Hausaufgaben nicht gemacht

Zum Teil divergierende Meinungen der Diskutanten zur Euro-Krise im Klecks, aber auch Übereinstimmung zum Verbleib vakanter Euro-Staaten in der EU: Manfred Hegedüs (v.l.), Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Allgäu, Katharina Schrader, SPD-Kreisvorsitzende Kempten, MdL Linus Förster und Werner Gloning, DGB-Regionsvorsitzender. Foto: Spielberg

„Faule Griechen, Zockerbuden, miese Banker“, wer hört sie nicht, landauf, landab, die gängigen Klischees zum Thema Eurorettung. Der SPD-Kreisverband zumindest versuchte mit seiner Veranstaltung „Europa, wie soll es weitergehen?“ im Rahmen der Vortragsreihe „Im Blickpunkt“ ein wenig Licht ins Dickicht stumpfer Vorurteile zu bringen. So hatte man am Donnerstagabend den neuen Vorstandvorsitzenden der Sparkasse Allgäu, Manfred Hegedüs, zum Themenabend „Euro-Rettung“ ins Wirtshaus Klecks geladen. Zusammen mit dem Regionsvorsitzenden Werner Gloning vom DGB Allgäu-Donau-Iller, dem Europapolitischen Sprecher der SPD- Landtagsfraktion, Linus Förster, und der SPD-Kreisvorsitzenden Katharina Schrader saß an diesem Abend ein Quartett auf der Bühne, dass sich zwar in vielen Punkten in der Beurteilung der Krise einig war, das aber in der Lösungs-Frage durchaus unter- schiedliche Ansätze vertrat.

Zu Beginn stand die Finanzkrise des Jahres 2008 und der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Allgäu und Mitglied des Vorstandes der IHK-Regionalversammlung Kempten, Manfred Hegedüs, brachte es anschaulich auf den Punkt: Die Menge der weltweit hergestellten Güter und erbrachten Dienstleistungen, das weltweite Bruttosozialprodukt, begann sich ab 2008 in ein Missverhältnis zur weltweit sich im Umlauf befindlichen Geldmenge zu setzen. Vereinfacht könnte man es in etwa so darstellen: Wenn beim Monopoly-Spiel alle Straßen, Hotels und Häuser verkauft sind, benötigen die benachteiligten Spieler Kredite, um weitere Runden mitspielen zu können. Gewährt ihnen die Bank Kredite, fließt mehr Geld ins Spiel, was zur Folge hat, dass die Mieten steigen. Somit erhöhen sich die Einnahmen der privilegierten Spieler, die aber, da alle Werte bereits verkauft sind, in die Spekulation fliehen, was zu einer Blase führt, weil dieser keine realen Werte gegenüberstehen. Und so postuliert Hegedüs in einem Fazit: „Reale Wertschöpfung kommt nur aus realer Wirtschaft.“ Krise ist nicht gleich Krise Einen Unterschied zur Finanzkrise aus dem Jahre 2008 sieht Hegedüs allerdings zur jetzigen Krise des Euros, die er eher als eine Staatsschuldenkrise betrachtet. Hier haben einige Mitgliedsstaaten ihre Hausauf- gaben nicht gemacht. Ausgaben des Staates überstiegen um ein vielfaches die Einnahmen. Um bei diesem Missverhältnis liquide zu bleiben, wurden immer neue Staatsanleihen an Banken vergeben. Am Ende dieser Entwicklung mit horrenden Zinsbelastungen entstand eine Situation, bei der eine Rückzahlung dieser Kredite für die betroffenen Regierungen unmöglich wurde. Eine schlechte Bewertung durch die großen Ratingagenturen war dann nur der letzte Sargnagel vor dem vermeintlichen Staatsbankrott. Damit aber das ganze System nicht zum Einsturz kam, wurden von anderen, stärkeren Euro-Staaten, monetäre Hilfspakete in Form diverser Rettungsschirme in Aussicht gestellt. Hegedüs sieht diese betroffenen Nehmer-Staaten nun in der Pflicht solide zu wirtschaften, sprich ein funktionierendes Steuersystem zu etablieren und wirtschaftliche Reformen vorzunehmen. „Auch wenn es hart ist“, so der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Allgäu zu den Zuhörern im Saal, „diese Staaten müssen auch an ihrem öffentlichem Dienst Einsparungen vornehmen, sprich Entlassungen vornehmen“. Hier griff der DGB-Regionsvorsitzende Werner Gloning in die Debatte ein. „Es ist richtig“, so Gloning, strukturelle Maßnahmen auch im Bereich des öffentlichen Dienstes seien notwendig, allerdings dürfe nicht „kaputtgespart“ werden. Immerhin 21 Prozent der Menschen in Griechenland seien bereits von Arbeitslosigkeit betroffen und eine Zahl von nahezu 50 Prozent Jugend- arbeitslosigkeit lässt aufmerken, wie schlecht es vielen Menschen bereits im Zuge dieser Krise geht und lässt das Gespenst von epidemischer Massenverarmung im Süden Europas aufziehen, falls nicht zeitgleich mit Sparmaßnahmen auch in Arbeitsplätze investiert wird. Zudem sieht Gloning im Verlauf der Krise eine zunehmende Ablehnung der Demokratie in diesen Ländern wachsen und weist auf die dortigen drastischen Einschränkungen von Arbeitnehmerrechten hin. Ungleiche Verteilung Er sieht das momentane Disaster eher als eine unmittelbare Folge der Finanzkrise und moniert unter anderem, dass es immer noch keine wirksame Kontrolle von Hegde Fonds gibt. Auch bringt er die Ungleichverteilung von privatem Vermögen ins Spiel, indem er sagt, dass ein Prozent der reichsten Europäer das besitzen, was Länder wie Griechenland, Italien, Spanien und Portugal an Schulden haben. Hier zeigten sich Unterschiede in der Einschätzung zu Hegedüs Ausführungen. Es gab aber auch Übereinstimmungen an diesem Abend? Beide, Banker wie Gewerkschaftler, halten am Euro fest, ein Austritt einzelner Staaten, wie er von manchen deutschen Politikern „populistisch“ gefordert wird, wird eine Absage erteilt. Die Folgen wären fatal und unabsehbar, so unisono beide Gesprächsteilnehmer. Bisher sind Deutschland noch keine Verluste im Verlauf der Euro-Krise entstanden. Im Gegenteil: Deutschland profitiert als Exportnation durchaus von der momentanen Situation, die sich aber schnell ins Gegenteil umkehren könne, falls es nicht gelingt, Nationen wie Spanien oder Griechenland wieder auf wirtschaftlich gesunde Füße zu stellen. Da ist auch deutsche Solidarität gefordert, denn, so der Europapolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Linus Förster, „die vielen Vorzüge und Annehmlichkeiten der EU geraten angesichts der Finanzkrisen allzu oft in den Hintergrund, obwohl wir ihnen nahezu täglich begegnen“.

Meistgelesene Artikel

Ausblick und Austausch

Kempten – Knapp 200 Repräsentanten der verschiedenen Bereiche des Lebens in Kempten versammelten sich am Dienstagabend in der Schrannenhalle des …
Ausblick und Austausch

Lebensgefährtin versucht anzuzünden

Kempten – Am Donnerstagnachmittag vergangener Woche eskalierte ein Streit zwischen einem Pärchen, in dessen Verlauf der Mann offenbar versuchte seine …
Lebensgefährtin versucht anzuzünden

Schnell eingliedern mit "LASSE"

Kempten – Christian Kühn ist ein ganz normaler Mann. Täglich pendelt der 33 Jahre alte Familienvater von Füssen nach Kempten zur Arbeit. In der …
Schnell eingliedern mit "LASSE"

Kommentare