Handyverträge und eBay als Gefahr

Zu einer Gesprächsrunde rund um das Thema „Armut und Schulden bei Kindern und Familien im Allgäu“ hat CSU-Staatssekretär Dr. Gerd Müller am Montag im Rahmen seiner Veranstaltungsreihe „Montags bei Müller“ eingeladen. Um sich ein Bild von der Situation im Allgäu machen zu können, diskutierte er das Thema mit fünf Experten aus der Region.

Kritik an den geplanten Kürzungen des Elterngeldes äußerte Steffi Kempter von pro familia Kempten. Es sei bedrückend zu erleben, wie sehr eine Schwangerschaft für einige eine erhebliche Bedrohung der sozialen und wirtschaftlichen Situation darstelle, gab sie zu bedenken. Wenn jetzt das Elterngeld noch gekürzt werde, sei es noch schwieriger den Betroffenen Perspektiven aufzuzeigen, eine Alleinerziehende sei auf die 300 Euro Mindestbetrag angewiesen. Müller bestätigte die Problematik und bezeichnete das Thema Elterngeld, dass derzeit in Berlin in Debatte sei, als Knackpunkt. Cathrin Haller, Vorsitzende des Kinderschutzbund Kempten, schilderte die Probleme mancher Eltern kurz nach der Geburt des Kindes. „Die Eltern suchen Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder, können es sich aber nicht leisten“, so Haller. In diesem Zusammenhang brachte Müller die Grundsicherung ins Spiel und ging mit Heinrich Schindele, Schuldnerberater beim Landratsamt Oberallgäu und der Caritas, der Frage nach, wer Anspruch auf die Grundsicherung hat und wie hoch sie ist. 359 Euro Arbeitslosengeld II (Hartz IV) plus Kosten für eine angemessene Unterkunft und Heizung stehen Schindele zufolge beispielsweise einem Alleinstehenden zu. Erwerbstätige haben monatlich Anspruch auf 985 Euro Grundsicherung inklusive der Miet- und sonstigen Lebensunterhaltskosten zu. „Mit dieser Grundsicherung, die jedem zusteht, ist Deutschland im europäischen Vergleich mit an der Spitze“, betonte Staatssekretär Müller. Ein weiteres Thema in der Gesprächsrunde war die Verschuldung. Wie Rainer Schaidnagel, Vorstandsmitglied der Raiffeisenbank Kempten, erläuterte, entstehen Schulden vor allem bei jungen Menschen oft durch Handyverträge und Internet (eBay). Die Schwierigkeit sieht Schaidnagel darin, dass durch den Gruppenzwang heutzutage viele Jugendliche den Wunsch nach „Fun-Gut“ haben und „an allen Ecken und Enden geworben wird, dass es überall leicht zu bekommen ist“, sagte er. Laut dem Geschäftsführer des Stadtjugendrings (SJR), Alexander Haag, ist oft der fehlende Versicherungsschutz Grund für die Verschuldung. Die Banken versuchen den Betroffenen zu helfen und sind laut Schaidnagel vielfach das Sammelbecken von einzelnen Krediten. „Ein Handyvertrag ist nichts anderes als ein Kredit“, machte er klar. Auch wenn man nicht telefoniere fallen monatlich die Kosten für das Handy an, das abbezahlt werden muss. In der Handy-Falle Das Handy sei als Verschuldungsfalle erkannt, so Müller. Das Gebiet sei jedoch nicht mehr durchschaubar, trotzdem muss sich der Verbraucherschutz darum kümmern. Wird der Schuldenberg zu hoch, droht den Betroffenen die Privatinsolvenz. Schuldnerberater Schindele versucht dann noch eine Lösung zu finden und den Gläubigern einen außergerichtlichen Vergleich anzubieten. Er veranschaulichte es an einem Beispiel: „Den Gläubigern wird angeboten, dass sie über sechs Jahre monatlich einen Betrag von 50 Euro bekommen, wenn sie dafür auf den Rest der Schulden verzichten“, erklärte er. Oft scheitere der Versuch aber, da die Verschuldeten nichts anzubieten hätten. Dann bleibt nur noch die Privatinsolvenz. Über sechs Jahre dürfen dann keine neuen Schulden gemacht werden und es wird ein möglichst hoher Teil des Gehaltes gepfändet. „Die Privatinsolvenzen in Kempten und im Oberallgäu sind mit 800 bis 1000 jährlich ganz erheblich gestiegen“, so Schindele. Oft sei Spiel- oder Alkoholsucht der Grund. Sein Augenmerk auf die Armut hat auch der SJR heuer mit seinem Jahresthema „Armut hat ein junges Gesicht“ gelegt. Haag zufolge spielt die Bildungsarmut eine große Rolle. „Ein Kind aus armen Verhältnissen hat 2,6 Mal schlechtere Möglichkeiten auf ein Gymnasium zu kommen“, führte er an. Daher sei ein zentrales Thema, wie Bildung geschaffen werden kann, auch außerschulisch. „Bildung ist der größte Armutsschutz“, so Haag. Raiffeisenbank-Vorstandsmitglied Schaidnagel plädierte dafür, dass mehr für die Ausbildung der Pädagogen getan wird, damit in der Schule Chancengerechtigkeit herrscht. Überhaupt ist das Kindesalter die Grundlage für die Entwicklung. „Die Karrieren für Glück oder Unglück beginnen im Kindergarten und in der Grundschule“, so Müller. Die Pädagogen dort beschäftigen sich laut dem Staatssekretär noch mit dem vollen Bereich der Begabung. Daher ist er auch der Meinung, dass Kindererzieherinnen unterbezahlt werden. Auch bei Arbeitgebern sollte ein Bewusstseinswandel erfolgen. Das Krankenhaus sei einer der größten Arbeitgeber in der Region, auch für viele Mütter, habe aber keine eigene Kinderkrippe bzw. einen Kindergarten. Haller erläuterte, dass gerade Schichtarbeitende oft Probleme mit der Kinderbetreuung hätten. Müller richtete einen Appell an die Unternehmen und hofft auf einen Elternbonus. „Der Staat kann nicht alles bezahlen.“

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