir so christlich sind, sondern um das Gedächtnis anzuregen“), können dies fast alle auswendig mitsprechen. Denn „O Gott du hast in dieser Nacht so väterlich für mich gewacht…“ kennen die meisten noch aus ihrer Kindheit. Danach wird jeder der Gäste mit freundlichen, persönlichen Worten begrüßt. Stets wird dabei Bezug auf die Lebensgeschichte genommen, wodurch sich meist ein kurzes, je nach Charakter auch humorvolles Gespräch entwickelt.

Dass es sich bei den Gästen um teils schwer demenzkranke Menschen handelt, ist für den Laien zunächst kaum ersichtlich. Einer der Herren berichtet etwa von seinem Engagement in der Stadtkapelle – zwar kann er das Tenorhorn längst nicht mehr spielen, die Erinnerung an diese Zeit ist für ihn aber so präsent, als wäre er heute noch Musikant.

Vorwürfe vermeiden

Während das Kurzzeitgedächtnis immer mehr abbaut, funktioniert das Langzeitgedächtnis und damit beispielsweise die Erinnerung an die eigene Kindheit und Jugendzeit bei Demenzkranken noch lange Zeit sehr gut, erklärt Christine Rietzler. „Wir wissen viel über die Biografien unserer Gäste, denn wenn man da ansetzt, fällt oft gar nicht auf, wie hoch die Defizite sind.“ In der Gesellschaft würden Demenzkranke häufig zu sehr auf ihre Defizite reduziert, findet sie. Vorwürfe wie: „Das habe ich dir doch schon zehnmal gesagt, weißt du das denn nicht mehr?“ sollten dringend vermieden werden, weil sie den Kranken betroffen machen und überfordern. Ganz wichtig sei es hingegen, den Tag zu strukturieren und noch vorhandene Fähigkeiten zu fördern.

In der Haldenwanger Tagespflege dürfen die Gäste bei alltäglichen Arbeiten mitwirken, wie etwa Handtücher zusammenlegen, Gemüse schneiden, beim Backen und Kochen helfen und vieles mehr. Daneben können sie im Sinnesgarten mit seinen Kräutern und Klangspielen spazieren gehen, in den Ruheräumen schlafen, „Mensch ärgere dich nicht“ spielen oder beim Gedächtnistraining beispielsweise alte Sprichwörter vervollständigen. „Da bekommen die Menschen das Gefühl, noch etwas zu wissen und zu können, das ist ein ganz wichtiges Erfolgserlebnis“, erklärt Rietzler.

Singen und lachen

Es wird viel gesungen („Bei alten Volksliedern und Schlagern können sogar diejenigen oft noch mitsingen, die durch ihre Demenz ansonsten nicht mehr sprechen können“), zusammen gelacht und Gymnastik gemacht, manchmal werden die Stühle weggerückt und der Schneewalzer getanzt – notfalls auch im Sitzen. „Bisher haben wir nur positive Rückmeldungen bekommen, sowohl von den Angehörigen, die wir durch unser Angebot entlasten können, als auch von den Gästen selbst“, freut sich die 54-Jährige.

Die „Dame von der Zeitung“ solle bitte „ebbas guats neischreiba“ wünscht sich denn auch ein älterer Herr. „Mir gefällts hier guat, da gibt’s nix zum klage“, lobt er. Ein anderer ergänzt strahlend: „Mir geht´s hier immer guat“. Der Krankheit das Schreckliche zu nehmen und auch die positiven Möglichkeiten zu sehen, ist Christine Rietzlers großes Anliegen: „Man bekommt von den Menschen so viel zurück. Meine Mitarbeiter gehen mit einem guten Gefühl nach Hause.“

Wenig Einrichtungen

Die Haldenwanger Tagespflege bietet Platz für dreizehn Gäste, die, je nach Bedarf, an bis zu fünf Tagen in der Woche von Angehörigen oder einem Fahrdienst abgeholt und nach Hause gebracht werden. Das Einzugsgebiet umfasst das gesamte nördliche Oberallgäu, Kempten sowie Teile des Ostallgäus, denn Tagespflegeeinrichtungen sind dünn gesät.

Christine Rietzler selbst plädiert schon seit Jahren dafür, Tagespflege flächendeckend einzuführen. Dennoch bieten derzeit gerade einmal vier Häuser in Kempten und dem Raum Oberallgäu diesen Service an, weiß die Gemeinderätin. Einer der Gründe hierfür ist vermutlich die Tatsache, dass solche Häuser meist defizitär, da sehr personalaufwändig arbeiten.

„Wir hier sind eine Insel in der Pflegelandschaft“, sagt Rietzler, die von 20 (großteils Teil-zeit)MitarbeiterInnen unterstützt wird. „Die Gemeinde Haldenwang ist die einzige in ganz Bayern, die eine derartige Einrichtung so stark unterstützt und dies auch vertraglich mit der Diakonie festgelegt hat.“

Gerade glich die Kommune ein Defizit von 20 000 Euro aus dem Jahr 2013 aus. 10 000 Euro konnte die Tagespflege selbst aus Rücklagen abgelten. „Wenn wir das ganze Jahr über voll belegt sind, wie es 2012 der Fall war, können wir sogar Gewinn machen. 2013 aber mussten wir sehr viel Abschied nehmen, da sind viele unserer Gäste gestorben oder ins Pflegeheim umgezogen, daher das Defizit. Da wir auf die mit der Pflegekasse ausgehandelten Pflegesätze angewiesen sind, können wir unserer Preise selbstverständlich nicht willkürlich erhöhen“, erläutert sie.

Bürgermeister Josef Wölfle ist von der Wichtigkeit der Einrichtung überzeugt. „Der demographische Wandel ist in aller Munde und ich denke, man muss den Menschen vor Ort die Möglichkeit geben, ihre Angehörigen zur Tagespflege zu bringen. Ich halte es für eine ganz wichtige Sache, auch, um als Gemeinde attraktiv zu sein“, so Wölfle.

Sabine Stodal

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