Startschuss gefallen

Mitreißendes Auftaktkonzert

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Gefeiert vom Publikum für die Performance des Bernstein-Stückes „I hate music“: Pianist Oliver Treindl, Künstlerischer Leiter des „Classix“-Festivals und Sopranistin Sophie Klußmann.

Kempten – „I hate music“ – mit dem kessen Werk des amerikanischen Großmeisters Leonard Bernstein startete das 11. Internationale Festival der Kammermusik am vergangenen Sonntag im gut besetzen Theater in Kempten (TIK).

Von diesem Gedanken waren die Besucher sicher meilenweit entfernt, als sie den Konzertsaal betraten, vor allem aber, als sie ihn nach einem großartigen Festivalauftakt begeistert verließen. 

„That is no country for old men” zitierte Festivalorganisator Dr. Franz Tröger den irischen Dichter William Butler Yeats bei seiner Eröffnungsrede. Yeats hatte offensichtlich Mühe mit dem Wandel vom Alten zum Neuen. Nicht so die Festivalmacher Tröger und Oliver Triendl, die unter dem Motto „Aus der Neuen Welt. Angeeignetes und Originäres“ einen „Suppentopf“ mit unterschiedlichsten Kompositionsformen kredenzen. Als „einmalige musikalische und kulturelle Instanz in Kempten“, wie Oberbürgermeister Thomas Kiechle Tröger würdigte, versprach der Grandseigneur für die Festivalwoche einen lohnenswerten Querschnitt durch mannigfaltige musikalische Ausdrucksformen.

Überraschend ging`s auf in die Neue Welt. Eriikka Maalismaa (Violine), Victor Julien-Laferrière (Violoncello) und Bengt Forsberg (Klavier) präsentierten sehr Ungewöhnliches für die ­Ohren. „Head On“ des Minimal Music-Meisters Philip Glass klang ein bisschen nach professionellem Einspielen, nach Erarbeiten von Elementen eines Werks. Minimalistisch, außergewöhnlich und trotz allem stimmgewaltig überzeugend.

Dagegen musste man beim nun folgenden „Thracian Sketches“ schon fast die Ohren spitzen. Der Composer in Residence zeigte sich mit seinem Werk als Solointerpret. Schnell war klar, wer seiner Klarinette einen solch zarten und trotzdem präsenten Hauch eines Tons entlocken kann, spielt auf höchstem Niveau. Derek Bermel artikulierte bulgarische Folklore in den mannigfaltigen Tonlagen seines Instruments. Tempo, Fülle und die Begeisterung des Publikums nahmen beim Vortrag gleichermaßen zu. Bermel schien mehr Klangfarben aus der Klarinette zu holen, als technisch überhaupt möglich und bildete eine Einheit mit dem wohl flexibelsten Holzblasinstruments der Kammermusik.

Mit Silvestre Revueltas „Drei Stücke für Violine und Klavier“ erhielt das Publikum einen Einblick in die lebendige Folklore Mexikos. Dan Zhu (Violine) übertrug die Energie dieses Werkes so sensibel, als hätte er alle emotionalen Färbungen schon zigfach durchlebt. Getragene, lyrische Passagen, plötzliche harte Kanten und eine große kompositorische Beweglichkeit – Oliver Triendl (Klavier) und Dan Zhu flossen sichtlich ein in die Kraft der Musik.

Der „Parable IV op. 110“ für Fagott des Komponisten Vincent Persichetti fehlte es nicht an Takt, da Jaakko Luoma die Freiheit „keines bestimmten Taktes“ bestens für sein Spiel nutze. Ebenso perfekt spielte er mit der „modernen Technik“ der marginalen Tonhöhenveränderungen in seinem durchwegs lebendigen Vortrag.

Nach diesen aufregenden Hörerlebnissen konnte man sich beim nun folgenden Ohrwurm der deutschsprachigen Oper „Die tote Stadt“ getrost zurücklehnen. Die Sopranistin Sophie Klußmann interpretierte „Mariettas Lied“ von Erich Wolfgang Korngold mit einer angenehm natürlichen Emotionalität und sinnlich-geschmeidiger Stimme, die auch in den Höhen nicht an Farbe verlor.

Trotz, oder vielleicht wegen ihrer einfachen Gestaltung bestach auch die „Elegie für Viola und Klavier“ von Elliott Cook Carter. Beim ausgewogenen Vortrag von Oliver Triendl am Klavier und dem ausdrucksstarken Spiel von Béatrice Muthelet auf der Viola ließ sich in idyllischer Romantik – mit heiterem Ausgang – schwelgen.

Zum Abschluss würzten schließlich noch Einflüsse der Zweiten Wiener Schule den Suppentopf der Neuen Welt. Das „Septett Nr. 2 Circus“ des Exilanten Hanns Eisler klang durchaus etwas – im positiven Sinne – revolutionär. Eisler komponierte eine spürbare Wirklichkeit in seine Musik. Und es fiel wieder auf: die starken Einzelstimmen im großartigen Zusammenspiel von Musikern, die kaum einen Tag zusammen proben konnten. Das ist eines der vielen Erfolgsgeheimnisse vom Classix-Festival in Kempten, dass jedes Jahr aufs Neue funktioniert.

„I hate music, but I like to sing“ so endete das Statement der Sopranistin Sophie Klußmann am Anfang des Konzerts. Singend verließ das begeisterte Publikum das Theater in Kempten (TIK) zwar nicht, aber sicher mit der ein oder anderen Melodie aus dem wunderbaren musikalischen Schmelztiegel des Abends im Ohr.

Cordula Amman

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